Dein Tonstudio ist erstaunlicherweise gar nicht groß, fünfundzwanzig Quadratmeter vielleicht.
Man kann es sich eher wie ein Atelier vorstellen, nur mit Instrumenten, Mikrofonen und Aufnahmetechnik. Wenn ich mit Gästen zu dritt oder zu viert arbeite, entsteht eine recht gemütliche Dynamik. Einziger Nachteil, im Sommer wird es wahnsinnig heiß hier drin. Aber daran habe ich mich gewöhnt und stelle einen Lüfter auf. Das hilft ein bisschen.
Von Nick Cave ist bekannt, dass er sich morgens sein Anzugjackett wie eine Arbeitskluft überstreift, an den Schreibtisch setzt und schreibt. Wie ist das bei dir?
Dass ich hier fokussiert für ein paar Stunden an Musik arbeite, passiert eher am Nachmittag oder in den Abendstunden. Die Vormittage verbringe ich meistens damit, das wegzuarbeiten, was mich ablenken könnte. Ich beantworte E-Mails, solche Dinge. Den Ansatz von Nick Cave finde ich interessant, er geht ins Büro und schreibt. Funktioniert bei mir aber nicht gut.
Sobald du dich aufs Musikmachen fokussieren kannst, wie fügen sich deine vielen Ideen zu einem Ganzen?
So sehr viele Ideen habe ich ehrlicherweise gar nicht. Die rund zehn Songs, die auf einem Album erscheinen, sind die Songs, die seit dem Vorgängeralbum entstanden sind. Ich verwerfe Ideen selten, sondern drehe und wende den ersten Funken so lange, bis sich etwas, zumindest für meine Ohren, Lohnendes abzeichnet. Das braucht seine Zeit, und ich freue mich, wenn irgendwann ein ganzes Album fertig ist. Zu Songtexten mache ich mir Notizen oder merke mir Dinge, die mir im Alltag auffallen, Worte oder kurze Phrasen, kleine Hinweise auf ein potentielles Lied. Bei der Musik ist es ähnlich. Beides entsteht parallel und findet zueinander. Nach und nach ergeben sich weitere Textzeilen, Klänge und Melodien. Ich komme mir dann immer vor, als würde ich einen dunklen Raum mit meiner Taschenlampe ausleuchten. Bei "An einem Kirschbaum in einem Sommer", der ersten Vorabauskopplung aus "Überall, wo Menschen sind", war es so, dass ich vergangenes Jahr aus verschiedenen Gründen tatsächlich häufiger unter Obstbäumen lag. In dem Bild von einer Blüte zu einer Frucht auf der kurzen Zeitachse einer Sommersaison steckte eine Verbindung zur Frage, wie wir auf unser früheres Ich zurückschauen und wie das unsere Entscheidungen für die Gegenwart und Zukunft prägt. Das hat sich gut zu den Strophen gefügt, die es schon gab.
Was ist der erste Funke zu "An einem Kirschbaum in einem Sommer" gewesen?
Ich glaube die Textzeile "Die Erde ist ein Würfel".
Wie bist du draufgekommen?
Schwer zu sagen. Aber ich dachte gleich, dass ich sicher nicht die erste Person bin, der das durch den Kopf geht. Tatsächlich existiert ein Buch mit dem Titel. Auch von anderen Künstlern höre ich, dass es immer wieder diese kleinen Entdeckungen gibt, die einfach zu einem kommen. Wir Menschen nehmen im Alltag viel mehr auf, als uns bewusst ist, und das Gehirn macht Dinge damit ohne unser Zutun. Plötzlich sagt es in meinem Fall zum Beispiel "Die Erde ist ein Würfel". Eins der angenehmeren Mysterien. Ich bin für jede Zeile dankbar, die auf diesem Weg zu mir kommt. Eine steile These könnte sein, je weniger Ratio an einer Zeile beteiligt ist, umso besser.
Warum umso besser?
Ich entdecke an mir beim Musikmachen leider immer mal wieder ein gewisses Kontrollbedürfnis. Weiß nicht, woher es kommt, aber ich versuche, es mir abzugewöhnen. Zum einen ist es eine Spaßbremse und zum anderen ein Trugbild. Vieles, was sich beim Musikmachen und vielleicht auch in anderen Situationen wie eine bewusste Entscheidung anfühlt, über die man sich freut oder ärgert, weil man so und nicht anders entschieden hat, ist vermutlich eher ein Impuls, den das Gehirn nachträglich als Entscheidung markiert. Sprich, das Meiste ist wohl Intuition. So hab ich es zumindest mal gelesen und fand es schlüssig. Die besten Momente beim Musikmachen passieren nach meiner bisherigen Erfahrung, wenn man sich darauf einlässt und sich quasi selbst beim Spielen zuschaut. Ich glaube, im Klettersport heißt das Flow. In diesem Sinne ist jedes Album am Ende ein Puzzle aus vielen kleinen Impulsen und Intuitionen, das einem auf indirekte Weise zeigt, wie das eigene Gehirn die Umwelt verarbeitet, welche Filter und Denkmuster in einem wirken. Eine Einsicht, wenn man so will. Kein Ja, kein Nein, kein Ratschlag, aber zumindest ein Bild, eine Annäherung.
Die eine endgültige Antwort gibt es sowieso nicht. Es ist immer sowohl als auch, sowohl Ja als auch Nein.
Genau!
Trotzdem schwingt bei dir ein bestimmter Blick auf die Welt sehr wohl mit. Die ersten drei Songs von "Überall, wo Menschen sind" heißen "Florian gibt auf", "Alles schmeckt nach Abschied" sowie "Die neue Illusion ist da" mit Songtextzeilen wie "Was gestern traurig war, ist das, was ich heute mag" oder "Die guten Kleider waren schon ausgelegt, für die allerletzte Runde, die die Erde mit uns dreht." Das sprüht nicht unbedingt vor Optimismus!
"Alles schmeckt nach Abschied" ist ein Zitat von Brigitte Reimann, der Titel eines ihrer Tagebücher. Das war der erste Arbeitstitel für das Album. Die Zeile hat mich lange begleitet, aber nicht ausschließlich im destruktiven oder apokalyptischen Sinne, sondern sagt mir auch, dass es sich lohnt, sich von Dingen zu verabschieden. Von patriarchalischen Strukturen zum Beispiel, vom Fokus auf Rendite, der so vieles kaputt macht. Das scheint immer noch so eingraviert und selbstverständlich. Diese Perspektive steckt auch in dem Album, ob bei "Die neue Illusion", das sich ein Stück weit gleichermaßen als Anspielung auf den Zweckoptimismus versteht. Oder bei "Brandneu Secound Hand", dessen Songtitel bei Peter Tosh abgeguckt ist. Der Text selbst spielt mit der Idee, durch sehr langes Hinschauen so manches okay zu finden, obwohl es das nicht ist. Oder zu erkennen, dass die Dinge gar nicht so gesetzt, einige sogar absurd sind.
Deine Songtexte rein als Texte gelesen, wirken in der Regel durchaus düster, die Musik dagegen fast heiter, wodurch eine gewisse Reibung entsteht.
Stimmt, das kann man als Reibung wahrnehmen. Seit dem ersten Album von Das Paradies werde ich immer mal wieder darauf angesprochen. Auch das ist keine bewusste Entscheidung, sondern ergibt sich im Prozess. Vom Text her gedacht, fühlt es sich schlüssig an, wenn eine Zeile die Zeile davor relativiert oder ihr widerspricht oder an einem ganz neuen Punkt ansetzt. Das darf auch die Musik, oder muss es sogar. So entstehen Resonanzräume und Graubereiche zwischen den Zeilen. Und auch beim Gesang mag ich, zumindest bei Das Paradies, am Ende eher den sachlichen Vortrag, wenn die Stimme nicht in dieselbe Kerbe haut wie jede Zeile. Ich empfinde das gar nicht als so starke Reibung. Unschönes passiert auch bei Sonnenschein.
Eine Antwort liefert "Überall, wo Menschen sind" vielleicht doch. Der allerletzte Song heißt "Bei den Regendrops", und die Songfigur stellt sich vor, sich wie ein Pflanzendünger im Gießwasser aufzulösen, dadurch in jede Ritze dringen und viel besser Gutes bewirken kann, als wenn sie laut schreien würde, in Zeiten, wo sowieso jeder laut schreit.
Spannende Perspektive. Ich bin auch ganz froh über das Lied. Es nähert sich im besten Falle dem Gefühl oder dem Wunsch, hinter sich selbst zurückzutreten. Das scheint mir tatsächlich eine Herausforderung zu sein, selbst als introvertierte Person. Natürlich möchte man gehört werden, wahrgenommen werden. Aber in der, sagen wir mal temporären Verdunstung des Selbst liegt etwas. Es steckt in dem Lied auch drin, dass man immer wieder zurückfällt in dieselbe Welt. Aber vielleicht irgendwann nicht mehr, wer weiß. Vielleicht bleibt die Welt nicht, wie sie ist.
Das erste Album von Das Paradies hieß "Goldene Zukunft", was sicherlich ironisch gemeint war, das zweite Album "Transit" und das dritte jetzt "Überall, wo Menschen sind". Was generell aber doch eine Hinwendung zum Positiven andeutet?
Durchaus, und weil wir unter uns sind, kann ich vielleicht verraten, dass ich auch kurz dachte, man könnte die Alben als Trilogie begreifen. Mir kam das dann aber viel zu egomanisch vor, weshalb der Gedanke verworfen wurde. In der Rückschau frage ich mich natürlich, worin die Berührungspunkte zwischen den Alben bestehen könnten. Anhand der Albumtitel lässt sich eine Tendenz ablesen. Und ja, der Albumtitel "Goldene Zukunft" war ironisch gemeint. Erstaunlich, wie selten das bemerkt wurde.
Bernd Gürtler/TM
Das Paradies
"Überall, wo Menschen sind"
(Krokant; 26.9.25)
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