Eingespielt in Eric Bibbs Zweitheimat Schweden, führt der eröffnende Titelsong zu "One Mississippi" aus der Feder von Songpoetenkollegin Janis Ian nichtsdestotrotz geradewegs ins Mississippi Delta, dorthin, wo der Blues ursprünglich herkommt, Baumwollplantagen nach wie vor das Landschaftsbild prägen, die wiederholt besungene Parchment Farm noch immer als Strafkolonie genutzt wird und Schaufelraddampfer inzwischen mehrheitlich als schwimmende Spielcasinos dienen anstatt flussabwärts Richtung New Orleans zu schippern. "Muddy Waters" zieht allbekannte Parallelen zwischen den schlammigen Gewässern des Mississippi River und dem gleichnamigen Bluesvorreiter, der als McKinley Morganfield auf der Stovall Plantage westlich von Clarksdale, Mississippi aufwächst.
"Crossroads Marilyn Monroe" ruft einen der grausamsten Lynchmorde ins Bewusstsein, der zum Fanal für die amerikanischen Bürgerrechtsbewegung wird. Eine gewisse Carolyn Bryant, ehemals Schönheitskönigin der High School und damals Anfang zwanzig, behauptet Ende August 1955, ein fünfzehnjähriger Junge schwarzer Hautfarbe namens Emmett Till aus Chicago und zu Besuch bei Verwandten im Süden, habe ihr Avancen gemacht und an der Taille gepackt, nachdem er im Grocery Store, den sie und Ehemann Roy Bryant in Money, Mississippi betreiben, Süßigkeiten und Limonade gekauft hatte. Ihr Angetrauter, dem Vernehmen nach ein Grobian vor dem Herrn, befand sich zum Zeitpunkt des angeblichen Vorfalls auf Geschäftsreise. Bei seiner Rückkehr greift er sich zusammen mit Halbbruder John William Milam Emmett Till, die beiden foltern ihr Opfer und versenken es laut Obduktionsbericht wohl noch lebend im nahegelegenen Tallahatchie River, um seinen Hals gebunden mit Stacheldraht, der dreißig Kilogramm schwere Ventilator einer Baumwollmaschine.
Die Ruine des Grocery Stores unweit der wahrscheinlichsten Grabstelle von Robert Johnson, gemahnt noch heute an das unfassbare Verbrechen. Mit "Emmett's Ghost" 2021 von "Dear America" hatte Eric Bibb bereits einen Song zum Thema beigesteuert. Sein "Crossroads Marilyn Monroe" richtet den Fokus mehr auf die 2023 verstorbene Carolyn Bryant und findet sich wiederum in bester Gesellschaft von Bob Dylans "The Death Of Emmett Till" sowie "Too Many Martyrs" und "My Name Is Emmett Till" von Phil Ochs beziehungsweise Emmylou Harris.
Bernd Gürtler/TM
Eric Bibb
"One Mississippi"
(Repute Records; 30.1.26)
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