Stadtmagazin SAX

Faszination Kamtschatka: Wo der Dresdner Komponist Alexander Morawitz Inspiration findet

Von erfrischender Tatkraft ist das gewesen. Corona machte die Runde im Frühjahr, ein Lockdown wurde verhängt, und die sächsische Residenzmetropole ging zügig mit der Initiative #stayathomeandbecreative an den Start. Künstler, die in Dresden ansässig sind und pandemiebedingt ihre Tätigkeit nicht öffentlich ausüben konnten, sollte ihr kreatives Schaffen per Videoclip dokumentieren. Die besten Clips wurden mit Geldzuwendungen bedacht. Unter den Auserwählten auch Alexander Morawitz mit einer Komposition für präpariertes Klavier zu Fotobildern von seinen Kamtschatkareisen.

SAX 11/20

SWR2 Musikpassagen

Stoppok: Rockstar? Nein danke!

 

Die ganz große Rockbühne ist Stoppok immer suspekt gewesen. Der gebürtige Hamburger, aufgewachsen im Ruhrgebiet, gibt den Underdog aus Überzeugung. Stadionkonzerte lassen dem Künstler überhaupt keine Möglichkeit eines individuellen Reagierens, argumentiert er. Und für den Fall, dass man sogar "einen Hit hatte, wo alle denken, der spielt unser Lied, bist du darauf festgenagelt. Es gibt nur wenige Künstler, die es schaffen, sich in eine andere Richtung zu beamen. Aber die meisten leiden darunter." Stattdessen gibt er viel lieber Klubkonzerte und muss dann wenigstens auch niemanden fragen, wenn er wie bei seinem jüngsten Studioalbum "Jubel" vom Frühjahr 2020, gegen Fremdenfeindlichkeit Position bezieht oder den Zustand des Planeten beklagt.

SWR2 Musikpassagen; 29.11.20/23.03-24Uhr

 

Moanin' In The Moonlight: Mit den Bluesanleihen ihres Albums "Metal, Meat & Bone-The Songs Of Dyin’ Dog" verweisen The Residents auf biographische Wurzeln im Süden der USA

Kaliforniens berühmte Unbekannte, sorgsam gehütet nach wie vor das Geheimnis ihrer wahren Identität. Konzerte und anderweitige öffentliche Auftritte bestreiten sie in kuriosen Verkleidungen. Die Einzelleistung geht auf in der Anonymität des Kollektivs. Ein dadaistisches Moment, das Sinn ergab als die Residents zu Beginn der siebziger Jahre Gestalt annahmen. Die Beatles gingen getrennte Wege damals, das Bandmodell verlor vorübergehend an Attraktivität, während gleichzeitig die ersten Rocksuperstars das Parkett betraten. Signifikant genug jenes Phänomen, dass es lohnend erschien, sich daran abzuarbeiten.

Das Albumcover von "Meet The Residents" parodiert das Frontcover zu "Meet The Beatles" nach dem Vorbild von Marcel Duchamps Schnurrbart an Leonardo da Vincis "Mona Lisa". "Third Reich & Roll" beleuchtet das totalitaristische Element des Rock. Dort auf dem Frontcover Dick Clark, Zeremonienmeister amerikanischer Musikfernsehshows für jugendliches Publikum, abgebildet in Nazi-Uniform, in der linken Hand eine Mohrrübe. Das "Commercial Album" widmet sich dem Warencharakter jedweder Populärmusik, die insgesamt vierzig Stücke von jeweils einer Minute Länge, verdichten die Songform zu jeweils einem Werbejingle. Danach rücken verschiedene Facetten des amerikanischen Alltags in den Fokus, das hemmungslose Konsumstreben, der religiöse Eifer, letzteres herausragend aufbereitet mit "Wormwood".

Praktisch seit Gründertagen sind die Residents Vorreiter in Sachen technischer Neuerungen, entwickeln unter Einsatz primitivsten Equipments eine frühe Form des Samplings, arbeiten bereits mit Video als das Medium kaum ein Begriff ist, erschaffen bahnbrechende Videoclips, die sogar auf MTV laufen, erschließen sich wie kaum jemand sonst die kreativen Möglichkeiten von CD-ROM und DVD. Noch etwas später wird technischer Fortschritt zum Thema der Stücke, siehe "Ghost Of Hope", ihr Album über die Vorzüge und Gefahren der Eisenbahn, lesbar als Parabel auf die Vorzüge und Gefahren des Internets.

Interviews der Residents bestreiten abwechselnd zwei Pressesprecher, die gewöhnlich unmaskiert zum Termin erscheinen und beide biographisch im Süden der USA verwurzelt sind. Hardy Fox, 2018 verstorben, stammt aus Longview, Texas, Homer Flynn aus Shreveport, Louisiana. Eben daran angeknüpft ist "Metal, Meat & Bone-The Songs Of Dyin’ Dog".

Der Booklettext der Doppel-CD berichtet von Homer Flynns High-School-Kumpel Roland Sheehan aus Dubach, Louisiana, dem Gewährsmann der Residents für ihre Südstaatenherkunft, der auch in ihrer Dokumentarfilmbiographie "The Theory Of Obscurity" vorkam. Von ihm heißt es, er sei Mitte der sechziger Jahre einem gewissen Alvin Snow begegnet. Der Mann, ein Albino und häufig verwechselt mit Johnny Winter deshalb, betrieb, angetan von Bluesurgestein Howlin' Wolf, unter dem Künstlerpseudonym Dyin' Dog eine eigene Bluescombo. Eine Magnetbandspule mit Studioeinspielungen der Band, gedacht zur Veröffentlichung auf dem in Shreveport, Louisiana, ansässigen Blueslabel Jewel Records, fand Roland Sheehan zufällig beim Aufräumen, wird kolportiert. Und dass "Metal, Meat & Bone" zehn der Dyin'-Dog-Originalsongs sowie Neueinspielungen der Residents enthält.

Das Ganze selbstredend ein Fall fürs Lügenmuseum wie seinerzeit die Inuit-Musik von "Eskimo", als sich die Residents erstmals in ihren überdimensionalen Augapfelmasken, den berühmten Eyeballs mit Zylinderhut sehen ließen. Wobei die krude Begleitstory regelrecht einlädt, eine eigene Geschichte zu spinnen. Die Band selbst geht mit gutem Beispiel voran, platziert auf YouTube die Kurzdoku "The Residents Present Dyin' Dog" und im Rahmen der Website The Chiseler unter der Überschrift "Lost In The Blues: The Search for Dyin’ Dog" die Schwärmerei eines ominösen Bluesfans, der auf Schallplattenbörsen angeblich zwei Exemplare einer Dyin'-Dog-Single auf Jewel Records aufstöbert.

Wie so oft legen die Residents den Finger an den Puls der Zeit. Black Lives Matter beherrscht die Schlagzeilen, und Blues verkörpert neben dem Jazz eine der bedeutendsten kulturellen Errungenschaften des schwarzen Amerika. Der Videoclip zu "Die! Die! Die!" nimmt Bezug auf Corona. Blues und Virus gemeinsam ist, dass sie um die Welt gingen.
Bernd Gürtler/TM

"Lost in the Blues: The Search for Dyin’ Dog"
"The Residents Present Dyin' Dog"