Abweichend von sämtlichen Vorgängeralben wurde bei "Wenn wir uns wieder sehen, schreien wir uns wieder an" jedem Song ein Pate aus der Band zugeteilt, der die Richtung vorgab. Wie das?
Felix Weigt: Wir hatten jede Menge Skizzen und dachten, es wäre einfacher, wenn jeder für sich vorarbeitet und einer den Überblick behält, um in kreative Prozesse zu kommen, die auch irgendwann ein Ende finden.
Was, wenn der Pate die Skizzen vollkommen umgekrempelt hätte? Wenn aus Songs räudiger Techno geworden wäre?
Moritz Krämer: Hinter uns liegt ein Entwicklungsprozess, wie wir als Band Alben einspielen. "Wenn wir uns wieder sehen, schreien wir uns wieder an" wollten wir demokratisch erarbeiten. Dafür braucht es einen Modus, dass wir uns nicht an jeder einzelnen Gitarrenspur reiben. Das Ganze sollte leicht bleiben, deshalb die Idee, jeweils einer übernimmt, aber so, dass am Ende die beste Version des Songs steht, wie die Band das gemeinsam umgesetzt hätte.
Felix Weigt: Jeder kreative Prozess gelangt an einen Punkt, wo Entscheidungen zu treffen sind, weil die Zeit davonläuft, ein Abgabetermin drängt. In solchen Momenten sind verteilte Entscheiderrollen hilfreich. Wenn man zusammensitzt und fragt, was essen wir, gibt es so viele Vorschläge wie Leute am Tisch. Der eine will mit Kardamom, der andere mit Werweißwas. Mitunter macht es Sinn, wenn einer sagt, ich habe schon gekocht. Das hat etwas Befreiendes. Jemand kann dann immer noch finden, dass es ihm nicht schmeckt. Aber Essen steht schon mal auf dem Tisch.
Manche eurer Songs wollen in der Songüberschrift ganz anderes andeuten als im Songtext vorkommt. Siehe "Die Bahn" zum Beispiel.
Moritz Krämer: Du meinst, weil wir nicht über die Deutsche Bahn singen?
Zumindest lässt die Überschrift nicht vermuten, dass es um Ausgehen und Partymachen geht, wie es im Presseinfo des Schallplattenlabels heißt.
Moritz Krämer: Ich stellte mir Berlin um Mitternacht vor, dass ich in der U-Bahn sitze, der U8, wahnsinnig müde bin, und die übrigen Fahrgäste fahren erst los, um zu feiern. Mit der Deutschen Bahn hat das nichts zu tun, auch nicht mit uns, weil sich unsere Band Die Höchste Eisenbahn nennt.
Ähnlich "Hot Pants". Laut Songüberschrift könnte es sich um die Ode an einen Jugendschwarm handeln, ziemlich sexy in ihren knappen Shorts. Stattdessen gesteht der Erzähler das Scheitern seines Versuchs, bei der Angebeteten zu landen, weil ihm keine Hot Pants stehen.
Moritz Krämer: Das ist eine Kindheitserinnerung, ich zog oft Mädchenklamotten an. Eine Fotografie von mir und einem älteren Nachbarsjungen zeigt ihn verkleidet als Landwirt und mich in Stöckelschuhen. Irgendwann findet man heraus, in welcher Kleidung man sich wohlfühlt. Das wird einem auch von außen mitgeteilt, du bist ein Junge, du ein Mädchen. Die Hotpants, die ich im Song erwähne, sind mit neonfarbenen Schlangen bedruckt gewesen. Ende der achtziger Jahre war das.
Eine wenig erfreuliche Jugenderinnerung aber, weil sich die Herzensdame nicht beeindrucken lässt.
Moritz Krämer: Eine traurige Geschichte, stimmt. Ich bekam eine Abfuhr. Der Arbeitstitel lautete "Trauerklos"; "Trauerklos, stell dich nicht so an". Ist das noch drin?
Felix Weigt: Nein, nicht mehr.
Moritz Krämer: Genau, was für ein Unglück, was für ein Leiden. Mir war das zu eindeutig. Der Song heißt auch nicht mehr "Trauerklos".
Felix Wight: Knüpft aber an unser "Pullover" und reiht sich in die Tradition von Songs über Kleidungsstücke, zusammen mit dem "Hip Teens Don’t Wear Blue Jeans" des Frank Popp Ensembles, "Forever In Blue Jeans" von Neil Diamond oder Tilman Rossmys "Bodycount T-Shirt".
Moritz Krämer: Wir könnten demnächst ein Album machen, bloß mit Songs über Kleidungsstücke.
Felix Weigt: Ein Konzeptalbum.
Moritz Krämer: Richtig, da sowieso kaum noch jemand Alben kauft, können wir rausbringen, was wir wollen.
Ihr würdet bestätigen, dass Albumverkäufe rückläufig sind?
Moritz Krämer: Von uns ist sechs Jahre gar kein Album erschienen, schauen wir was passiert. Aber wenn ich richtig informiert bin, verkaufen sich Vinylscheiben bei Konzerten als Merchandise und bleiben eingeschweißt, weil sich die Käufer die Musik digital im Netz anhören. Wir denken jedenfalls nicht, die Albumproduktion durch Albumverkäufe reinholen zu können. Unsere Erwartungen halten sich arg in Grenzen.
Felix Weigt: Es ist statistisch erwiesen, dass Albumverkäufe seit Jahrzehnten einbrechen.
Moritz Krämer: Aber ich habe gelesen, dass insgesamt mehr Geld für Musik ausgegeben wird als jemals zuvor. Die zehn Euro, die die Leute pro Monat an Streamingdienste zahlen, das ist mehr als das, was in den Neunzigern für CDs ausgegeben wurde. Das fand ich erstaunlich.
Felix Weigt: Finde ich auch. Leider kommt sehr wenig bei den Künstlern an, auch das ist statistisch messbar.
Fans der Streamingdienste seid ihr nicht gerade, oder?
Moritz Krämer: Ich finde das Prinzip von Streaming gut, ich finde nur den Ausschüttungsschlüssel merkwürdig. Aber Streaming an sich, dass man sich Musik im Internet anhören kann, ist doch toll. Ich nutze das auch. Bloß kein Spotify, ich bin bei Tidal.
Felix Weigt: Ich kann die Sentimentalität dahinter verstehen, wenn es in den Kulturfeuilletons mit schöner Regelmäßigkeit heißt, früher die Alben, die wurden in Schleife gehört, durch Streaming verliert die Musik ihren Wert. Nur hat sich die Technologie weitergedreht, wir leben in einer digitalisierten Welt. Wahrscheinlich ist es folgerichtig, dass über dieses System auch Musik verbreitet wird. Sämtliche Alternativen kämen einer selbstauferlegten Verknappung gleich. Wenn jemand sagt, ich kaufe mir ein Album pro Monat und höre das intensiv, finde ich das vollkommen in Ordnung. Aber das ist eine individuelle Entscheidung. Wahrscheinlich ist es für das eigene Seelenleben sogar besser, sich intensiver mit weniger Musik auseinanderzusetzen, aber die Zeiten sind andere.
Unverändert scheint bei Kreativschaffenden die Abneigung gegen administrative Schreibtischtätigkeit, trotz Digitalisierung. "Bürotage" heißt ein Song auf "Wenn wir uns wieder sehen, schreien wir uns wieder an".
Moritz Krämer: Wenn jemand von uns sagt, ich mach' Bürotag, hat das etwas Tristes. Weil das bedeutet, dass wir nicht im Studio sein und Musik machen können. Bei den Leuten, die ich kenne, heißt Bürotag, Steuer machen, Belege suchen, Rechnungen schreiben.
Felix Weigt: Unser Song benennt Montag bis Mittwoch als Bürotage und erweckt den Anschein, als hätten wir die restliche Zeit zur freien Verfügung. Das ist bei keinem von uns die Lebensrealität, eine durchstrukturierte Woche. Aber die Aussage, ich mache Büro, hat bei uns Kreativen auch immer etwas davon, dass wir den Alltag normaler Arbeitnehmer mimen.
Moritz Krämer: Klar, stimmt!
Felix Weigt: Man spielt ein bisschen mit dem, nein, nein, das, was ich mache, ist auch seriös, heute habe ich Büro. In der Regel erledigt man das zwischen Tür und Angel, wenn eine Deadline näher rückt. Unsere Wochen sind selten klar strukturiert. Bei dir auch nicht, oder?
Moritz Krämer: Nein, aber da steckt auch drin, dass man, wenn man Musik macht, oft gefragt wird, ob man davon leben kann. Oder was man hauptberuflich macht. Der naive Songtext, von ähnlicher Sinnhaftigkeit wie Kraftwerks "Wir fahrn, fahrn auf der Autobahn", promotet zudem den gar nicht banalen Gedanken der Dreitagewoche.
"Wenn wir uns wieder sehen, schreien wir uns wieder an" kann vollumfänglich bestätigen, was Die Höchste Eisenbahn ausmacht. Die Band hat ein Händchen für hintersinnige Songperlen, reich an Alltagsreferenzen, so dass jeder, der möchte, eure Songs direkt in seinen eigenen Alltag einfließen lassen kann. Wie gelingt das?
Moritz Krämer: Wir setzen uns nicht hin und beschließen, lasst uns einen Song über Wohnungsmangel schreiben oder so. Wir entwickeln unsere Songs aus Jamsessions, meistens schon zusammen mit dem Songtext, der sich im Anfangsstadium wie Quatsch anhört, aber Sätze enthält, die sagen, ich bleibe, ich gehe hier nicht weg. In der Regel sind das Sätze aus Unterhaltungen, wenn wir uns austauschen, was uns bewegt. Wir versuchen herauszufinden, was uns die Sätze mitteilen wollen, drumherum bauen wir den endgültigen Songtext, der oft bloß ein Ausschnitt ist. "Seit du weg bist" beispielsweise war ursprünglich zwanzig Strophen lang.
Welches ist der Song über Wohnungsmangel geworden?
Moritz Krämer: Den gibt es nicht, und das ist es, was ich meine. Wir entdecken Themen in unseren Unterhaltungen und arbeiten die aus. Ein Song auf "Wenn wir uns wieder sehen, schreien wir uns an" heißt "Gitarre Ärztin Blau" und handelt davon, dass wir keine Agitation betreiben. Das Thema sind Protestsongs, was unser Song gar nicht ist.
Bernd Gürtler/TM
Die Höchste Eisenbahn
"Wenn wir uns wieder sehen schreien wir uns wieder an"
(Mila; 12.9.25)
Die Höchste Eisenbahn
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