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Brezel Göring: Trauerbewältigung, aber nicht nur

Stereo Total sind nicht mehr, Mitte Februar vergangenen Jahres starb Frontfrau Françoise Cactus an den Folgen einer Krebserkrankung. Sicherlich wird es von selbst auffallen, das Schallplattenlabel wollte dennoch im Presseinfo vermerken, dass Brezel Görings erstes Soloalbum den Tod seiner Künstlergefährtin und Lebenspartnerin verarbeitet. "Psychoanalyse (Volume 2)" (Flirt 99) leistet Trauerbewältigung, aber nicht nur, ergab eine telefonische Interviewverabredung. Auch Fragen zur Bandgeschichte von Stereo Total sind willkommen gewesen.

Foto: Tina Linster
Foto: Tina Linster
Foto: Tina Linster
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Foto: Paul Cabine
Foto: Paul Cabine
Foto: Paul Cabine

Zum Veröffentlichungszeitpunkt von "Psychoanalyse (Volume 2)" wird es anderthalb Jahre, dass Françoise gestorben ist. Siehst du dich überhaupt schon in der Lage, über ihren Tod zu sprechen? Oder sollte das vorerst noch sicher verwahrt in den Songs verbleiben?
Nein, ich spreche sogar sehr oft darüber. Manchmal suchen Freunde und Bekannte direkt das Gespräch. Das hilft, obwohl es traurig ist.

Françoise und du, ihr seid euch 1992 in Berlin begegnet, wirklich beim Bäcker?
Vollkommen richtig! Wir wohnten beide in der Adalbertstraße, die damals noch geteilt war. Ich zog kurz nach der Wende aus dem Westen in ein besetztes Haus im Ostteil. Als es an der Adalbertstraße einen Mauerdurchbruch gab, pendelte ich hin und her. Die Leute verbrachten noch viel Zeit auf der Straße oder trafen sich bei einem Bäcker, der belegte Brötchenhälften und Kaffee anbot. Dort sprach ich sie an.

War dir Françoise aus ihrer Zeit bei den Lolitas ein Begriff?
Selbstverständlich! Auf der Tour, die die Abschiedstour der Lolitas werden sollte, bin ich im Vorprogramm aufgetreten! Da war ich aber schon mit Françoise zusammen.

Die Lolitas sind astreiner Garagenrock gewesen. Von dir heißt es, dass du von der Elektronik gekommen bist. Was bedeutet das?
Das bedeutet, dass ich in Sachen Garagenrock völlig ahnungslos war. Ich hörte andere Musik, machte andere Musik. Keine zeitgenössische Elektronik, aber ich nutzte elektronische Musikinstrumente, Sampler, Drumcomputer, Synthesizer.

Was meinst du, hat jeder von euch beiden zu Stereo Total beigetragen, jenseits der unterschiedlichen stilistischen Herkunftsbackgrounds, die euer Debütalbum "Oh Ah" noch weitgehend unverdaut wiedergibt?
Françoise war jemand mit unglaublicher Ausstrahlung, egal ob sie beim Abendessen mit Freunden eine Geschichte erzählte oder bloß einen Raum betrat. Ihre Gegenwart war eine Freude. Deshalb versuchte ich, Geräusche, Klänge und Melodien zu finden, die ihrer überhaupt nicht vorhersehbaren Persönlichkeit gerecht werden. Bei den Lolitas sang sie viel tiefer, bei Stereo Total gingen wir zu Tonlagen über, die ihr eher entsprachen. Die Band hat sich sehr um Françoise gedreht. Ihr selbst war das gar nicht bewusst, dass sie wegen ihres Akzents so im Mittelpunkt stand. Besonders bei Liveauftritten schien es völlig egal, was ich ihr unter den Gesang legte, bloß stören sollte es möglichst nicht. Insofern boten Stereo Total unglaubliche Freiheiten. Von mir eingebracht wurde, dass keins meiner Instrumente teuer sein, kein Instrument virtuos gespielt sein sollte. Von mir kam eine subversive Humoristik.

Welche Songs würdest du empfehlen, wenn jemand noch gar nichts von Stereo Total gehört hat und sich einen Eindruck von der Band verschaffen möchte?
"Miau Miau" vom Debütalbum, dort hat man schon einen guten Text. Man hat das Ruppige, das Ringen um das Unperfekte und das Schlagzeug von Françoise. Die zweite Empfehlung wäre wahrscheinlich "Liebe zu dritt" von "Musique Automatique". Der Song ist unser bekanntester, das Album war aufwändiger produziert und konnte ganz gut im Hintergrund laufen. "Ich bin nackt" von "Do The Bambi" finde ich auch repräsentativ.

Spätestens beim zweiten Album "Monokini" verschmelzen die unterschiedlichen Herkunftsstilistiken von Françoise und dir zu einem eigenständigen Sound. Die Songs entstehen jetzt aus einer echten Partnerschaft. Regelrecht darauf stoßen wird einen der Eröffnungssong "Ach Ach Liebling", wo Françoise Dinge über dich sagt, die jemand nur zu sagen wagt, wenn beide inzwischen vertrauter miteinander sind.
Ja, da hatten wir uns schon etwas besser kennengelernt.

Überhaupt wird man den Eindruck nicht los, dass ihr von da an euch selbst genügt. Der Rest der Welt bleibt außen vor.
Stimmt auch, obwohl Françoise schon Beobachtungen, Gespräche, markante Sätze und Redenwendungen einfließen ließ, die sie im Alltag aufschnappte.

Songs, die Gesellschaftskommentare abgeben, gab es aber keine, oder?
Gibt es gar nicht, nein. Wobei sie eine Meinung hatte, aber ihr Verständnis war universeller. Ungerechtigkeiten störten sie, das brachte sie manchmal in ihren Songs unter.

Wo zum Beispiel?
Bei "Die Frau in der Musik" von "Cactus Versus Brezel". Das benennt Ungerechtigkeiten, mit denen sich Musikerinnen rumschlagen müssen. Im Grunde ist das ein feministischer Song. Aber Songs, die zum Steinewerfen aufrufen, gibt es wirklich nicht.

Sex und Erotik kommen ebenfalls häufiger vor bei Stereo Total.
Absolut, Françoise fand es amüsant, wenn sie zwischen den Zeilen gewisse Anspielungen unterbringen konnte. Sie verdrehte Worte, dass sie eine andere Bedeutung bekamen. Sex fand sie interessant, die geheimen Wünsche, die verborgenen Sehnsüchte, auch die Doppelmoral in Sachen Sex. Das war wahrscheinlich einer der Gründe, weshalb sie die Songs von Serge Gainsbourg so mochte, wegen der erotischen Komponente, die immer mitschwang.

Ein Song auf deinem Soloalbum heißt "Psychopathia Sexualis", benannt nach dem gleichnamigen Buch des Psychiaters und Gerichtsmediziners Richard von Krafft-Ebing aus dem Jahr 1886. Du bist mit dem Inhalt vertraut?
Ja, das Buch ist eine Fallsammlung extremer Sexualpraktiken. Richard von Krafft-Ebing wollte den Phänomenen einen Namen geben und machte sich Gedanken über vermeintliche Heilmethoden. Wegen der Terminologie ist das Buch heute ganz und gar abwegig, aber lustig zu lesen. Immer, wenn es zur Sache geht, wechselt der Autor ins Lateinische. Ein Freund gab mir mal ein Buch über psychische Erkrankungen. Als ich damit durch war, dachte ich, das trifft alles auf mich zu! Möglicherweise ergeht es Lesern von "Psychopathia Sexualis" ähnlich.

Dein "Psychoanalyse (Volume 2)" ist ein Soloalbum im reinen Wortsinn, sämtliche Musikinstrumente wurden von dir selbst eingespielt, auch das Schlagzeug. Wie geht das?
Naja, ich denke mir ein Lied aus und spiele das Schlagzeug wie ich mir vorstelle, dass der Song am Ende aussehen könnte. Später kommen Gitarren, andere Instrumente und der Gesang dazu. Meistens verwendete ich den First Take. Bei Stereo Total haben wir das meist auch gemacht.

Aufgenommen wurde sicherlich mit einer Musiksoftware, die Mehrspureinspielungen ermöglicht?!
Nein, mit einem Achtspur-Kassettenrecorder! Auf dem Gerät sind seit 2007 auch die Alben für Stereo Total entstanden. Ich arbeite analog! Bei einem schlimmen Einbruch sind mir 2002 sämtliche Aufnahmegeräte und Musikinstrumente abhandengekommen. Aus reiner Verzweiflung kaufte ich mir damals einen Computer mit entsprechender Musiksoftware. Für unsere Hörspielproduktionen damals eine gute Sache. Gleichzeitig ging Stereo Total vollkommen der Klang verloren. Vorher musste ich dreckige analoge Aufnahmen aufhübschen. Mit der Musiksoftware war es genau umgekehrt. Ich musste Aufnahmen künstlich verschmutzen, damit sie nicht so nach Computer klingen. Das gefiel mir überhaupt nicht. Deswegen legte ich mir dieses Achtspur-Kassettengerät aus zweiter Hand zu.

Ein Song deines Soloalbums liest sich wie die perfekte Beschreibung deiner Arbeitsweise. "Bloß nicht zu sauber, sonst denken sie es wäre keine Absicht", heißt es in "Hol Dynamit"
Das war schon unser Motto bei Stereo Total, dabei ist es geblieben. Der Satz selbst stammt von einem befreundeten Künstler, dem ich half, eine Ausstellung abzubauen und an anderer Stelle wieder aufzubauen. Vor Ort musste er schnell noch eine Skulptur anmalen und hat wahnsinnig rumgeschmiert. Dabei gab er den Satz zum Besten, und ich dachte, ah ja, das bringt es auf den Punkt.

Im Titelsong zu "Psychoanalyse (Volume 2)" ist noch einmal die Stimme von Françoise zu hören.
Ja, als Françoise noch lebte, führte ich ein langes Interview von sechs, sieben Stunden mit ihr. Sie hatte zwei Radiosendungen in Berlin, bei Radio Eins und bei Reboot FM, dort lud sie sich immer Gäste ein. Als sie krank wurde, wegen Corona sowieso nicht mehr raus konnte, schlug ich vor, sie könnte sich selbst einladen und sich selbst befragen. Aus den Jingles, die ich für die Sendung produzierte, stammt ihre Stimme im Song. Beim Interview erzählte sie von einem Freund, dessen Psychotherapeut in Rente ging und der Freund sich daraufhin für geheilt erklärte. Darum geht es im Song.

Wirst du ohne Françoise als Solist weitermachen?
Unbedingt, das Musikmachen hat einen therapeutischen Effekt.

Der finale Song des Soloalbums heißt "Am Ende" und hört sich nicht unbedingt nach Weitermachen an.
Das stimmt, als ich den Song schrieb, dachte ich, dass ich das Leben, das ich mit Françoise führte, nicht fortführen brauche. Die Mühe lohnt nicht. Bei Begegnungen mit Freunden war Francoise immer anwesend als unsichtbare, dritte Person, die nicht mehr da ist. Das versuche ich zu verarbeiten.
Bernd Gürtler SAX 6/22

Video/Audio
"Psychpathia Sexualis"
"Hol Dynamit"
"Psychoanalyse"
"Am Ende"

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