Witzigerweise habt ihr zusammen mit eurer Musik gleich ein eigenes Stiletikett geprägt. Aggressive Hopecore lautet euer Stichwort. Was genau bedeutet das?
Gemeint ist die Dualität, die sich ergibt, wenn du dir eine Sache, die dich quält, von der Seele schaffst. Das kann aggressiv und kathartisch wirken, hat aber auch etwas Befreiendes. Du konfrontierst dich mit dem, was dich quält, und gehst gestärkt aus der Konfrontation hervor, kannst neue Hoffnung schöpfen.
Eure Debütsingle "Fuck It" enthält die Textzeile "go fuck it 'cause we’re all gonna die die die!". Sonderlich hoffnungsfroh wirkt das nicht.
Zugegeben, eine verstörende Aussage, aber keinesfalls nihilistisch gemeint. Die Textstelle ist eine Aufforderung, seine Zeit zu nutzen, nichts auszulassen, woran einem liegt. Das Hoffnungsvolle steckt in der Musik, der Song ermuntert zum Tanzen und Herumtoben.
Im Titelsong eurer Debüt-EP "Punchbag" verwahrt ihr euch dagegen, dass andere euch als Punchbag, als Boxsack benutzen. Gleichzeitig bietet ihr euch dem Publikum als Boxsack an, richtig?
Genau, der Song soll der Frustbewältigung dienen und ist Bestandteil eines Konzertprogramms, das wie ein gigantischer Boxsack angelegt ist. Weil von solch ungeheurer Intensität, bieten unsere Auftritte die Möglichkeit, ordentlich Dampf abzulassen, sich Erleichterung zu verschaffen wie beim Training an einem Boxsack. Der Song entstand, bevor wir beschlossen, dass unsere Band Punchbag heißen soll.
Entspringt das aggressive Element bei euch privaten oder eher gesellschaftlichen Umständen? Immerhin, die endgültige Verwandlung der Welt in ein Irrenhaus scheint kurz bevor zu stehen.
Das speist sich aus verschiedenen Quellen, daraus, dass wir in London leben, daraus, dass die Welt am Arsch ist, rührt aber auch aus dem Bedürfnis, zumindest ein bisschen Spaß zu haben. Liveshows sind noch eine der wenigen Gelegenheiten, für uns und das Publikum. Die Musik als Nische, als Ventil.
Denkt ihr, dass euer Leben ein besseres ist als das eurer Eltern und Großeltern? Oder ein schlechteres?
Unsere Großeltern mussten einen Krieg bewältigen, wir Corona. Nicht wirklich vergleichbar das beides, aber jede Generation sieht sich mit eigenen Herausforderungen konfrontiert. Wobei Corona eher ein Glücksumstand für uns war, damals sind Punchbag entstanden. Vermutlich würde es die Band aus uns beiden Geschwistern ohne Corona gar nicht geben. Die Zeit damals war für uns von entscheidender Bedeutung, wir konnten uns ausprobieren. Aber wir sind zuversichtlich, die Musik gibt uns Kraft.
Habt ihr irgendwann versucht, mit Nichtfamilienmitgliedern Musik zu machen?
Schon, aber nennenswert bloß mit unserer guten Freundin Michelle Leonard in Berlin. Sie schreibt Hits für Paul van Dyk, Nico Santos und Thomas Godoj. Unser "Fuck It" entstand in Kooperation mit ihr.
Es heißt, ihr beide lebt nach wie vor zu Hause bei den Eltern. Wie kommt euer Aggressive Hopecore an bei Mama und Papa?
Glücklicherweise liegt das Musikzimmer am anderen Ende des Hauses, und zum übrigen Wohnbereich dient mein Schlafzimmer als Pufferzone. Also das geht schon, und unsere Eltern sind sehr tolerant. Außerdem macht Anders das meiste auf dem Laptop.
Der Laptop scheint das wichtigste Instrument in der zeitgenössischen Populärmusik zu sein, oder?
Wir beobachten gerade eine Rückbesinnung auf traditionelle Bandbesetzungen. Leider fehlt es uns dafür an Mikrofonen. Aber der Laptop ist toll, das erfordert ein grundverschiedenes Herangehen. Es bieten sich schier unendliche Möglichkeiten, was manchmal geradezu überwältigend ist, aber eine hübsche Ausrede bietet, weshalb unsere Songs häufig abschweifen.
Parallel zu eurem Auftritt beim Polimagie Festival erscheint mit "I Am Obsessed" eine zweite EP. Was will der Titelsong mitteilen?
Unsere erste EP war eher ein Selfie, die zweite jetzt eine Nahaufnahme. Es geht mehr ins Detail, wirkt dramatischer und fördert Emotionen zutage. Der Titelsong betrifft Dinge, die du nicht mehr aus dem Kopf kriegst, die dich in Dauerschleife gefangen halten. Das kann auch eine Person sein, die du lieber aus deinem Leben streichen möchtest.
"Playing God", ebenfalls von der zweiten EP, handelt von solch einer Person. Ein ganz schlimmer Finger, jemand, der glaubt, Gott spielen zu dürfen. Wer wohl gemeint sein mag?
Die Bedeutung des Songs wandelt sich Tag für Tag. Eigentlich geht es um ein Mädchen und ihr Date. Inzwischen anwendbar die Situation auf das Weltgeschehen, wen immer man in der Rolle des Gottspielenden sehen möchte. "Playing God" ist zudem der einzige langsamere Song unserer Setlist.
Ist euch das Polimagie Festival ein Begriff gewesen, bevor ihr für die 2026er Ausgabe gebucht wurdet?
Nein, wir sind mal für eine Nacht in Dresden gewesen und bislang erst einmal in Deutschland aufgetreten.
Die Frage deshalb, weil das Polimagie Festival zum Hotspot britischer Bands geworden ist, sodass jedes Frühjahr von einer British Invasion die Rede sein kann.
Oh, wirklich? Tut uns Leid!
Muss es gar nicht, im Gegenteil.
Worüber sollten wir mit dem Dresdner Publikum sprechen, wenn wir gerade dabei sind?!
Keine Ahnung, ein Großteil wird in erster Linie tanzen und eine gute Zeit verbringen wollen.
Das können wir bieten. Wenn wir nicht völlig durchgeschwitzt von der Bühne gehen und das Publikum nach unserem Auftritt nicht komplett geschafft ist, haben wir etwas falsch gemacht. Wir sind gespannt!
Bernd Gürtler/TM
Das Polimagie Festival vermeidet jegliche Festlegung auf eine bestimmte Stilgattung. Relevanz sei das alleinige Auswahlkriterium bei der Programmzusammenstellung, heißt es mit schöner Regelmäßigkeit seitens des Veranstalters. Ein Schwerpunkt lässt sich dennoch fast immer ausmachen und 2026 ist es der, dass Rockbands wieder Rockbands sein dürfen, also aggressiv, kathartisch, laut und verschwitzt sind, weshalb sich ein Albumtitel der britischen Glamrocker Slade als Festivalmotto geradezu aufdrängt. Die British Invasion ist freilich nicht mehr dieselbe wie zu Zeiten der Beatles, als der Begriff geprägt wurde. Wegen George Harrisons Begeisterung für indische Klassik lassen sich bei den vier wegweisenden Liverpudlians später zwar ethnische Stileinflüsse erkennen, nichts dergleichen aber schlägt sich in der Besetzung nieder.
Heute sind multiethnische Personalkonstellationen unter britischen Bands keine Seltenheit mehr. Das beste Beispiel bei Polimagie 2026? Die Heavy Lungs aus Bristol natürlich. Sänger Danny Nedelko, von ukrainischer Herkunft, ist der Protagonist des nach ihm benannten Songs der Idels, und der Song selbst feiert multiethnisches, migrantisches Leben in Großbritannien.
Was sonst noch? Warmduscher auf jeden Fall, deren weicheihafter Bandname im scharfen Kontrast zu ihrem electronicagefärbten Postpunk steht; das britische Musikmagazin Clash bezeichnete die Formation um Sänger Craig Higgins alias Clams Baker Jr. als "the sleaziest, most debauched, and downright addictive experiences in London's guitar underground right now".
Adult DVD aus Leeds, auch ein Geschöpf der coronabedingten Lockdownzeiten, bieten wiederum Elektrobeats im Sinne des Postpunk dar; die BBC ließ das bei Fat Possum unter Vertrag genommene Sextett 2025 beim Glastonbury Festival auftreten. Bei Gans vereint die beiden Studienfreunde Euan Woodman und Thomas Rhodes aus Birmingham, geschätzt wegen ihrer schlauen Songtexte.
Zu Ellis D, amtierender Schlagzeuger der Londoner Elektropunker Fat Dog, vermerkt die deutsche Bookingagentur, man solle sich David Byrne und David Bowie vorstellen, "merged in a bizarre scene from a 1980s sci-fi bonanza". Keo, ein Quartett um die Gebrüder Keogh, ursprünglich aus Devon, jetzt in London ansässig, lassen es ruhiger und hymnischer angehen. Men An Tol, benannt nach einer Steinformation in Cornwall, verbinden keltische Folkelemente mit an Britpop geschulten Gitarrenklängen. Dazwischen die übrigen Bands aus Irland, Kanada, Schweden, Belgien, Frankreich, Neuseeland, Finnland sowie Deutschland, darunter Stockholms Indierockveteranen Shout Out Louds, deren "Wish I Was Dead" in den Soundtrack zur US-Fernsehserie "O.C. California" Eingang fand.
Bernd Gürtler/TM
Polimagie Festival 2026
Mittwoch 15.4./Ostpol
Heavy Lungs (UK)
Finnegan Tui (NZ)
Punchbag (UK)
Donnerstag 16.4./Beatpol
Ghostwoman (CAN)
Keo (UK)
Adult DVD (UK)
Gans (UK)
Freitag 17.4./Beatpol
Triggerfinger (B)
Grenzkontrolle (D)
Tukan (B)
Dressed Like Boys (B)
Men An Tol (UK)
Samstag 18.4./Beatpol
Sprints (IE)
Warmduscher (UK)
Naft (B)
Maustetytöt (FIN)
Ellis D (UK)
Sonntag 19.4./Beatpol
Shout Out Louds (S)
Marlon Megneé (F)
Crack Cloud (CAN)
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