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Opulente Zwischentöne: Moritz Krämer mit "Die traurigen Hummer" auf Solopfaden

Sein Schallplattenlabel bescheinigt ihm einen ausgeprägten Hang zum Understatement. Soll heißen, Moritz Krämer versteht sich auf Zwischentöne, verkörpert das Gegenteil eines schrillen Entertainers, der Aufmerksamkeit regelrecht einfordert. Was nicht heißt, dass seine Songs nicht opulent arrangiert sein können. Das sind sie, sowohl wenn er als andere Hälfte des Kernduos von Die höchste Eisenbahn unterwegs ist als auch bei Solounternehmungen wie jetzt wieder mit "Die traurigen Hummer" (Tapete). Eingebettet in die Akustikgitarren, die Streicher, die Bläser oft Songtexte, die zur Sache gehen.

Foto: MaxZerrahn
Foto: Joachim Gern

Er selbst weiß gar nicht so genau, ob er erfüllt, was andere über ihn sagen. Kann sein, überlegt er beim Interviewtermin, dass "ich kein schriller Entertainer bin. Im selben Moment denke ich wieso, wieso bin ich kein schriller Entertainer!? Vielleicht fühle ich mich manchmal als schriller Entertainer und bekomme dann wieder keinen geraden Satz hin, kann keine Witze erzählen, keinen Song zu Ende spielen, weil die Leute den Saal verlassen".

Ist das jemals vorgekommen, dass sich der Konzertsaal geleert hat bei einem seiner Auftritte? "Nein, zum Glück nicht. Mein Publikum ist wahrscheinlich viel zu höflich. Meistens ist es so, dass die, die kommen, ohnehin interessiert sind. Sonst hätten sie mich gar nicht entdeckt. Mir ist aufgefallen, dass, wenn Videos auf YouTube aus der eigenen Bubble nach außen dringen, einem sofort Hass und Hetze entgegenschlägt. Sobald man bekannter wird, passiert das unweigerlich. Ein Publikum bekommt dann die Musik mit, das nicht danach sucht. Bei mir passiert das selten. Zu mir kommen Leute, die kommen wollen. Sie würden niemals mitten im Auftritt rausgehen. Vielleicht besteht bei meiner Musik auch gar keine Notwendigkeit, rumzuspringen, sich in Szene zu setzen."

Die erste Vorabauskopplung aus "Die traurigen Hummer" hieß "Beweisen" und ging einher mit einem Videoclip, der Moritz Krämer inmitten einer bunten Sommerwiese zeigt. Schön, denkt man, der Künstler genießt seine pandemiebedingte Landflucht. Doch der idyllische Eindruck täuscht. Es treffe zwar zu, bestätigt Moritz Krämer, dass er und die seinen wegen Corona häufiger in Brandenburg unterwegs gewesen sind und bei ihren Ausflügen die Wiese entdeckt hätten, wo das Video entstand. Aber die ursprünglich angedachten, langen Zoomeinstellungen mussten leider ausfallen, wegen einer Heuschnupfenattacke. "Wir konnten gar nichts machen, wir konnten lediglich mich filmen, wie ich niese. Daraus wurde das Video geschnitten, und ich fand, dass das passt. Der Song beschreibt eine Utopie, dass keiner mehr etwas muss, um zu bekommen, wie es im Songtext heißt, was jeder andere kriegt. Woran eine Gesellschaft zwangläufig scheitert, wenn ein Zusammenleben möglich sein soll. Und wir, wir sind an dem Videodreh gescheitert."

Der Titelsong zu "Die traurigen Hummer", gleichzeitig zweite Vorabauskopplung, spinnt den Gedanken in gewisser Weise fort. Die Songprotagonistin lebt in bescheidenen Verhältnissen am Stadtrand und müht sich tagtäglich ins Stadtzentrum, um als miserabel bezahlte Angestellte eines Restaurants die Hummer in den Kochtopf zu werfen und mit ansehen zu müssen, wie die bedauernswerten Tiere von unsympathischen Geschäftsleuten verspeist werden. "Jeder muss gucken, wo er bleibt", lautet eine markante Songtextzeile. Die These sei, erläutert Moritz Krämer, dass die Songfigur den Job braucht, um wenigstens halbwegs ihren Lebensunterhalt zu sichern. "Aber vielleicht stimmt das gar nicht, vielleicht könnte sie sagen, nee, ich will den Job nicht mehr machen, ich kann anders Geld verdienen." Verortet ist die Minigeschichte über das begleitende Video in Asien?! "Richtig, das spielt in Laos, hat mit Laos aber nichts zu tun. Einer meiner ältesten Freunde ist vor zehn Jahren nach Laos gezogen, und ich habe ihn noch immer nicht besucht. Als ich überlegte, was für ein Video ich zu meinem Song drehen könnte, meinte ein Werbefilmer, den ich kenne, ich sollte über bestimmten Zwischenstopps billig einen Flug buchen und könnte vor Ort ein Restaurant als Drehort mieten. Ich dachte, das entspricht überhaupt nicht dem, was ich will. Ich will nicht irgendwohin fliegen, bloß weil es billig ist. Eigentlich will ich im Moment überhaupt nirgendwohin." Deshalb hat sein ausgewanderter Freund das Video gedreht.

Vorabauskopplung Nummer drei hieß "Rhythmus", war diesmal an einen experimentellen Videoclip gekoppelt und ein energisches Plädoyer für individuelle Selbstbestimmung. Wer allerdings vermutet, dass die Chronologie der drei Vorabsongs wohlüberlegt war, das gesamte Album, das außerdem von Depressionen und Versagensängsten berichtet, sogar einer Konzeptidee folgt, stößt bei Moritz Krämer, man ahnte es, auf die obligatorische Untertreibung. "Das Album ist kein Konzeptalbum, die Songs sind nicht chronologisch geschrieben und thematisch verknüpft nur durch mich und das, was momentan in meinem Leben passiert. Ansonsten gibt es keinen roten Faden, und die Vorabauskopplungen sind so ausgesucht, dass sich der nächste Song jeweils vom Vorgängersong unterscheidet. Das sind eher Überlegungen, mit welchem Song man auf welche Playlist kommt. Wahnsinnig unromantisch, aber alles andere wäre gelogen."

Nach "Wir können nix dafür" sowie "Ich hab' einen Vertrag unterschrieben, Volume One + Two" ist "Die traurigen Hummer" sein drittes Soloalbum. Mit einer Coverversion von "Ade", eingesungen im Duett mit Lina Maly, wird er demnächst auf einem Tributealbum für Manfred Krug vertreten sein. Gerade als Corona jegliches Konzertleben zum Erliegen brachte, war Moritz Krämer mit dem Moka Efti Orchester aus "Babylon Berlin" als Gastsänger unterwegs.
Bernd Gürtler SAX 12/21

Video/Audio
"Beweisen"
"Die traurigen Hummer"
"Rhythmus"
 

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