Geradezu schamlos bedient sich "Musick" bei Discorave und Dancefloor, Stilgattungen sämtlichst, die sich dank fortgeschrittener Produktionsmittel inzwischen kinderleicht als konfektionierte Massenware reproduzieren lassen. Nichtsdestotrotz können Laibach den Vorlagen individuelle Facetten abringen, das wohl auch, weil keinerlei Nachahmungen angedacht gewesen sind. Die pfiffigen Avantgardisten nutzen das Vorlagenmaterial für eine Auseinandersetzung mit der massenhaften Reproduzierbarkeit, einem Phänomen, von dem mittlerweile nahezu jede Stilform betroffen scheint.
Den Anfang machten Künstler, die rein gar nichts dabei fanden, ihre Musik den Algorithmen der Streamingplattformen anzupassen, um mehr Reichweite zu generieren beziehungsweise Eingang in die berühmtberüchtigten Themenplaylists zu finden. Kaum war die Vorgehensweise mehr oder weniger Standard geworden, trat die KI auf den Plan. Tagtäglich finden sich bei Spotify & Co. zirka einhunderttausend neue Musikstücke eingestellt, darunter jede Menge KI-generierte Digitalfakes.
Musik, gewöhnlich mit Leidenschaft, Begeisterungsfähigkeit und Hingabe in Verbindung gebracht und sogar im therapeutischen Sinne als von heilender Wirkung geltend, mutiert unter solchen Bedingungen zum Krankmacher. Der Titelsong zu "Musick" trägt selbiges in sich, die Songüberschrift eine Kombination aus "Music" und "Sick", englisch für 'krank', 'abartig' oder 'kotzübel'.
Den Gedanken vertiefen wird "Singularity" wo es heißt "In a world where beats are tied/Music almost died/Algorithms kill the flame/All tunes sound the same/Pop to rock, hip-hop flair/Catchy hooks in the air/All the genres we embrace/But the sameness we just can't erase". Geschlechtsidentitäre Selbstfindung scheint das Thema von "Fluid Emancipation" zu sein. "Love Machine" beklagt, dass selbst das Liebemachen auf die eine oder andere Art zur reinen Mechanik verkommt. "Luigi Mangione" will am Beispiel der Ermordung des Chefs des amerikanischen Krankenversicherungsunternehmens UnitedHealthcare bewusst machen, wie Meinungsverschiedenheiten über Grundsätzliches heutzutage in sinnlose Gewalt ausarten. "Allgorhythm", mit Gastsängerin Wiyaala, ermahnt zum bewussten Umgang mit Algorithmen, der Mensch darf das Selberdenken nicht aufgeben. Ganz zum Schluss plädiert "Das göttliche Kind" für ein nüchternes Abwägen zwischen Nutzen und Risiken der künstlichen Intelligenz, ähnlich Kraftwerks "Radioaktivität" seinerzeit bei der Kernenergie.
Ende der siebziger Jahre, als die beiden Voyager-Raumsonden der NSA in die Untiefen des Weltalls entsandt wurden, war es naheliegend, Chuck Berrys "Johnny B. Goode", eingraviert auf goldenes Tonträgermaterial, mitzugeben, damit sich außerirdische Lebensformen ein Bild von der Menschheit machen können. Zukünftige Missionen sollten unbedingt ein Sortiment Laibach-Scheiben an Bord haben.
Bernd Gürtler/TM
Laibach
"Musick"
(Mute; 1.5.26)
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