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Laura Marling: Die weibliche Seite der Geschichte

Beachtlich die Querverweisdichte bei Laura Marling. Definitiv kein Durchschnitt ihre Songtexte! Und neuerdings der Fokus gerichtet auf die weibliche Seite der Geschichte. Als Leitstern dient der gebürtigen Britin Lou Andreas-Salomé, Tochter eines in den Adelsstand erhobenen Armeegenerals aus St. Petersburg, die mit Friedrich Nietzsche und dessen Philosophenfreund Paul Rèe eine intellektuelle Dreiecksbeziehung unterhielt, Rainer Maria Rilkes literarische Mentorin wurde und Denkansätze der Psychoanalyse vorwegnahm, was ihr die Bewunderung des Vaters der Psychoanalyse Sigmund Freud einbringt.

Foto: Justin Tyler Close
Foto: Justin Tyler Close
Foto: Justin Tyler Close

Das Interview findet im Sommer 2020 per Telefon statt. Thema ist das jüngste Album "Song For Our Daughter" (PIAS) und die Auswirkungen der Coronapandemie auf Kunst und Künstler natürlich.

Die Coronabeschränkungen des Frühjahrs noch präsent, für den Herbst zeichnen sich neue, noch schärfere ab. Wäre nicht nur aus reiner Höflichkeit die erste Frage, wie gehst du damit um?
Wie die meisten wohl. Ich habe mir eine Alltagsroutine zurechtgelegt und die letzten vier Monate mehr geübt als je zuvor. Die Beschränkungen haben auch ihr Gutes.

Du studierst nebenher Psychoanalyse, mit welchen Erkenntnissen zu Kontaktsperren, Ausgangsverboten und den Auswirkungen auf das soziale Wesen Mensch?
Großes Thema, aber die Auflösung dessen, was eine Gesellschaft zusammenhält, ist für viele eine dramatische Erfahrung. Jeder geht anders damit um. Das Bemerkenswerteste für mich ist, wie die Strukturen, die uns Halt geben, durch das Virus zerbröseln.

Zur Psychoanalyse gefunden hast du durch Lou Andreas-Salomé. Wie kam das?
Auf sie gestoßen bin ich durch biographische Recherchen zu Rainer Maria Rilke. Ich sollte das Libretto zu einer Oper schreiben, basierend auf seinem Leben. Er verbrachte eine seltsame Kindheit. Seine Mutter verlor ein Kind, bevor er geboren wurde. Ein Mädchen, die Mutter litt darunter, dass Rainer ein Junge war. Die ersten sieben Lebensjahre rief sie ihn Sophia, sie misgenderte ihn. Später, als er Lou Andreas-Salomé begegnete, einer der ersten Anhängerinnen von Sigmund Freud, wurde sie sein literarischer Beistand. Dank ihr konnte er frühere Erfahrungen aufarbeiten und der außergewöhnliche Dichter werden, der er war. Mich interessierte, welche Rolle ihr zufiel im Leben verschiedener Menschen, besonders im Leben von Rilke.

Was ist das Interessante am psychoanalytischen Schaffen von Lou Andreas-Salomé?
Ehrlich gesagt, ihr psychoanalytisches Schaffen interessiert mich nicht so sehr, obwohl ich das jetzt im Detail studiere. Es ist mehr wie sie gelebt hat. Ihr Glaube, ihr intellektuelles Vermögen und ihre Sexualität waren eng miteinander verknüpft. Sie blieb vierzig Jahre in einer nie vollzogenen Ehe, glaubte, dies sei die Quelle ihres akademischen Potentials. Sie unterhielt platonischer Beziehungen zu Männern, Intellektuellen. Damals bekamen nicht viele Frauen Zugang zu solchen Kreisen. Aus vielerlei seltsamen Gründen ist ihr Leben ungewöhnlich gewesen.

Lässt sich wenigstens sagen, wieviel von Lou Andreas-Salomé zum Beispiel in den Songs deines Albums "Song For Our Daughter" steckt? Nur um die Songs besser zu verstehen?!
Gute Frage, meine Beschäftigung mit ihr geht auf meine Recherchen zu dem Libretto zurück, Jahre vor dem Album. Was eher Auswirkungen hatte, wie ich mich zu historischen Frauenfiguren in Beziehung setze. Jemand wies mich darauf hin, moderne Feministen tappen oft in die Falle, dass sie denken, sie müssten brillante Frauen der Vergangenheit aus den Umständen ihrer Zeit befreien. Das ist problematisch. Beim Schreiben des Albums wollte ich vermeiden, gönnerhaft gegenüber Frauenfiguren zu sein.

Die Ursprünge deiner Songs lassen sich in der Regel schlecht bis gar nicht zurückverfolgen. Du geizt mit biographischen Details und erklärst dich selten, von Ausnahmen abgesehen. "Fortune" vom Album "Song For Our Daughter" nimmt Bezug auf deine Mutter und eine geheime Geldreserve, angelegt von der Mutter für den Fall der Fälle, konnte ein Journalistenkollege der BBC in Erfahrung bringen.
Ja, richtig. Ich schreibe selten autobiographisch, aber diese Songidee kam von meiner Mutter. Falls sie mal das Weite suchen müsste, hatte sie Fünfzig-Pence-Münzen oberhalb der Waschmaschine aufbewahrt. Ich fragte sie, weshalb. Sie, weil ihre Mutter dasselbe getan hat. Eine seltsame, comichafte, tragische Behauptung ökonomischer Freiheit. Drumherum ist der Song gebaut.

Denkst du, dass sich die Situation der Frauen verbessert hat seit den Zeiten deiner Mutter oder Großmutter?
Viel hat sich nicht geändert, fürchte ich. Was mich geprägt hat. Ich bin immer auf meine Selbständigkeit bedacht, dass meine Freiheit physisch ist. Dass ich finanziell unabhängig bin, mir meine Bewegungsfreiheit bewahre. Eine Reaktion sicherlich auf Erlebnisse aus meiner Kindheit mit weiblicher ökonomischer Ohnmacht.

Mit deiner Heldin Lou Andreas-Salomé teilst du die exklusive Herkunft. Dein Vater Sir Charles William Somerset Marling ist ein Baronet in der fünften Generation, ein Vertreter des Landadels, der eine Rockmusikbegeisterung entwickelt und am Familiensitz im englischen Berkshire ein Recording Studio eröffnet hat. Unter seinen Klienten Berühmtheiten, die man kennen müsste?
Durchaus, die gab es. Der berühmteste Song war sicher "There She Goes", das gesamte Album müsste dort eingespielt worden sein. Das Studio wurde geschlossen, als ich noch sehr klein war.

"There She Goes" war eine Hitsingle der BritPop-Formation The LA's vom Debütalbum, benannt nach der Band und erschienen 1990. Der britischen Musikzeitschrift New Musical Express galt "There She Goes" als einer der "500 Greatest Songs Of All Time". Kennern dämmert es langsam. Wie hieß das Studio deines alten Herrn?
Woodcray Studios.

Über deine Kindheit und Jugendjahre sind bislang höchstens Bruchstücke bekannt. Geboren 1990 in Berkshire, Besuch der Waverly Primary School in Finchampstead, danach an die Leighton Park School in Reading, eine Privatschule, die wie wichtig war?
Die war nicht wichtiger als jede andere Schule. Besuchen konnte ich die Einrichtung wegen eines Stipendiums für Musik. Das Akademische lag mir weniger. Das Musikstipendium bedeutete, dass ich meine Zeit mit Musik ausfüllte. Mit Sechzehn verließ ich die Schule, der Unterricht brachte mir nichts. Die Schule war schon wichtig, eine gute Ausbildung ist eine feine Sache. Aber jede Form von Bildung, besonders in Großbritannien, stellt nicht sicher, dass jeder bekommt, was er braucht, um sich entfalten zu können.

Dein Songkatalog steckt voller Referenzen, allein dein Album "Song For Our Daughter" verweist auf Leonard Cohen und dessen Song "Alexandra Leaving", auf Graham Greene und dessen Roman "The End Of The Affair", auf den britischen Theaterregisseur Robert Ickes und seine Bearbeitung von Schillers Bühnendrama "Maria Stewart". Der Albumtitel ist angelehnt an Mary Angelou und ihr Buch "Letter To My Daughter". Da hat aber trotzdem jemand gut aufgepasst in der Schule, könnte man denken?
Irrtum, das Lernen begann für mich nach der Schule. Fast mein gesamtes Lernen ist Eigeninitiative, ich bin meiner eigenen Nase gefolgt. Meine Lebensumstände ließen es zu, dass ich dem nachgehen konnte. Das ist das Privileg meines Lebens, ein Schallplattenvertrag mit Sechzehn und immer interessiert an Dingen, die mich dorthin brachten, wo ich bin. Ich bin dankbar dafür. Weiß nicht, ob sich das für jeden organisieren lässt. Die Schule ist es bei mir jedenfalls nicht gewesen.

Deine sechs Studioalben, die zwischen 2008 und 2020 erschienen sind, erzählen von den Irrungen und Wirrungen des Heranwachsens, angedeutet jeweils im Albumtitel. "Alas, I Cannot Swim" hieß das Debütalbum, gefolgt von "I Speak Because I Can", "A Creature I Don't Know", "Once I Was An Eagle", bis du dich nach "Short Movie" mit "Semper Femina" und "Song For Our Daughter" offenkundig der weiblichen Seite der Geschichte zuwendest?
Richtig, ich hatte immer Interesse an weiblicher Ikonographie. Eher unbewusst, aber je älter ich wurde, umso besser verstand ich. Es wurde mir wichtiger, Kontrolle über eine weibliche Erzählung zu bekommen. Davor, stimmt, ging es ums Heranwachsen.

Der Albumtitel "Semper Femina" bezieht sich auf den griechischen Dichter Publius Vergilius Maro und sein Epos "Aeneid" und bedeutet übersetzt aus dem Lateinischen so viel wie "Always Woman". Bevor der letzte Song ausgeklungen ist, fällt eine Tür ins Schloss. Das wiederum bezieht sich auf Henry Ibsens Theaterstück "A Doll's House" und gilt als Hinweis, dass du im Anschluss eine neue musikalische Entwicklungsstufe bewältigen wolltest, mit Mike Lindsay von der Folktronika-Band Tunng. Das gemeinsame Duoprojekt nannte sich Lump. Welchen Stellenwert hat es für dich?
Ich denke, Lump, das psychedelische Nebenprojekt, meine andere Band eigentlich, ist so extravagant und surreal, dass mir der Druck genommen wurde, unter meinem Namen auftreten zu müssen. Lump erlaubte mir, das Songwriting hintenanzustellen, und hat mich motiviert, als Songschreiberin interessanter zu sein. Hatte sein Gutes.

Welche Alben außer "Song For Our Daughter" oder "Semper Femina" würdest du deinen Hörern sonst noch ans Herz legen?
Ich denke, "I Speak Because I Can" ist eine gute ältere Scheibe und zugänglicher. Schwieriger dagegen "Once I Was An Eagle", mein viertes Album, für mich das Beste, das ich gemacht habe. Nicht jeder sieht das so. Was ich mag, finden andere meistens weniger gut. Schwer zu beurteilen für mich.

Verglichen wirst du oft mit Joni Mitchell, was hältst du davon?
Das geht in Ordnung, es gibt schlimmere Vergleiche.

Es heißt, Joni Mitchells "Blue" sei neben "Horses" von Patti Smith ein Schallplattengeschenk deiner Eltern zum dreizehnten Geburtstag gewesen?
Die habe ich mir sicher selbst gekauft, von meinem Taschengeld.
Bernd Gürtler/TM

Video/Audio
"Song For Our Daughter"
"Fortune"

In den Woodcray Studios sind neben dem Debütalbum der LA's mehrere Alben von Black Sabbath entstanden, darunter "Headless Cross". Red Lorry Yellow Lorry sind da gewesen, The Men The Couldn't Hang, der britische Country-Star Frank Jennings, Mike Cooper oder Ranking Roger, später Mitglied der Neo-Ska-Band The Beat.

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