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Geh dem Schmerz nicht aus dem Wege: Tristan Brusch will immer dorthin, wo es wehtut

Gemäß dem Leitspruch, wonach der guten Dinge gewöhnlich drei sind, setzt Tristan Bruschs "Am Anfang" vom Herbst 2025 den Schlusspunkt unter eine Albumtrilogie. Neulich beim Interviewtermin verriet der überzeugte Wahlberliner einiges über das, was seinen Kosmos im Innersten zusammenhält.

Über welche thematische Klammer ist "Am Anfang" mit den beiden Vorgängeralben verknüpft?
Nach den beiden Alben davor wollte ich Positiveres in die Welt streuen, deshalb der Albumtitel. Gelungen ist mir das nicht, die Songs sind wieder ziemlich melancholisch, die Themensetzung ähnlich. Handelte "Am Rest" vom Ende einer Beziehung, befinden wir uns bei "Am Wahn" mittendrin, und "Am Anfang" geht der Frage nach, warum man immer wieder so bekloppt ist

Bekloppt, weil Menschen dazu neigen, sich nach dem Scheitern gleich auf die nächste Beziehung einzulassen?
Ja, oder warum man im Falschen verharrt. Man weiß es eigentlich. Man weiß, wie man sich besser verhalten könnte, und erstarrt in einer Art Lähmung.

Das gesamte Album widmet sich größtenteils den Wonnen von Beziehungen, ohne die Risiken und Nebenwirkungen auszublenden. Ein Sowohlalsauch geht Hand in Hand. "Ich möchte nie wieder ans Ufer zurück, manchmal kommt ja das Glück" heißt es in "Wasser und Licht" und beschreibt den Moment, wenn beim Schwimmen gewahr wird, dass der Boden unter den Füßen verloren geht, sich dann aber, so entkoppelt von der Zeit, die am Ufer zurückgeblieben ist, ein wohliges Gefühl einstellt, sich Neugier breitmacht auf das, was einen hoffentlich erwartet.
Ja, ein bisschen handelt das Album auch von meiner Teenagerzeit. Warum bin ich, wie ich geworden bin? Seit jeher erkenne ich bei mir eine Sehnsucht nach dem Transzendenten. Für mich ein ähnlicher Themenkomplex. Man ahnt, etwas Bedeutendes wird kommen, und kann es gar nicht genau benennen, spürt es aber in jeder Faser seines Körpers. Ähnlich wie wenn man hinter den Dünen das Meer rauschen hört, es aber noch nicht sieht.

Direkt im Anschluss "Am Ende", wo der Protagonist beim Abschied am Bahnsteig erkennt, ja, ich will. Exemplarisch formuliert dort, dass jedem Ende der Zauber eines Anfangs innewohnt.
Ja, genau. Der Moment der Erkenntnis dauert Bruchteile von Sekunden, wirkt aber im Gedanken lange nach. Während des Abschiednehmens erträumen die beiden sich ein gemeinsames Leben zu zweit.

Bei unserem Interview zum Vorgängeralbum "Am Wahn" erwähntest du, dass du eine Songkunst der Unschärfe anstrebst, was dich womöglich in die Nähe des Schlagers rückt. Solch eine Nähe dürfte ausgeschlossen sein, deine Songs sind viel zu anspruchsvoll!
Wenn ich von Schlager spreche, meine ich Hildegard Knef oder den österreichischen Austropop, der seine Schlagerhaftigkeit schlecht leugnen konnte, aber etwas Abgründiges hatte. Ich scheue keine schöne Melodie, ich mag die große Geste, ich mag Emotionen, die sich nicht hinter Coolness verstecken. Aber ohne das Abgründige könnte ich es mir nicht vorstellen.

Auch ein Song von "Am Anfang", der davor bewahren wird, dich ernsthaft dem Schlager zuzurechnen, ist "Danke, dass du nicht aufhörst mich zu lieben".
Stimmt.

Du schilderst dort deine eigene Fehlbarkeit und machst dich nackig bis auf die Haut!
Obwohl, gerade um bei Hildegard Knef zu bleiben, mit ihrem "Insel meiner Angst" vom Album "Kneef" hat sie sich auch komplett preisgegeben. Das ist Schlager, den ich meine.

Hildegard Kneef gefällt dir?
Unbedingt.

Wie bist du auf sie gestoßen?
Durch einen befreundeten Rapper, sein Künstlername ist Maeckes. Damals habe ich noch nicht auf Deutsch getextet, er zeigte mir einige Stücke, von denen er sich beeinflusst fühlt. Ich war begeistert, wie verspielt, wie bildhaft, wie gleichermaßen witzig und böse Songs in deutscher Sprache sein können. Total berührend, Hut ab!

Eröffnet wird "Am Anfang" von "Grundsolider Schläger" über jemanden, der offenbar ein Gewaltproblem hat, im Kern aber zutiefst liebenswert zu sein scheint.
Ich erzähle von einem sehr lieben Freund, der sehr begabt, sehr schlau, sehr sensibel ist. Wir sind zusammen nach Berlin gezogen, ihn hat die Stadt geschafft. Berlin bietet unglaubliche Möglichkeiten, eine grenzenlose Freiheit, das bedeutet zuweilen aber auch wenig Halt. Es ist ein Leichtes, sich zu verlieren, ohne eine Idee zu seiner Zukunft. In Berlin fällt das nicht weiter auf, wenn man einige Jahre verbummelt. Mit zwanzig mag das ganz witzig sein, bloß gelingt oft der nächste Schritt nicht.

Berlin frisst seine Zugezogenen?
So ungefähr. Wenn man im Sommer vor einer Bar auf der Straße sitzt und sein Bier trinkt, kommen im Laufe des Abends bestimmt sechs, sieben Leute, die nach ein bisschen Kleingeld fragen. Das hat extrem zugenommen in den zwanzig Jahren, die ich jetzt in Berlin lebe. Es wird immer krasser, und oft handelt es sich um Menschen, deren Lebenstraum ganz bestimmt nicht war, Fremde auf der Straße anzubetteln. Ihre Augen verraten es, meistens sind das sensible, intelligente Personen. Ich empfinde mich gar nicht so weit weg. Wenn ich sie mir anschaue, denke ich, an welcher Weggabelung ich richtig abgebogen bin, ansonsten ich mich an ihrer Stelle wiederfinden würde. Das ist schon bewegend.

Wie schaffst du es, deinen Traum nicht aus den Augen zu verlieren?
Sicherlich gehört Glück dazu, ein Elternhaus, das mehr oder weniger stabil geblieben ist. Und ein Umfeld, andere Menschen, allein hätte ich auch manchmal durchdrehen können. Ich bin irgendwann Vater geworden, das trägt auch bei, weil man dann nicht mehr die wichtigste Person im eigenen Leben ist. Eine nützliche Übung in Demut.

Kommt dein Kind in einem deiner Songs vor?
Nicht auf "Am Anfang", aber in "Für Theo" von "Am Wahn". Man erkennt das nicht unbedingt, es könnte sich um irgendeinen Theo handeln.

Was hat dich zu dem Song bewogen, der sich so nennt wie die Enthüllungsbiografie "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo?" einer gewissen Christiane F?
Ich wohnte vorübergehend in Schöneberg, dort gibt es an der Kurfürstenstraße den Straßenstrich, wo sich immer noch teils extrem junge Mädchen am Straßenrand anbieten. Das Thema Prostitution beschäftigt mich. Inzwischen wohne ich in Neukölln, aber wenn ich nach Charlottenburg fahre, ertappe ich mich, dass ich jedes Mal den Weg über die Kurfürstenstraße wähle. In unmittelbarer Nachbarschaft eine Bürgerlichkeit, die in praktischer Funktionskleidung nebenan im Allnatura einkaufen geht und ihre Kinder in beigefarbenen Kinderzimmern aufwachsen lässt. Mich berührt das, mich interessieren die Risse in der Welt. Vergangenes Jahr bin ich auf Bali im Urlaub gewesen. Ich war ziemlich fertig, hatte das erste Mal ein bisschen Geld übrig und dachte, okay, ich fliege nach Ostasien, lege mich ins türkise Wasser und lasse es mir gut gehen. Aber ich fand es absolut unerträglich. Uns reichen Westeuropäern sind bestimmte Bereiche zugedacht, wo wir unseren Cappuccino schlürfen können. Direkt daneben die Leute, die barfuß und ohne Schutzhelm das nächste Luxushotel hochziehen. Ein abgemagerter Esel bringt den Zement und bricht fast zusammen unter der Hitze. Ich konnte das nicht gut ausblenden. Ich verspüre kein Bedürfnis, die Welt zu retten. Von meiner Persönlichkeitsstruktur her bin ich kein Aktivist, aber es hat mich völlig verstört und kam mir total falsch vor, dort zu sein. Und das dort ist die Realität der meisten Menschen auf der Welt, wir Europäer sind eine Gated Community. Die auch ihre Risse hat, bloß anders, siehe die Kurfürstenstraße. Dicht beieinander tun sich Abgründe auf.

Würdest du noch verraten wollen, worauf die Zeile "Im Unterschied zu heute hat alles etwas noch bedeutet" in "Heiliges Land" hinaus will?
Das meint den Zauber der Jugend. Aufgewachsen bin ich in Tübingen, einer beschaulichen süddeutschen Universitätsstadt. Als Teenager dachte auch ich, dass Wasserpfeiferauchen bereits ein revolutionärer Akt sei. Einen Molotowcocktail aus dem Vorgarten schmeißen, so hat sich das angefühlt. Je älter man wird, kapiert man, wie wenig man weiß. Wobei es damals noch Gewissheiten gab und alles mit Bedeutung aufgeladen war, auch und überhaupt die Musik. Man fieberte einer bestimmten Stelle seines Lieblingssongs entgegen, das lässt sich heute kaum noch vermitteln. Aus meiner Perspektive hatten die neunziger Jahre noch einen Rest Naivität und Hoffnung. Als jemand, der 1988 geboren ist, schaue ich mit Wehmut zurück auf die Zeit, bevor Smartphones massenhafte Verbreitung fanden. Die ständige Verfügbarkeit von allem führt zur Entwertung von allem. Ich bleibe davon nicht unbeeindruckt. Erscheinen neue Alben meiner Lieblingskünstler, muss ich mich zwingen zuzuhören. Oder Bücher lesen, das musste ich erst wieder lernen. Ständig will das Smartphone, dass ich nachschaue, ob mir jemand geschrieben hat. Es gibt keinen Raum mehr für Langeweile.

Falls jemandem in fünfzig oder einhundert Jahren "Am Anfang" in die Hände fallen sollte, was verrät das Album über seinen Entstehungszeitraum?
Schwer zu sagen, ich weiß nur, dass ich immer dorthin will wo es wehtut.
Bernd Gürtler/TM


Tristan Brusch
'"Am Anfang"
(Wasser & Licht; 24.10.25)


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Foto: Tim Cavadini
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