Stadtmagazin SAX

Wo die Liebe hinfällt: Götz Alsmann widmet sich einem Thema, das so uralt ist wie die Menschheit

Der italienische Schauspieler Gino Cervi, neben Fernandel zweite Hauptfigur in der fünfteiligen Filmsaga "Don Camillo", wollte zu der Erkenntnis gelangt sein, dass Liebe auf den ersten Blick die am weitesten verbreitete Augenkrankheit ist! Solcherlei Geistesblitze finden sich zuhauf überliefert, neben Myriaden von Liedern über die Liebe. Eine Auswahl aus dem deutschsprachigen Schlagerfundus hat Götz Alsmann für sein Album "L.I.E.B.E" neu interpretiert. Mit dem gewohnten Kennerblick, der studierte Germanist, Publizist und Musikwissenschaftler, im Hörfunk auch als Moderator von Spezialsendungen unterwegs, weiß, was er tut.

Mein Interview mit Götz Alsmann in SAX 2/21

SWR2 Musikpassagen

Michael Rother: Ein Krautrocker der ersten Stunde und sein Leben danach

Gestartet als Gitarrist einer frühen Konzertbesetzung der Düsseldorfer Elektronikpioniere Kraftwerk, dann Gründer von Neu! sowie Mitglied von Harmonia. Zweifellos, der gebürtige Hamburger Michael Rother gehört zu den Urvätern des westdeutschen Krautrock. Beginnend mit "Flammende Herzen", erscheinen seit 1977 mehr oder weniger regelmäßig Soloalben, die Soloalben im reinen Wortsinn sind. Fast jedes Instrument bewältigt er fast immer selbst, seit 1981 im eigenen Recording Studio im niedersächsischen Forst. Seine jüngste Soloscheibe, veröffentlicht im Herbst 2020, heißt "Dreaming". Vorn auf dem Albumcover eine Fotografie aus Jugendzeiten mit hohem Erinnerungswert.

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Moanin' In The Moonlight: Mit den Bluesanleihen ihres Albums "Metal, Meat & Bone-The Songs Of Dyin’ Dog" verweisen The Residents auf biographische Wurzeln im Süden der USA

Kaliforniens berühmte Unbekannte, sorgsam gehütet nach wie vor das Geheimnis ihrer wahren Identität. Konzerte und anderweitige öffentliche Auftritte bestreiten sie in kuriosen Verkleidungen. Die Einzelleistung geht auf in der Anonymität des Kollektivs. Ein dadaistisches Moment, das Sinn ergab als die Residents zu Beginn der siebziger Jahre Gestalt annahmen. Die Beatles gingen getrennte Wege damals, das Bandmodell verlor vorübergehend an Attraktivität, während gleichzeitig die ersten Rocksuperstars das Parkett betraten. Signifikant genug jenes Phänomen, dass es lohnend erschien, sich daran abzuarbeiten.

Das Albumcover von "Meet The Residents" parodiert das Frontcover zu "Meet The Beatles" nach dem Vorbild von Marcel Duchamps Schnurrbart an Leonardo da Vincis "Mona Lisa". "Third Reich & Roll" beleuchtet das totalitaristische Element des Rock. Dort auf dem Frontcover Dick Clark, Zeremonienmeister amerikanischer Musikfernsehshows für jugendliches Publikum, abgebildet in Nazi-Uniform, in der linken Hand eine Mohrrübe. Das "Commercial Album" widmet sich dem Warencharakter jedweder Populärmusik, die insgesamt vierzig Stücke von jeweils einer Minute Länge, verdichten die Songform zu jeweils einem Werbejingle. Danach rücken verschiedene Facetten des amerikanischen Alltags in den Fokus, das hemmungslose Konsumstreben, der religiöse Eifer, letzteres herausragend aufbereitet mit "Wormwood".

Praktisch seit Gründertagen sind die Residents Vorreiter in Sachen technischer Neuerungen, entwickeln unter Einsatz primitivsten Equipments eine frühe Form des Samplings, arbeiten bereits mit Video als das Medium kaum ein Begriff ist, erschaffen bahnbrechende Videoclips, die sogar auf MTV laufen, erschließen sich wie kaum jemand sonst die kreativen Möglichkeiten von CD-ROM und DVD. Noch etwas später wird technischer Fortschritt zum Thema der Stücke, siehe "Ghost Of Hope", ihr Album über die Vorzüge und Gefahren der Eisenbahn, lesbar als Parabel auf die Vorzüge und Gefahren des Internets.

Interviews der Residents bestreiten abwechselnd zwei Pressesprecher, die gewöhnlich unmaskiert zum Termin erscheinen und beide biographisch im Süden der USA verwurzelt sind. Hardy Fox, 2018 verstorben, stammt aus Longview, Texas, Homer Flynn aus Shreveport, Louisiana. Eben daran angeknüpft ist "Metal, Meat & Bone-The Songs Of Dyin’ Dog".

Der Booklettext der Doppel-CD berichtet von Homer Flynns High-School-Kumpel Roland Sheehan aus Dubach, Louisiana, dem Gewährsmann der Residents für ihre Südstaatenherkunft, der auch in ihrer Dokumentarfilmbiographie "The Theory Of Obscurity" vorkam. Von ihm heißt es, er sei Mitte der sechziger Jahre einem gewissen Alvin Snow begegnet. Der Mann, ein Albino und häufig verwechselt mit Johnny Winter deshalb, betrieb, angetan von Bluesurgestein Howlin' Wolf, unter dem Künstlerpseudonym Dyin' Dog eine eigene Bluescombo. Eine Magnetbandspule mit Studioeinspielungen der Band, gedacht zur Veröffentlichung auf dem in Shreveport, Louisiana, ansässigen Blueslabel Jewel Records, fand Roland Sheehan zufällig beim Aufräumen, wird kolportiert. Und dass "Metal, Meat & Bone" zehn der Dyin'-Dog-Originalsongs sowie Neueinspielungen der Residents enthält.

Das Ganze selbstredend ein Fall fürs Lügenmuseum wie seinerzeit die Inuit-Musik von "Eskimo", als sich die Residents erstmals in ihren überdimensionalen Augapfelmasken, den berühmten Eyeballs mit Zylinderhut sehen ließen. Wobei die krude Begleitstory regelrecht einlädt, eine eigene Geschichte zu spinnen. Die Band selbst geht mit gutem Beispiel voran, platziert auf YouTube die Kurzdoku "The Residents Present Dyin' Dog" und im Rahmen der Website The Chiseler unter der Überschrift "Lost In The Blues: The Search for Dyin’ Dog" die Schwärmerei eines ominösen Bluesfans, der auf Schallplattenbörsen angeblich zwei Exemplare einer Dyin'-Dog-Single auf Jewel Records aufstöbert.

Wie so oft legen die Residents den Finger an den Puls der Zeit. Black Lives Matter beherrscht die Schlagzeilen, und Blues verkörpert neben dem Jazz eine der bedeutendsten kulturellen Errungenschaften des schwarzen Amerika. Der Videoclip zu "Die! Die! Die!" nimmt Bezug auf Corona. Blues und Virus gemeinsam ist, dass sie um die Welt gingen.
Bernd Gürtler/TM

"Lost in the Blues: The Search for Dyin’ Dog"
"The Residents Present Dyin' Dog"