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Stadtmagazin SAX

Alles wie gehabt, das kann ein Qualitätsmerkmal sein: Aufregende Musik jedenfalls auch beim zehnten Sound Of Bronkow Festival

"Anders als im Vorjahr ist eigentlich genau gar nichts", entgegnet Lars Hiller auf die beherzte Journalistenfrage, welche Änderungen beim diesjährigen Sound Of Bronkow Festival zu erwarten sind. Immerhin, die zehnte Spielzeit steht ins Haus. Drängt es nach so langer Zeit nicht nach Veränderung? Nicht den Festivalveranstalter K&F Records, das feine, kleine Dresdner Schallplattenlabel für Americana, Indiefolk und Singer/Songwriter, das Lars Hiller gemeinsam mit Mario Cetti betreibt. Sein Labelmitstreiter und er seien "ziemliche Traditionalisten", die ungern von etwas abrücken, das sich richtig anfühlt, sagt er und gibt im SAX-Interview einen Überblick über das diesjährige Sound-Of-Bronkow-Programm.
SAX 8/19

SWR2 Musikpassagen

Der amerikanische Songpoet Eric Bibb: Geschichtenerzähler in Zeiten der Globalisierung

Nicht nur, dass Eric Bibb jemanden verkörpert, der es ohne jede Einschränkung verdient, als weltgewandt bezeichnet zu werden. Bei seiner Biographie erfüllt er sogar die Kriterien eines Geschichtenerzählers, der buchstäblich in der Welt zu Hause ist. Sein im Herbst 2018 veröffentlichtes Album "Global Griot" vereint scharfsinnige Kommentare zum Weltgeschehen mit Anleihen bei musikalischen Errungenschaften jener Menschen, deren Vorfahren aus Afrika verschleppt und jenseits des Atlantiks als Sklaven geknechtet wurden. Verwoben werden nigerianischer Highlife mit Cora-Sounds aus Mali und karibischen Reggae-Elementen. Manchmal kommt auch der Blues des Mississippi Deltas zum Vorschein.

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Und ausserdem

Die Band, die Anspruch auf die Krone hätte

Nächste Runde für Jad Fair & Half Japanese

Symbolträchtiger konnte das Albumcover kaum sein. Vorn auf "The Band That Would Be King" zwei Boxchampions im Ring. Der, der im nächsten Moment durch einen Kinnhaken zu Boden gehen wird, zeigt die Gesichtszüge von Elvis Presley. Der andere, der den King Of Rock'n'Roll souverän niederstreckt, ist zweifelsfrei Jad Fair, Sänger und Gitarrist der Half Japanese. Gemeinsam mit seinem Bruder David gründete er Mitte der siebziger Jahre jene Band, die den angloamerikanischen Rock ordentlich aufmischen sollte. Zwar hatte der Punk eingängige Songformen und knackige Gitarrenriffs gerade erst wieder salonfähig gemacht, darüber hinaus eine DIY-Philosophie etabliert soweit das die Schallplattenproduktion, deren Veröffentlichung und Vertrieb betraf. Was einer neuen Andersartigkeit den Weg bereitete, gar keine Frage. Jedoch Kinderkram war gegen die Half Japanese, die den DIY-Gedanken kurzerhand auf die Musik selbst übertrugen. Von den viel beschworenen drei Akkorden benötigten sie keine zwei, genaugenommen sogar weniger als einen. Ihrer No-Chord-Ästhetik entsprechend spielte Jad Fair seine Gitarre in der Regel ungestimmt und verzichtete bei Konzertauftritten oft darauf, sein elektrisches Instrument an einen Verstärker anzuschließen. Das sei seine Gitarre, damit könne er tun und lassen was ihm beliebt, lautete sein Standardkommentar.

Leidenschaft und Originalität standen hoch im Kurs, virtuoses Handwerk weniger. Logisch, dass sich der etablierte Musikbetrieb eher reserviert gab. Umso mehr sind diejenigen begeistert gewesen, die es auch versuchen und überhaupt erst fußfassen wollten. Unter anderem Kurt Cobain (Nirvana), Lee Ranaldo (Sonic Youth), Peter Buck (R.E.M.) und Norman Blake (Teenage Fanclub) nennen die Half Japanese als wichtigen Einfluss.

Ihr Schallplattendebüt gab die Band 1978 mit "Calling All Girls", einer EP, deren Erstpressung heute ein gesuchtes Sammlerstück ist. Gefolgt 1980 vom ersten Album "Half Gentlemen/ Not Beasts". 1989 erscheint "The Band That Would Be King", mit Gastauftritten der Seelenverwandten Don Fleming (Velvet Monkeys, B.A.L.L., Gumball), Kramer (Shockabilly, Gumball, Shimmy Disc) Fred Frith und John Zorn; Daniel Johnston ist in Gestalt zweier Coverversionen vertreten. Nach "Hello" von 2001 werden die Half Japanese vorerst zur Ruhe gebettet. Jad Fair realisiert diverse Soloprojekte und widmet sich der Kunst des Scherenschnitts. Ursprünglich ein Zeitvertreib für die Wegstrecken von einem Auftrittsort zum nächsten und schon länger zur Covergestaltung herangezogen, bestreitet er mit seinen Papierkreationen Anfang der Nullerjahre Ausstellungen in New York, Tokyo und Berlin.

Seit 2014 erscheinen mehr oder weniger regelmäßig neue Alben, "Invincible" (Fire) vom Februar 2019 heißt das jüngste. Die Musik ist professioneller, keineswegs konventioneller geworden. Mit durchdringender Bubenstimme trägt Jad Fair wie gehabt Liebeslieder und Vampir-Geschichten vor. Ein Großteil des Backkatalogs wurde jeweils zu drei Alben in den CD/Vinyl-Boxsets "Half Japanese Volume One/Two/Three/Four" (Fire) zusammengefasst. Ein Schatz, den es zu entdecken gilt. Das hörend, dürfte schwerlich zu leugnen sein, dass die Half Japanese durchaus Anspruch auf die Krone hätten. Genauso essentiell ihre Leistung wie Elvis Presleys Debütsingle "That's Alright"/"Blue Moon Of Kentucky" vom Juli 1954 und einiges von den Scheiben danach. Wofür ihm die amerikanische Entertainmentzeitschrift Variety bereits 1956 den Ehrentitel King Of Rock'n'Roll verlieh.
Bernd Gürtler/TM