Stadtmagazin SAX

Manchmal fast ein Song: Achim Reichel über seine Autobiographie "Ich habe das Paradies gesehen"

Mit den Rattles ein westdeutscher Beatpionier der ersten Stunde gewesen. Mit AR & Machines psychedelischen Krautrock in die Welt gezaubert. Bevor eigene Songs in deutscher Sprache entstanden, ermutigt durch Dichterschriftsteller Jörg Fauser, werden Shantys und Literaturklassiker von Goethe oder Fontane verrockt. Gar keine Frage, Achim Reichel zählt zu den vielseitigsten einheimischen Rockmusikern alter Schule. Jetzt ist der Sechsundsiebzigjährige sogar unter die Buchautoren gegangen und veröffentlicht mit "Ich habe das Paradies gesehen" seine Autobiographie.

Mein Interview mit Achim Reichel in SAX 1/21

SWR2 Musikpassagen

Wayne Graham: Tief verwurzelt und der Zukunft zugewandt

Unschwer zu überhören, wie tief Wayne Graham in amerikanischer Roots Music verwurzelt sind. Einer strammen Traditionsbewahrung sieht sich die Formation um Kenny und Hayden Miles trotzdem nicht verpflichtet. Das Brüdergespann aus Whitesburg, Kentucky sucht eher den Schulterschluss mit ostdeutschen Sessionmitstreitern, verdankt seine Karriere diesseits des Atlantiks überhaupt dem Engagement des feinen, kleinen Dresdner Schallplattenlabels K&F Records. "1% Juice" vom Herbst 2020, ihr sechstes Album insgesamt und das inzwischen dritte bei K&F, überzeugt einmal mehr durch literarisch gereifte, lebenskluge Songtexte sowie eine zukunftsfähige Klangwelt zwischen traditionellen Spielformen und modernen Elektroniksounds.

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Moanin' In The Moonlight: Mit den Bluesanleihen ihres Albums "Metal, Meat & Bone-The Songs Of Dyin’ Dog" verweisen The Residents auf biographische Wurzeln im Süden der USA

Kaliforniens berühmte Unbekannte, sorgsam gehütet nach wie vor das Geheimnis ihrer wahren Identität. Konzerte und anderweitige öffentliche Auftritte bestreiten sie in kuriosen Verkleidungen. Die Einzelleistung geht auf in der Anonymität des Kollektivs. Ein dadaistisches Moment, das Sinn ergab als die Residents zu Beginn der siebziger Jahre Gestalt annahmen. Die Beatles gingen getrennte Wege damals, das Bandmodell verlor vorübergehend an Attraktivität, während gleichzeitig die ersten Rocksuperstars das Parkett betraten. Signifikant genug jenes Phänomen, dass es lohnend erschien, sich daran abzuarbeiten.

Das Albumcover von "Meet The Residents" parodiert das Frontcover zu "Meet The Beatles" nach dem Vorbild von Marcel Duchamps Schnurrbart an Leonardo da Vincis "Mona Lisa". "Third Reich & Roll" beleuchtet das totalitaristische Element des Rock. Dort auf dem Frontcover Dick Clark, Zeremonienmeister amerikanischer Musikfernsehshows für jugendliches Publikum, abgebildet in Nazi-Uniform, in der linken Hand eine Mohrrübe. Das "Commercial Album" widmet sich dem Warencharakter jedweder Populärmusik, die insgesamt vierzig Stücke von jeweils einer Minute Länge, verdichten die Songform zu jeweils einem Werbejingle. Danach rücken verschiedene Facetten des amerikanischen Alltags in den Fokus, das hemmungslose Konsumstreben, der religiöse Eifer, letzteres herausragend aufbereitet mit "Wormwood".

Praktisch seit Gründertagen sind die Residents Vorreiter in Sachen technischer Neuerungen, entwickeln unter Einsatz primitivsten Equipments eine frühe Form des Samplings, arbeiten bereits mit Video als das Medium kaum ein Begriff ist, erschaffen bahnbrechende Videoclips, die sogar auf MTV laufen, erschließen sich wie kaum jemand sonst die kreativen Möglichkeiten von CD-ROM und DVD. Noch etwas später wird technischer Fortschritt zum Thema der Stücke, siehe "Ghost Of Hope", ihr Album über die Vorzüge und Gefahren der Eisenbahn, lesbar als Parabel auf die Vorzüge und Gefahren des Internets.

Interviews der Residents bestreiten abwechselnd zwei Pressesprecher, die gewöhnlich unmaskiert zum Termin erscheinen und beide biographisch im Süden der USA verwurzelt sind. Hardy Fox, 2018 verstorben, stammt aus Longview, Texas, Homer Flynn aus Shreveport, Louisiana. Eben daran angeknüpft ist "Metal, Meat & Bone-The Songs Of Dyin’ Dog".

Der Booklettext der Doppel-CD berichtet von Homer Flynns High-School-Kumpel Roland Sheehan aus Dubach, Louisiana, dem Gewährsmann der Residents für ihre Südstaatenherkunft, der auch in ihrer Dokumentarfilmbiographie "The Theory Of Obscurity" vorkam. Von ihm heißt es, er sei Mitte der sechziger Jahre einem gewissen Alvin Snow begegnet. Der Mann, ein Albino und häufig verwechselt mit Johnny Winter deshalb, betrieb, angetan von Bluesurgestein Howlin' Wolf, unter dem Künstlerpseudonym Dyin' Dog eine eigene Bluescombo. Eine Magnetbandspule mit Studioeinspielungen der Band, gedacht zur Veröffentlichung auf dem in Shreveport, Louisiana, ansässigen Blueslabel Jewel Records, fand Roland Sheehan zufällig beim Aufräumen, wird kolportiert. Und dass "Metal, Meat & Bone" zehn der Dyin'-Dog-Originalsongs sowie Neueinspielungen der Residents enthält.

Das Ganze selbstredend ein Fall fürs Lügenmuseum wie seinerzeit die Inuit-Musik von "Eskimo", als sich die Residents erstmals in ihren überdimensionalen Augapfelmasken, den berühmten Eyeballs mit Zylinderhut sehen ließen. Wobei die krude Begleitstory regelrecht einlädt, eine eigene Geschichte zu spinnen. Die Band selbst geht mit gutem Beispiel voran, platziert auf YouTube die Kurzdoku "The Residents Present Dyin' Dog" und im Rahmen der Website The Chiseler unter der Überschrift "Lost In The Blues: The Search for Dyin’ Dog" die Schwärmerei eines ominösen Bluesfans, der auf Schallplattenbörsen angeblich zwei Exemplare einer Dyin'-Dog-Single auf Jewel Records aufstöbert.

Wie so oft legen die Residents den Finger an den Puls der Zeit. Black Lives Matter beherrscht die Schlagzeilen, und Blues verkörpert neben dem Jazz eine der bedeutendsten kulturellen Errungenschaften des schwarzen Amerika. Der Videoclip zu "Die! Die! Die!" nimmt Bezug auf Corona. Blues und Virus gemeinsam ist, dass sie um die Welt gingen.
Bernd Gürtler/TM

"Lost in the Blues: The Search for Dyin’ Dog"
"The Residents Present Dyin' Dog"