Das sind zweifelsfrei Kraan auf "All In". Wer euch kennt, dürfte sich sofort erinnert fühlen. Nur dass diesmal umfangreichere Beiträge von eurem Gitarristen Peter Wolbrandt kamen, womit in keinster Weise zu rechnen war.
Das stimmt! Ich bin bei ihm zu Hause gewesen, weil wir an zwei Stücken von mir arbeiten wollten, und sind eigentlich fertig gewesen, als er damit rausrückte, dass er übrigens auch noch vier, fünf Stücke in der Schublade hätte. Das hat mich komplett umgehauen, bereits vor unserem Vorgängeralbum "Zoup" ließ Peter mich wissen, dass er nichts mehr komponieren wolle, das mache überhaupt keinen Sinn mehr, fand er. Damit hatte ich mich abgefunden und "Zoup" im Alleingang komponiert. Ich sagte also, lass' hören! Er, ja, wirklich? Unser Schlagzeuger Jan Fride, sein Bruder, erzählte er, sei aus dem Zimmer gegangen, als er ihm die Stücke vorspielte. Ein Missverständnis, wie sich im Nachhinein rausstellte. Wir hörten uns seine Kompositionen an, und wieder war ich völlig von den Socken. Seine Sachen sind genau das gewesen, was mir zuletzt gefehlt hatte. Diese Arpeggiogitarren, diese Art der Phrasierung und Harmonik, die er hauptsächlich einsetzt, wenn er selbst komponiert. Seine Beiträge sind die beste Ergänzung, die ich mir vorstellen konnte. Ich bat darum, mir die Stücke ins Studio zu schicken, um meinen Bass hinzuzufügen. Gesagt getan, Peter war zufrieden, Jan spielte noch sein Schlagzeug dazu und es klang wunderbar nach Kraan. Es musste nur noch abgemischt werden, dann war gut.
Manchmal klappt es eben.
Peters Beiträge sind ein Glücksumstand. Anders hätten wir zweieinhalb Jahre nach "Zoup" nicht schon wieder das nächste Album veröffentlichen können.
Durch Peter Wolbrandt sind auch eine Reihe von Referenzen an bedeutende Vorreiter der Rockgeschichte eingeflossen.
Witzig, dass du das sagst, mein Eindruck war das gar nicht. Aber dem Verfasser des Presseinfos, Volker Rebell, ging es ähnlich. Er hörte Anklänge an The Who, die Kinks, die Beatles, an Eric Clapton. Sinn würde es machen, Peter und Jan hatten vor Kraan schon eine Band, als sie noch zur Schule gingen, bei ihnen im Repertoire Rockstandards der Zeit damals. Manches davon ist in die DNA der beiden eingesickert, jetzt kommt das vielleicht zum Vorschein. Mir ist es nicht unbedingt aufgefallen.
Ein bestimmtes Gitarrenmotiv in "Braunfels" erinnert an Eric Claptons "Layla"!
Na gut, an der Stelle. Andererseits denke ich immer, wie oft passieren Dinge parallel, ohne, dass die Urheber voneinander wissen. Aber Peter als Gitarrist kennt mit Sicherheit Eric Clapton.
Jede kreative Leistung steht auf den Schultern der Vorreiter.
Richtig, die Demokratie steht auch auf dem Blut zahlloser Idealisten.
Der Songtitel zu "Braunfels" resultiert aus Peter Wolbrandts aktuellem Wohnsitz nördlich von Frankfurt/Main?
Das könnte hinkommen. Beim Erarbeiten von Stücken vergeben wir Arbeitstitel. Ein Arbeitstitel bei "All In" lautete "DeFis", weil die Noten D und Fis enthalten sind. Ich fand "Braunfels" super. Die Ortschaft liegt am Fuß einer imposanten Burg, Peter lebt in Braunfels. Es machte Sinn, den Arbeitstitel zu behalten.
Bezieht sich die Songtextzeile "Sie waren alle da, die Sitar klingt durchs Tal" auf die Rockvorreiterverweise von Peter?
Mich erinnert das eher an Wintrup, das Weidegut in den ostwestfälischen Ausläufern des Eggegebirges, jenes Biotop, dem Kraan schlussendlich entsprungen sind. Wintrup diente als Zwischenstopp. Die Leute blieben einige Tage, ließen es sich gut gehen und sind weitergereist. Wir hatten immer volles Haus. Ich sehe eher diesen Zusammenhang, und die Sitar, die durchs Tal klingt; Wintrup liegt in einem Tal, oft ist es dort neblig und Musik wurde auch immer gemacht. Aber das ist meine Interpretation, weiß nicht, ob das zutrifft.
Woher die Anklänge an den Reggae in "Terzer Roller" und "Nacht in Den Helder"?
Das ist Peter, wenn er den Rhythmus mit einer Off-Gitarre vorskizziert. Auf den Alben "Through" und "Diamonds" findet sich das auch.
"Terzer Roller" verdankt seinen Songtitel der Häufung von Terzen beziehungsweise geht laut Presseinfo des Schallplattenlabels zurück auf eine bestimmte Käsesorte, den Harzer Roller.
Ursprünglich hieß das Stück bloß "Terzer", aber es rollt gut, deshalb "Terzer Roller". Gut, ist nicht besonders witzig, aber witzig ist halt schwer.
Ist der Harzer Roller nicht ein typisch ostdeutsches Lebensmittel gewesen? Oder gab es diese Käsesorte auch in Westdeutschland?
Ja klar, mein Vater war totaler Fan, er hat sich mehrmals die Woche einen Harzer Roller reingezogen. Das ganze Haus stank danach, aber er fand das super.
Wer sich auf den Kraan'schen Jazzkrautrock einlässt, wird früher oder später feststellen, dass ihr euer Publikum stets in frohgemuter Stimmung zurücklasst, über sämtliche Phasen der Bandgeschichte hinweg.
Das bekommen wir öfter gesagt. Aber ist doch toll, mein Lebensgefühl ist ein positives. Ich wüsste nicht, weshalb ich einen auf depressiv machen sollte.
Wie kriegt ihr das hin, in Zeiten wie den unseren gerade. Die aktuelle Nachrichtenlage bietet weniger Anlass zur Freude.
Gerade jetzt sind wir gefordert. Wenn andere Scheiße bauen, müssen wir das nicht auch.
"Tadpole", das zweite Stück von "All In", scheint auf die allgegenwärtige Weltlage hinzuweisen. Laut Presseinfo handelt es sich um einen Song "über die Metamorphose in der Krise".
Eigentlich ist es eine Liebesgeschichte, es geht um Vertrauensbrüche, aber auch um Transformation. Tadpole heißt zu Deutsch Kaulquappe, gemeint ist die Transformation vom Froschlaich zum Frosch. Ein kleines Wunder, ähnlich wenn aus unansehnlichen Larven wunderbare Schmetterlinge schlüpfen. Darum geht es, um innere Reinigung, um Selbstbestimmung, die Frage, wo soll es hingehen mit mir, will ich alt bleiben oder jung werden, wie es im Songtext heißt. Veränderungen sind die einzig Konstante im Leben, jeder hat es selbst in der Hand.
Kraan sind neuerdings wieder ein Quartett, Martin Kaspar heißt euer amtierender Keyboarder. "Press Play" enthält einen schwungvollen Dialog zwischen ihm und deinem Bass.
Das ist Ali Neander zu danken, auf zwei Alben dieses Ausnahmegitarristen bin ich Gast. Für die Livebesetzung konnte er Moritz Müller sowie Martin Kaspar gewinnen, darüber lernte ich Martin kennen und schätzen. Ich dachte, ob der hochbegabte Kerl nicht auch für meine Soloprojekte geeignet wäre? Oder sogar bei Kraan einsteigen könnte, schon deshalb, weil er mich sehr an unseren 2019 verstorbenen Keyboarder Ingo Bischof erinnerte. Ich wollte bestimmt keinen Adepten, aber seine skandinavische Schwermut gefällt mir. So habe ich ihn vorgeschlagen. Das ist auch schon wieder zehn Jahre her, inzwischen ist er unser Dauergast und gar nicht mehr wegzudenken.
Wie versteht sich der Albumtitel? Als Ankündigung von etwas ganz Grandioserem?
Es bedeutet, dass alles drin ist, was uns ausmacht. Nicht nur Peter, auch Jan und Martin bringen sich ein, jeder trägt seinen Teil bei. "All In" kann auch ein Pokerface meinen, jemanden, der überhaupt nichts auf der Karte hat, seinen gesamten Einsatz auf den Spieltisch legt und blufft, dass er ein wahnsinnig gutes Blatt hätte, dem aber nicht so ist. Ich bin rundum zufrieden mit dem Album, auch weil unter Umständen unser letztes. Wir sind alte Säcke, Peter ist fünfundsiebzig, ich dreiundsiebzig. Es ist abzusehen, dass wir nicht ewig kreativ sein können. Auch vor dem Hintergrund, dass "All In" womöglich unser Grande Finale sein könnte, wollten wir es ein bisschen krachen lassen und haben Geld in die Hand genommen, um in den einschlägigen Musikmagazinen Werbung zu schalten. Wenn nicht jetzt, wann dann!
Bernd Gürtler/TM
Kraan
"All In"
(36Music; 17.4.26)
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