Das regionale Drogenkartell hatte den Holzhandel als lukratives Nebengeschäft entdeckt und ließ illegal Waldbestände in den Bergen rings um Cherán abholzen. Mit dramatischen Auswirkungen auf das Ökosystem. Der Grundwasserspiegel sank, die Versorgung der Stadt geriet in Gefahr, die gesamte Umgegend drohte zu veröden. Als der Holzraub an eine den Ureinwohnern heilige Quelle heranrückt, ist das Maß voll. Tapfere Frauen versperren den Holztransportern den Weg, die übrige Stadtbevölkerung solidarisiert sich und bringt nicht nur den Holzeinschlag unter ihre Kontrolle sondern verständigt sich auf die fortan autonome Selbstverwaltung des Gemeinwesens.
Was Steven Brown die mexikanischen Angelegenheiten überhaupt angehen und er, Mitbegründer der amerikanischen und Avantgardeformation Tuxedomoon mit Geschäftsadresse in der belgischen Kapitale Brüssel, einen Song über Cherán schreiben musste? Nach dem Ende von Tuxedomoon verlegt Steven Brown seinen Lebensmittelpunkt nach Mexiko, zuerst in die Hauptstadt, später nach Oaxaca im Süden, von wo aus er für Tanztheater, Bühnenstücke und Modenschauen weltweit komponiert, nebenher ein Haus baut, indigene Musikprojekte unterstützt, den auf historische Leinwandklassiker spezialisierten Cineastenklub Cinema Domingo gründet, aus dem das Cinema Domingo Orchestra hervorgeht, gedacht, um historische Filme mit modernen Soundtracks zu versorgen.
Nach "El Hombre Invisible" von 2022 ist "In This Very World" sein nächstes Songalbum. Neben "Cherán" begeistert eine autobiografisch konnotierte Coverversion von David Bowies "Panic In Detroit"; die Bezüge auf John Sinclair betreffen Steven Brown persönlich, als Student ist er Mitglied der White Panther Party des früheren Managers der MC5 gewesen. "Waltz No 2" stammt im Original von Dmitri Schostakowitsch. "Stars" geht zurück auf Ralph Waldo Emersons Essay "Nature", der britische Dichterkollege William Wordsworth stand bei "Wordsworth" Pate. "Danza de la Pluma" und "Pyramides" sind ursprünglich Soundtrackbeiträge gewesen, "Luce, Nella Terra And Lontano" wurde inspiriert von Kurzfilmen des Italieners Roberto Nanni. Die Instrumentalarbeit leisten auch mexikanische Musiker, was "In This Very World" längst nicht zum Ethnoalbum macht, aber der Musik Extravaganz verleiht. Ein wunderbarer Klangkosmos, der sich auftut! Hörgenuss und Erkenntnisgewinn liegen dicht beieinander!
Bernd Gürtler/TM
Steven Brown
"In This Very World"
(Crammed Discs/PIAS; 27.3.26)
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