Es ist gute Tradition, dass sich Daniel Kahn auf diverse Quellen beruft. Aus Detroit, Michigan stammend und Spross eines assimilierten, oder wie er selbst sagt, säkularen Elternhauses, gilt sein frühes Interesse dem jüdischen Arbeiterlied, wo sich vorrangig soziale Ungerechtigkeiten, prekäre Lebensumstände und gelebter Antifaschismus verhandelt finden. Nahezu folgerichtig führt sein Weg zu Woody Guthrie und von dort über Bob Dylan zu Leonard Cohen, Tom Waits oder Lou Reed. Er interpretiert Dschinghis Kahns "Moskau", die Melodie erfand Westdeutschlands Schlagermogul Ralph Siegel. Bestandteil seines Repertoires des Weiteren auch Marlene Dittrichs "Lilly Marlene", der Soldatenschlager des Zweiten Weltkriegs, den jede der beteiligten Kriegsparteien für sich reklamierte. Daneben eigenes Material und selbstredend jüdisches Liedgut, aber nicht konservatorisch aufbereitet als museales Ausstellungsstück, sondern zeitgenössisch in die Gegenwart transformiert, stets neugierig auf Schnittmengen mit verwandten Kulturen.
In Ermangelung einer geeigneteren Terminologie, bekam sein musikantisches Wirken den Stempel Klezmerpunk aufgedrückt. Daniel Kahn selbst sprach von Verfremdungsklezmer, angelehnt an Berthold Brechts Verfremdungseffekt im Theater, der beinhaltet, dass eine Handlung durch Kommentare oder Lieder so unterbrochen wird, dass beim Zuschauer jegliche Illusionen zerstört werden und er eine kritische Distanz zum Dargestellten einnehmen kann.
2005 zieht Daniel Kahn von Detroit nach Berlin, wo er auf eine lebendige jüdische Community trifft und Jiddisch lernt, die Alltagssprache der jüdischen Bevölkerung Mittel- und Osteuropas, gewachsen über Jahrhunderte und bedingt durch Migrationsbewegungen verschiedenster Art verbreitet rund um den Globus; die Sprachbezeichnung dient heute als Synonym für eine gesamte Kultur. Inzwischen übersetzt Daniel Kahn seltener Songs aus dem Jiddischen ins Englisch, eher umgekehrt aus anderen Sprachen ins Jiddische. Auf "Umru" betrifft das unter anderem Bonnie Prince Billys "Nomadic Revery", Ewan McCalls "Dirty Old Town" und "Time" von Tom Waits, die samt und sonders sowohl mit den übrigen Songs des Albums als auch seinem Quasititelsong in Korrespondenz stehen.
"Mayn Umruh Fun A Volf" beschreibt bei oberflächlicher Betrachtung ähnlich Walt Whitmans "Song Of Myself" die komplexe Vielschichtigkeit des menschlichen Seins, lässt unterirdisch aber auch anklingen, dass eine Ursache innerer Unruhe und Rastlosigkeit ebenso sehr die Besorgnis angesichts bedrohlicher gesellschaftspolitischer Umstände sein kann. Selbige wiederum in "Graue Straße" aufscheinen, einem Song der rheinländischen Edelweißpiraten, die sich in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts dem heraufziehenden Faschismus entgegenstellten. "Nit Heymish", im Original von Georg Kreisler, berichtet von einem, jüdischer Herkunft wie der Songautor, dem es nicht gelingen will, sich egal wo heimisch zu fühlen. Nicht bei der Schwester in Berlin, nicht beim Bruder in New York, nicht beim Schwager in Buenos Aires. Ob die jiddische Sprache eventuell eine Heimat sein könnte, wo sie doch weltweit Verbreitung fand? Durchaus, entgegnet Daniel Kahn bei einer Interviewverabredung in Berlin. "Aber was ist Heimat? Mir wurde gesagt, jeder könne nur eine Heimat haben, eine Mehrzahl von Heimat gäbe es nicht. Ein deutsch-englisches Wörterbuch aus dem Jahr 1880 verriet mir, dass die Mehrzahl Heimaten sehr wohl gebräuchlich ist. Ich denke, Heimat ist dort, wo man sich sicher fühlt. Die Songfigur bei Georg Kreisler kehrt dorthin zurück, woher sie gekommen war, und fühlt sich ausgegrenzt, aber zu Hause, fremd unter Freunden. Selbst das gelobte Land Israel bot ihm keine Heimat, mir übrigens auch nicht."
Begleitet wird Daniel Kahn auf "Umru" von Jake Shulman-Ment und Christian Dawid. Der eine laut dem amerikanischen National Public Radio einer der besten Klezmer-Fiddler der Welt, der andere ein versierter Klarinettist und Saxophonist. Beide sind mitverantwortlich dafür, dass "Umru" die Überfliegerscheibe werden konnte, die es geworden ist. Hilfsbegriffe zur Bestimmung seiner Musik erübrigen sich ab sofort, Daniel Kahn ist Daniel Kahn.
Bernd Gürtler/TM
Daniel Kahn
"Umru"
(Oriente; 16.1.26)
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