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Pauls Jets: Eskapismus als Notwehr

 

Sehr viel wird sich wahrscheinlich gar nicht erzählen lassen, gibt Paul Buschnegg vorsichtshalber zu bedenken, als wir uns am Rande des Konzerts seiner Band Pauls Jets Ende Juni in Berlin zum Interview treffen. Hinter ihm liegt eine ausgedehnte Konzertstrecke mit den Jets, er wirkt müde, grübelt, ob Konzertegeben überhaupt das Richtige für ihn ist, heute hier, morgen dort, übermorgen ganz woanders. Von daher war ohnehin Rücksichtnahme geboten. Dennoch vollkommen ausreichend die Begegnung, um ermessen zu können, dass das eskapistische Moment der Songs ihres dritten Albums "Jazzfest" reine Notwehr sein dürfte.

Interview mit Pauls Jets in SAX 8/22

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Nichtseattle: Verlorengegangen im Irgendwo

 

"Podcast tm" ist ein Ableger meiner Website "talkingmusic.de" und verbindet Interviews, Wortbeiträge sowie Musik zu kurzweiligen Hörstücken. Sowohl Website als auch Podcast verstehen sich als Forum populärer Musik. Ab sofort wird der Podcast als Langform in der Spotify-App bereitgestellt, was den Vorteil hat, dass die Episoden vollständige Musikstücke enthalten können und die Abspielerlöse den konkreten Künstlern zugutekommen. Thema der aktuellen Episode sind Nichtseattle, die Band der Ostberlinerin Katharina Kollmann und ihr zweites Album "Kommunistenlibido". Zeitgleich mit dem Podcast ist eine Crowdfunding-Kampagne gestartet.

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Ich bin Musikjournalist aus Leidenschaft. Besonders am Herzen liegen mir die populärmusikalischen Randbereiche, die eher selten im Fokus der Medienaufmerksamkeit stehen, obwohl genau dort spannende Dinge passieren. Eben weil das so ist, habe ich diese Website gestartet, gekoppelt an eine Crowdfunding-Kampagne bei der Berliner Crowdfunding-Plattform Steady. Denn die Themen müssen recherchiert, Interviews geführt, die Beiträge geschrieben werden. Und kein millionenschwerer Finanzinvestor, kein einflussreiches Verlagshaus weit und breit. Was mir zur Verfügung steht, sind meine langjährige journalistische Berufspraxis und ein grenzenloser Enthusiasmus. Bitte werdet Unterstützer meiner Website! Jeder Betrag, ob groß oder klein, ist willkommen.
Bernd Gürtler/TM
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Moanin' In The Moonlight: Mit den Bluesanleihen ihres Albums "Metal, Meat & Bone-The Songs Of Dyin’ Dog" verweisen The Residents auf biographische Wurzeln im Süden der USA

Kaliforniens berühmte Unbekannte, sorgsam gehütet nach wie vor das Geheimnis ihrer wahren Identität. Konzerte und anderweitige öffentliche Auftritte bestreiten sie in kuriosen Verkleidungen. Die Einzelleistung geht auf in der Anonymität des Kollektivs. Ein dadaistisches Moment, das Sinn ergab als die Residents zu Beginn der siebziger Jahre Gestalt annahmen. Die Beatles gingen getrennte Wege damals, das Bandmodell verlor vorübergehend an Attraktivität, während gleichzeitig die ersten Rocksuperstars das Parkett betraten. Signifikant genug jenes Phänomen, dass es lohnend erschien, sich daran abzuarbeiten.

Das Albumcover von "Meet The Residents" parodiert das Frontcover zu "Meet The Beatles" nach dem Vorbild von Marcel Duchamps Schnurrbart an Leonardo da Vincis "Mona Lisa". "Third Reich & Roll" beleuchtet das totalitaristische Element des Rock. Dort auf dem Frontcover Dick Clark, Zeremonienmeister amerikanischer Musikfernsehshows für jugendliches Publikum, abgebildet in Nazi-Uniform, in der linken Hand eine Mohrrübe. Das "Commercial Album" widmet sich dem Warencharakter jedweder Populärmusik, die insgesamt vierzig Stücke von jeweils einer Minute Länge, verdichten die Songform zu jeweils einem Werbejingle. Danach rücken verschiedene Facetten des amerikanischen Alltags in den Fokus, das hemmungslose Konsumstreben, der religiöse Eifer, letzteres herausragend aufbereitet mit "Wormwood".

Praktisch seit Gründertagen sind die Residents Vorreiter in Sachen technischer Neuerungen, entwickeln unter Einsatz primitivsten Equipments eine frühe Form des Samplings, arbeiten bereits mit Video als das Medium kaum ein Begriff ist, erschaffen bahnbrechende Videoclips, die sogar auf MTV laufen, erschließen sich wie kaum jemand sonst die kreativen Möglichkeiten von CD-ROM und DVD. Noch etwas später wird technischer Fortschritt zum Thema der Stücke, siehe "Ghost Of Hope", ihr Album über die Vorzüge und Gefahren der Eisenbahn, lesbar als Parabel auf die Vorzüge und Gefahren des Internets.

Interviews der Residents bestreiten abwechselnd zwei Pressesprecher, die gewöhnlich unmaskiert zum Termin erscheinen und beide biographisch im Süden der USA verwurzelt sind. Hardy Fox, 2018 verstorben, stammt aus Longview, Texas, Homer Flynn aus Shreveport, Louisiana. Eben daran angeknüpft ist "Metal, Meat & Bone-The Songs Of Dyin’ Dog".

Der Booklettext der Doppel-CD berichtet von Homer Flynns High-School-Kumpel Roland Sheehan aus Dubach, Louisiana, dem Gewährsmann der Residents für ihre Südstaatenherkunft, der auch in ihrer Dokumentarfilmbiographie "The Theory Of Obscurity" vorkam. Von ihm heißt es, er sei Mitte der sechziger Jahre einem gewissen Alvin Snow begegnet. Der Mann, ein Albino und häufig verwechselt mit Johnny Winter deshalb, betrieb, angetan von Bluesurgestein Howlin' Wolf, unter dem Künstlerpseudonym Dyin' Dog eine eigene Bluescombo. Eine Magnetbandspule mit Studioeinspielungen der Band, gedacht zur Veröffentlichung auf dem in Shreveport, Louisiana, ansässigen Blueslabel Jewel Records, fand Roland Sheehan zufällig beim Aufräumen, wird kolportiert. Und dass "Metal, Meat & Bone" zehn der Dyin'-Dog-Originalsongs sowie Neueinspielungen der Residents enthält.

Das Ganze selbstredend ein Fall fürs Lügenmuseum wie seinerzeit die Inuit-Musik von "Eskimo", als sich die Residents erstmals in ihren überdimensionalen Augapfelmasken, den berühmten Eyeballs mit Zylinderhut sehen ließen. Wobei die krude Begleitstory regelrecht einlädt, eine eigene Geschichte zu spinnen. Die Band selbst geht mit gutem Beispiel voran, platziert auf YouTube die Kurzdoku "The Residents Present Dyin' Dog" und im Rahmen der Website The Chiseler unter der Überschrift "Lost In The Blues: The Search for Dyin’ Dog" die Schwärmerei eines ominösen Bluesfans, der auf Schallplattenbörsen angeblich zwei Exemplare einer Dyin'-Dog-Single auf Jewel Records aufstöbert.

Wie so oft legen die Residents den Finger an den Puls der Zeit. Black Lives Matter beherrscht die Schlagzeilen, und Blues verkörpert neben dem Jazz eine der bedeutendsten kulturellen Errungenschaften des schwarzen Amerika. Der Videoclip zu "Die! Die! Die!" nimmt Bezug auf Corona. Blues und Virus gemeinsam ist, dass sie um die Welt gingen.
Bernd Gürtler/TM

"Lost in the Blues: The Search for Dyin’ Dog"
"The Residents Present Dyin' Dog"

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