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Hinein ins Unbekannte: Das präparierte Klavier, von den Grandbrothers neu gedacht

Dass das präparierte Klavier, wie es durch den amerikanischen Avantgardekomponisten John Cage in die Welt kam, längst nicht ausgereizt war, wissen wir spätestens, seit die Grandbrothers ihre Runden drehen. Was genau Erol Sarp und Lukas Vogel anstellen mit dem Instrument, das in ihrem Fall meistenteils ein Konzertflügel ist, liest sich als Interviewtransskript wie die Tuninganleitung zum kürzlich erworbenen Bodenstaubsauger. Mindestens genauso sensationell klingt die Umsetzung! Aber sogar die Grandbrothers sahen noch Entwicklungspotential, unerforschtes Gelände, dessen Erschließung gewagt sein wollte, wie ihr drittes Album "All The Unknown" (CitySlang) im Albumtitel andeutet.

Foto: Toby Coulson
Foto: Tonje Thilesen

Das Großartige an eurer Musik ist, dass sämtliche Klänge aus einem einzigen Instrument kommen, aus einem Konzertflügel, präpariert in der Tradition von John Cage. Wir sollten versuchen zu beschreiben wie die Präparation im Detail aussieht. Erst dann erschließt sich, wie grandios eure Musik wirklich ist.
Lukas Vogel
: Wir gehen über das hinaus, was man von John Cage kennt. Wir belassen es nicht bei Fremdgegenständen wie Schrauben oder Radiergummis, die wir an den Konzertflügelsaiten anbringen. Wir haben uns eine Apparatur mit kleinen Hämmerchen gebaut, die wir am Instrument befestigen, und die sich von einem Computer aus steuern lässt. Die Hämmerchen schlagen gegen den Instrumentenkorpus oder die Saiten, so dass wir den Konzertflügel auch perkussiv einsetzen können. In Verbindung mit dem Tastenspiel bildet das unser akustisches Element. Zusätzlich können wir wiederum mit Hilfe des Computers auch Klänge verfremden. Neuerdings können wir sogar Klänge aufnehmen, verfremden und situationsbezogen wiedergeben.
Erol Sarp: Die Apparatur ist für uns Alltag geworden. Deshalb sind wir darauf bedacht gewesen, dass wir, um nicht in Routine zu verfallen, unser Projekt erweitern. Das passiert auf mechanischer, akustischer und elektronischer Ebene. Perkussion ist ein wichtiges Thema bei uns, immer gewesen. Wir können außerdem jetzt Flächenklänge erzeugen, sind raffinierter geworden, weil die Klänge nicht mehr nur in Echtzeit entstehen müssen, sondern nach Belieben ins Geschehen eingegriffen werden kann.
Lukas Vogel: Eine unserer Neuentwicklungen sind sogenannte Bows, die bringen Klaviersaiten durch Magnetfelder zum Schwingen. Dadurch entstehen die Flächenklänge. Das alles ist im Sinne von John Cage, dass man den Konzertflügel anders angeht, nicht bloß ganz klassisch in die Tasten greift.

Ihr seid einzigartig, wisst ihr das?!
Erol Sarp
: Naja, Lukas und ich sind uns am Institut für Musik und Medien in Düsseldorf begegnet, und in Düsseldorf ist Hauschka eine Rieseninspiration gewesen. John Cage finden wir spannend, das Experimentelle war immer vorhanden bei uns. Aber wir dachten, dass unsere Stücke mehr als Stücke funktionieren, einen Songaufbau bekommen sollten, so dass wir auch mal im Radio laufen.

Wer nicht weiß, dass euer einziges Instrument ein Konzertflügel ist, könnte denken, die Musik wird komplett elektronisch generiert. Sogar ein Konzertflügel ließe sich mithilfe elektronischen Equipments imitieren. Warum seid ihr nicht diesen Weg gegangen, den Weg der reinen Elektronik?
Lukas Vogel: Für uns stand sehr früh fest, dass wir uns auf den Konzertflügel beschränken. Wir wollten unsere Inspiration aus der Limitierung ziehen. Mit synthetischen Klängen zu arbeiten, daraus seinen eigenen Sound zu entwickeln, ist auch ein Weg. Wir wollten unseren Sound aber anstatt mit unendlichen lieber mit limitierten Möglichkeiten finden. Bei uns kam der eigene Sound ganz von selbst, weil wir aus einer Limitierung auszubrechen versuchen.

Bei aller Technikraffinesse besteht das Fundament eurer Musik aus einer über jeden Verdacht erhabenen Tastenvirtuosität. Bestes Beispiel "The Goat Paradox" von "All The Unknown", wo Erol einen Konzertflügel und ein Klavier gleichzeitig spielt und sich das Tempo des einen Instruments zum anderen leicht hin und her verschiebt, so dass ein gewisser Phasingeffekt entsteht.
Erol Sarp: Das war ursprünglich gar nicht als richtiges Stück gedacht, das ergab sich spontan. Wir hatten uns den Luxus gegönnt, neben dem Konzertflügel, der im Studio stand, uns einen weiteren Flügel anliefern zu lassen und zusätzlich ein Klavier, das so aufgebaut wurde, dass ich beides gleichzeitig spielen konnte, mit der rechten Hand den Flügel, mit der linken das Klavier. Bei Steve Reich findet sich derselbe Phasingeffekt, der durch die Verschiebung von Klangmustern entsteht, die gegeneinander laufen, dann wieder ineinander greifen. Das habe ich vom ersten Tag an immer als kleine Übung zum Aufwärmen vor mich hin geklimpert. Jeder, der reinkam, wollte wissen, was da gerade passiert. Der virtuose Teil besteht darin, dass man die linke oder die rechte Hand um ein Sechzehntel verschiebt. Aber möglichst unauffällig, ohne Übergang. Ich kann nicht sagen, was in meinem Kopf abläuft. Ich lasse meine Finger einfach machen.

Warum ist "The Goat Paradox" nach einem Phänomen der Wahrscheinlichkeitstheorie benannt?
Erol Sarp: Da kommen wir zu dem Punkt, wo wir über die Benennung der Stücke sprechen müssen. Wir sind rein instrumental unterwegs. Texte, die eine inhaltliche Richtung vorgeben, gibt es bei uns nicht. Immer wenn ein Stück fertig ist, stehen wir vor dem Problem, wie das Stück heißen soll. Manche Stücke haben durchaus eine Bedeutung, wir müssen dann etwas finden, das es nicht allzu offensichtlich macht. Oft beziehen wir uns auf gemeinsame Erlebnisse, auf Insiderwitze, die für das Publikum wahrscheinlich überhaupt nicht witzig sind. Das Ziegen-Paradox ist sowas, das war eine Zeit lang der Running Gag auf Tournee.

Erzählen eure Stücke manchmal Geschichten?
Lukas Vogel: Wir erzählen keine Geschichten, unsere Stücke entstehen aus musikalischen Inspirationen oder aus einem Gefühl heraus, das wir vermitteln möchten, aber zuvor nicht versuchen in Worte zu fassen. Wir sprechen nicht darüber wie das der Fall wäre, wenn wir Songtexte hätten, sondern wir schreiben die Stücke und geben ihnen im Anschluss einen Songtitel. Wir schauen, was die Stücke uns erzählen, versuchen das offen zu halten, dass jeder seine eigene Geschichte erfinden kann. Zuletzt und gerade mit "All The Unknown" sind wir perkussiver, rhythmischer geworden.

Warum?
Erol Sarp: Bei den ersten beiden Alben stand unser Konzertflügel meist recht nackt auf der Bühne. Aber bei vielen Konzerten merkten wir, dass die Stücke, die einen Beat haben, uns selbst am meisten Spaß machen, weil vom Publikum eine Reaktion rüberkam. Die Energie, die wir daraus ziehen konnten, wenn fünfhundert Leute vor der Bühne stehen und tanzen, hat krass was mit einem gemacht.

Euer drittes Album heißt "All The Unknown", das Albumcover zeigt einen Menschen, der auf einer Leiter steht und den Kopf in ein Gebüsch steckt. Beinhaltet das Album die Erschließung des Unbekannten oder breitet es das Unbekannte aus?
Erol Sarp: Der Albumtitel meint sowohl als auch. Man kann das Unbekannte als etwas betrachten, das einem Angst macht. Oder als Herausforderung, die man annimmt. So sehen wir auch unsere Musik. Es gibt Passagen, die im Vergleich zu älteren Stücken eine Dramatik haben, härter sind. Gleichzeitig gibt es die hoffnungsvollen Elemente. Wir neigen dazu, das offen zu lassen, wir verbinden beide Welten. Diese Polarität spiegelt sich bei uns menschlich wider. Wir funktionieren als Duo supergut, aber haben in vielen Dingen komplett gegensätzliche Herangehensweisen, ich mehr vom Klavierspielen her, Lukas mehr von der technischen Seite.

Wenn ihr auf Tour geht, dann sicher nicht mit dem eigenen Konzertflügel, der Transportaufwand wäre unvertretbar. Ihr greift auf Leihinstrumente vor Ort zurück. Kommt es vor, dass Vermieter nervös werden, wenn ihr eure Apparatur am Flügel anbringt?
Erol Sarp: Was wir vorwegschicken sollten, ist, dass wir einen respektvollen Umgang pflegen mit den Instrumenten, die uns zur Verfügung gestellt werden. Auch wenn es erst mal nicht danach aussieht, dass da keine Spuren zurückbleiben. Wir arbeiten mit Filzen, versuchen das Instrument schonend zu behandeln. Aber ich kann mich an Momente erinnern, wo der Klaviertransporteur noch zugegen war oder der Chef vom örtlichen Pianohaus eingeladen war und wir dachten, na, der wird das wahrscheinlich erst mal nicht so richtig cool finden, was wir machen. Deshalb versuchen wir das im Vorfeld abzuklären, dass dann auch wirklich die Leute, denen das Instrument gehört, wissen, wer da kommt und was die machen. Wenn man das zum ersten Mal in Echt sieht, die Kabel, die ins Instrument rein- und rausragen, kriegt der eine oder andere schon den einen oder anderen Schock. Man kann nur immer wieder erklären, was wirklich vor sich geht.
Bernd Gürtler SAX 8/21

Video/Audio
"All The Unknown"
 

 

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