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Geschichtenreigen: Lucy Kruger & The Lost Boys geben "Pale Bloom" in die Zirkulation

Sich Zeit lassen, nichts überstürzen wollte Lucy Kruger beim nächsten Album, ergab ein Interviewtermin im Büro ihres Berliner Schallplattenlabels. Selbst beschreibt die gebürtige Südafrikanerin das, was unter dem Albumtitel "Pale Bloom" vollbracht wurde, als Geschichtenreigen um eine verlorene Seele.

Unverkennbar autobiografisch geprägt, ergänzt das Pressinfo des Schallplattenlabels. Bis weit zurück in ihre Kindheit schlägt "Pale Boom" den Bogen. Nicht umsonst adaptiert der Eröffnungssong "Bloom" Zeilen eines berühmten englischen Nursery Rhymes. "Mary, Mary, quite contrary/How does your garden grow?" geht der Originaltext, "Mary, Mary, how contrary/Why did your forest never grow" variiert Lucy Kruger. Soll bedeuten, dass sich jemand fragen lassen muss, warum wächst bei dir nichts, warum hast du nichts vorzuweisen? "Hervorgegangen der Song wahrscheinlich aus einer Selbstbefragung. Ich halte Rückschau und grübele, was falsch lief, was ich hätte anders machen sollen. Welche der nachfolgenden Geschichten sind die Steine, die mir im Weg lagen? Mary heißen zufälligerweise auch meine Mutter und die Frau, die Jesus zur Welt brachte, was mir in dem Zusammenhang zupasskam."

Mindestens ebenso oft wie autobiografisches, enthält "Pale Bloom" religiöse Bezüge. Das eine ist mit dem anderen aufs Engste verknüpft. Am offensichtlichsten in der ersten Strophe zu "Nectarine", wo es heißt, "What is prayer/To a girl with no god/But all the fear/You swallow with His name/at a very hungry age". Das Konstrukt Gott gewissermaßen als Werkzeug, Menschen in Angst und gefügig zu halten. Ist das einer der Gründe, weshalb Lucy Kruger lieber nach Berlin gezogen ist, der religiöse Background bei ihr zu Hause in Südafrika?! "Manche der Institutionen, die ich durchlief, setzten Religion zweifellos als Form der Kontrolle ein, um die Vorstellungskraft zu zügeln, denn Vorstellungskraft gilt als gefährlich. Was ich bedauerlich finde. Manchmal denke ich, dass mir dadurch meine Urwüchsigkeit genommen wurde. Sobald Religion Gemeinschaftssinn und Liebe fördert, bin ich dabei. Leider ist das selten der Fall, angestrebt wird, dass du isoliert und unter deinesgleichen bleibst. Das wollte ich überwinden. Aber deshalb bin ich nicht nach Berlin gegangen. In Berlin, in Deutschland, in Europa sind einem mehr Möglichkeiten gegeben, Musiker zu sein."

Spricht es und schiebt später in "Nectarine" eine Passage hinterher, die mindestens so explizit ist wie Led Zeppelins "The Lemon Song", sehr zum Unbehagen der Eiferer sicherlich. Mag sein, entgegnet Lucy Kruger. "Ich will mir nicht einreden lassen, dass ich mich schämen muss, weil ich explizit bin. Es ist nichts Falsches an einer Beschreibung dessen, was uns Menschenwesen ausmacht. Es ist absurd zu glauben, es sei sinnvoll, nicht menschlich zu sein. Einen Kontrapunkt zu jeder Form von Unterdrückung setzt, wer sich nicht einschüchtern lässt." Der Klimawandel ist auf "Pale Bloom" auch und mindestens einmal Thema, "Ambient Heat" beispielsweise widmet sich der beunruhigenden Empfindung, dass sommerliche Wärme längst nicht mehr bloß als angenehm, sondern als potenzielle Bedrohung wahrgenommen wird.

Frühe Bühnenauftritte absolviert Lucy Kruger als Solosängerin zur eigenen Akustikgitarrenbegleitung, bis ihr aufgeht, was eine Band zu leisten vermag. Nämlich Klangwelten zu erschaffen, und einmal auf den Geschmack gekommen, arbeitet sie konsequent an der Umsetzung ihrer Vision. Was den Sound angeht, ist "Pale Bloom" wieder einen Zacken raffinierter als sämtliche Vorgängeralben, gemäß dem Leitspruch "every sound we make is a bit of autobiography". Das Zitat entstammt dem feministischen Essay "The Gender Of Sound" von Anne Carson. Lucy Kruger weiß gar nicht mehr, wie sie auf die mit Preisen und Auszeichnungen dekorierte kanadische Poetin und Philosophin gestoßen ist. Bloß noch, dass Anne Carson in ihren Bekanntenkreisen plötzlich in aller Munde war und für sie von gewisser Vorbildwirkung geblieben ist. "Ihr gelingt als Autorin, was ich mit Musik versuche. Sie bringt Sprache auf eine entwaffnende Weise zum Einsatz. Sie erzählt Geschichten, die einem nichts Neues enthüllen. Es ist eher, als würden Dinge, die schwer benennbar sind, greifbar gemacht, weil jemand sie beim Namen nennt. Manches liegt ausgebreitet vor uns und bekommt eine Form, wenn es auf neue Weise ausgesprochen wird, sodass der Verstand sagt, wow, das ist es. Eine wahrhaft inspirierende Autorin!"

Fast zum Schluss ihres Geschichtenreigens in Versform kündet "Ancor" vom dringenden Wunsch nach einem Anker, nach Sicherheit im Leben, wie sie es in ihrer Kindheit verspürte. "Woolf" ist der feministischen Vorreiterin Virginia Woolf gewidmet und eine "Meditation darüber, was es bedeutet, ein Freigeist, eine kreative Kraft zu sein, was gesellschaftliche Normen dem antun oder daraus hervorgeht. Der zweite Teil wendet sich an meine Muse, und der Anfang des Songs versucht sich vorzustellen, was Virginia Woolf womöglich durch den Kopf ging, als sie freiwillig aus dem Leben schied."
Bernd Gürtler/TM


Lucy Kruger
"Pale Bloom"
(Unique Records; 13.2.25)


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Foto: Mitch Stoehring
Foto: Mitch Stoehring
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