Nach einem Hobbyfußballturnier in Regent's Park auf dem Heimweg zu seinem Wohndomizil im Londoner Stadtteil Walthamstow, kracht Nick Saloman mit dem Motorrad auf der High Street in ein Schlagloch, stürzt und bricht sich den Ellenbogen. Drei Wochen Krankenhausaufenthalt sind die bittere Konsequenz und dass ihm auch noch lange nach seiner Entlassung das Gitarrespielen unmöglich ist. Vom Schmerzensgeld aber, das die Stadtbezirksverwaltung von Camden doch noch zugesteht, kann er nicht nur auf einen Schlag überfällige Zahlungsraten für das kürzlich erworbene Familieneigenheim tilgen, sondern sich einen der ersten mobilen Vierspurkassettenrecorder vom Typ Tascam Porta One zulegen, obendrein mit Woronzow sein eigenes Schallplattenlabel starten.
Die vorausgegangenen Jahre sind wohl weniger durch physische Beeinträchtigungen gekennzeichnet, nennenswerte Karrierefortschritte ergeben sich leider auch nicht. Schon als junger Teenager von der Mutter, einer klassisch ausgebildeten Pianistin, mitgenommen zu Konzertauftritten der Beatles und Rolling Stones im Hammersmith Odeon beziehungsweise der Royal Albert Hall, entwickelt Nick Saloman alsbald das dringende Bedürfnis, selbst aktiv zu werden, gründet eigene Bands, bewirbt sich bei Procol Harum als Gitarristennachfolger für den ausgeschiedenen Robin Trower, wird während seiner Collegezeit in Weymouth Mitglied der skurrilen Oddsocks.
Zurück in London scheitert der Versuch, seinen Schulfreund Stuart Goddard zu einem gemeinsamen Bandprojekt zu überreden. Der Angesprochene, auch Klavierschüler von Nick Salomans Mutter, hat eigene Pläne. Unter dem Künstlerpseudonym Adam Ant wird er als Vertreter der britischen Stilgattung New Romantic für Furore sorgen. Dennoch kein Nachlassen in dem Bemühen, doch noch eine Band zusammenzubringen. Was mit The Von Trap Family gelingt; deren einziger offizieller Tonträger, die Single "Brand New Thrill", schafft es immerhin auf die Playlist von Radiolegende John Peel. Aus The Von Trap Family gehen Room 13 hervor, die wiederum in Museum münden, um schließlich als The Bevis Frond zurückzukehren; der Bandname, eine spontane Wortschöpfung ohne tiefe Bedeutung, beigesteuert ebenfalls durch einen ehemaligen Schulfreund, den später für seine Musikfilme und Videoclips berühmten Julian Temple.
Trotzdem, Auftrittsgelegenheiten halten sich in Grenzen, die Schallplattenlabels winken ab. Erst dann wendet sich das Blatt. Schnittmengen ergeben sich zwischen der Do-It-Yourself-Philosophie des heraufziehenden Punkrock und Nick Salomans "one-man cottage industry", wie er seine psychedelische Eigenbrötlerei gegenüber dem britischen Musikmagazin Record Collector bezeichnet. In den Anfangsjahren erledigt er buchstäblich jeden Handgriff selbst, schreibt sämtliche Songs, spielt sämtliche Instrumente, übernimmt die Rolle des Produzenten, kümmert sich um Vertrieb und Promotion. Zusätzlichen Rückenwind generiert ein Revival des Psychedelic Rock mit Bands wie Teenage Fanclub, The Dream Syndicate, The dB's, Rain Parade, den Bangles, den Soft Boys oder The Dukes Of Stratosphear, einem saisonalen Ableger von XTC.
Als ein Londoner Schallplattenladen von The Bevis Fronds Debütalbum "Miasma" auf Anhieb einhundertfünfzig Exemplare ordert, weiß Nick Saloman, dass er offenbar doch einiges richtig gemacht hat. Ab sofort erscheinen mitunter zwei, drei Alben pro Jahr, seit "Any Gas Faster" von 1990, aufgenommen in professionellen Tonstudios. "New River Head" von 1991, mit dem prominenten Folkfiddler Barry Dransfield und David Tibet von Current 93 als Gastmitstreiter, beschert den Undergroundhit "He'd Be A Diamond", gecovert von Teenage Fanclub, Elliott Smith, Mary Lou Lord und Juliana Hatfield. Knapp dreißig Albumeinspielungen sind bis heute erschienen, daneben diverse Kooperationen unter anderem mit Twink von den Pink Fairies, der unlängst verstorbenen amerikanischen Folkikone Country Joe McDonald sowie Psychedelicspezi Anton Barbeau.
Weshalb er ausgerechnet mit Psychedelic Rock so dermaßen dauerhaft erfolgreich ist? Die meisten Stilverwandten, die zeitgleich mit ihm ins Rennen gingen, singen allesamt "about taking a trip to the dark side of the mushroom", gab er dem Record Collector zu Protokoll. Er hingegen befasse sich mit "subjects closer to home: everyday things like the passing of time, which impacts us all. It’s really not rocket science. My music chimes with people because I really do mean it. I put my heart and soul into it, then I put all my musical influences into a mincer and out comes this sausage. A psychedelic sausage". Mit anderen Worten, Nick Salomans The Bevis Frond sind mehr das "A Hard Day's Night" der Beatles als Pink Floyds "Arnold Layne". Die beiden jüngeren Veröffentlichungen "Little Eden" und "Focus On Nature" sind in der Covergestaltung und Wahl des Albumtitels ziemlich eindeutig. Das mehr oder weniger parallel zur Tour im April 2026 erschienene "Horrorful Heights" kann als seine bislang rundeste Langspielscheibe gelten.
Bernd Gürtler/TM
The Bevis Frond
"Horrorful Heights"
(Fire; 3.4.26)
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Konzerte
19.04.26 Dortmund, Musiktheater Piano
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26.04.26 München, Backstage
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28.04.26 Rüsselsheim, Das Rind
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