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Unbeschreiblich weiblich: Torsten Rasch über seine Oper "Die andere Frau"

Während unserer Interviewverabredung läutet sein Mobiltelefon. Am anderen Ende der Verbindung die deutsche Botschaft in Rom und bittet um Zusendung der Partitur seines Requiems für die Coronatoten von Bergamo; der Bürgermeister der norditalienischen Stadt möchte die Liturgie im Rahmen einer Gedenkveranstaltung aufführen lassen. Ob es einem behagt oder nicht, das Virus bleibt allgegenwärtig. So gesehen eine willkommene Abwechslung, dass Torsten Raschs "Die andere Frau" einen alttestamentarischen Bibelstoff aufgreift, der sich, man staunt nicht schlecht, als feministische Emanzipationsgeschichte lesen lässt.

Foto: Ludwig Olah
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Foto: Alberto Novelli

"Die andere Frau" beruht auf der Erzählung von Abraham, Ehefrau Sara und ihrer Sklavin Hagar. Die drei verbunden durch ein brisantes Beziehungsgeflecht, eingebettet in komplizierte Gesellschaftsverhältnisse. Was davon findet sich in der Oper wieder?
Das Stück legt den Fokus auf das Beziehungsdrama zwischen Abraham, Sara und Hagar. Sara kann Abraham keine Kinder schenken. Hagar muss, damals durchaus üblich, gewissermaßen als Leihmutter herhalten. Das Kind, das die Sklavin zur Welt brachte, galt wie sie selbst als Eigentum ihrer Herrin. Die Oper braucht das Drama, Drama ist essenziell, um extreme Gefühlslagen herauszuarbeiten. Gleichzeitig stellt "Die andere Frau" das zwischenmenschliche Geflecht in Gesellschaftszusammenhänge um Abraham, von dem es heißt, er sei der Urvater des Judentums, des Christentums und des Islam.

Was sagt uns dieser sehr alte Bibelmythos heute?
Abraham konnte nichts von seiner späten Rolle in der Menschheitsgeschichte wissen. Er weiß nur, dass Gott zu ihm spricht. Wie das zu bewerten ist, hängt ab vom jeweiligen Gesellschaftskontext, der zu Abrahams Zeiten von Flucht, von Vertreibung geprägt war, eng verknüpft mit enttäuschter Liebe, Eifersucht und Verrat. Beide Themenschwerpunkte sind mühelos auf heute übertragbar.

Mit anderen Worten, man muss bloß die Bibel lesen, um eine Vorstellung zu entwickeln, welches Konfliktpotential Dreiecksbeziehungen bergen?
Richtig, aber das Besondere an "Die andere Frau" ist Hagar. Von Sara wird ihr überhaupt erst Beachtung geschenkt, als sie Abrahams Kind austrägt. Abraham wiederum hält sich bedeckt, wem seine Sympathie letztlich gilt, Sara oder Hagar. Weshalb Hagar in die Wüste flieht, wo Gott auch zu ihr spricht. In anderen Religionen spricht Gott nicht zu den Menschen sondern fordert Opfergaben. In der Bibel sind Abraham und Hagar die ersten beiden Menschen, zu denen Gott spricht, sie sieht, sie als eigenständige Persönlichkeit wahrnimmt und Hagar, die Sklavin als Frau wahrnimmt.

Wurde Hagars Persönlichkeitswerdung jemals angemessen gewürdigt?
Nicht, dass ich wüsste. Ich meine, ich bin kein Religionswissenschaftler, aber was sich sagen lässt, ist, dass Hagar die Verehrung der Moslems genießt. Sie gilt als Mutter von Ismael, dem ersten Moslem. Und weil sie der Überlieferung zufolge höchstwahrscheinlich von dunkler Hautfarbe war, sehen afrikanische Christen eine Identifikationsfigur in ihr.

Könnte es sein, dass Hagar die erste emanzipierte Frau war?
Durchaus, obwohl sie selbst sich sicher nicht als solche bezeichnet hätte. Sie wird stark durch das, was ihr widerfährt.

Wäre es übertrieben zu behaupten, das sich aus der Bibel nicht nur entnehmen lässt, wie der Mensch so ist, sondern das Buch der Bücher auch den Feminismus vorhersagt?
Die Bibelstelle, aus der heraus "Die andere Frau" entwickelt wurde, umfasst ungefähr siebzehn Sätze wörtliche Rede. Und das Libretto von Helmut Krausser besteht aus dreißig Seiten. Das lässt ungefähr erahnen, wieviel hinzugedichtet wurde, wieviel Interpretationsspielraum in den wenigen Bibelsätzen steckt. Aber man kann das auch als Emanzipationsgeschichte begreifen, klar. 

Mit Helmut Krausser arbeitest du nicht das erste Mal.
Wir kennen uns schon länger. Ich genieße die Lektüre seiner Romane, bewundere seine Erfindungskraft, seine Fähigkeit, eine poetische Sprache zu entwickeln, die singbar ist. Es wäre undenkbar gewesen, die biblischen Sätze singen zu lassen, wie sie überliefert sind. Es musste eine Sprache gefunden werden, die einerseits die biblische Gewalt wiedergibt und andererseits poetisch ist, auch eine gewisse Modernität ausstrahlt. Helmut Krausser hat das wunderbar hinbekommen.

Dem Dreigestirn aus Abraham, Sara und Hagar stellt sein Libretto eine vierte Hauptfigur zur Seite. Sie nennt sich die Augenzeugin.
Die Oper kreist außer um Abraham, Sara und Hagar zudem um Ismael und Isaak, die Söhne, die von Hagar und schließlich auch Sara geboren werden. Es gibt eine übernatürliche Ebene durch die Engel, die erscheinen, um Sara mitzuteilen, dass sie doch noch schwanger wird. Aber ich wollte den Bogen noch weiter spannen, einen Bezug herstellen zur Stadt Ur; in eine Zeit, bevor Abraham dort lebte. Einer der ältesten Texte der Menschheit, erhalten in Keilschrift, handelt von der Zerstörung der Stadt Ur. Und wir wissen von der ebenfalls in Keilschrift erhaltenen "Hurrian Hymn No.6", einem der ältesten Musikstücke der Menschheit. Beide Elemente nutze ich, um den Gesellschaftskontext zu erweitern. Die Augenzeugin erzählt von Flucht, Vertreibung, dem Heimatverlust, der Mobilität generell, was auch ein Wohnsitzwechsel sein kann oder eine innere Bewusstseinsentwicklung.

Gesungen wird der Part der Augenzeugin von Sussan Deyhim. Sie war Ende der achtziger Jahre auch schon an einem Bibelstoff beteiligt. Ihr Name wird in der Besetzungsliste von Peter Gabriels Soundtrack zu Martin Scorseses "The Last Temptation Of Christ" genannt.
Sussan Deyhim stammt ursprünglich aus dem Iran, war Balletttänzerin in Paris, ging dann nach New York, wo sie als Musikerin in Erscheinung trat und Anschluss an die amerikanische Independentszene fand. Sie ist eine außergewöhnliche Künstlerin. Ich stieß zufällig Anfang der neunziger Jahre auf ihr Album "Desert Equations" und dachte, wenn sich irgendwann die Gelegenheit ergibt, würde ich gern mit ihr arbeiten. Als bei "Die andere Frau" die Idee mit dem Text über die Zerstörung der Stadt Ur aufkam, dachte ich sofort an sie. Es sind nur sechs kurze Stücke, die sie singt, auf Sumerisch beziehungsweise Arkadisch. In einer sehr schönen lange Arbeitsphase, die uns vergönnt war, weil die Opernpremiere wegen Corona anderthalb Jahre immer wieder verschoben wurde, konnten wir uns den Stücken intensiv widmen. Sussan in Los Angeles, ich in Rom. Ich schickte ihr die Musik, sie schickte die Stücke mit ihrem Gesang zurück. Am Ende hatten wir ein komplettes Album beisammen, das demnächst unter dem Titel "Songs From Ur" erscheinen wird.

Du erwähntest es gerade, du bist als Stipendiat der Deutschen Akademie, sprich der Villa Massimo in Rom gewesen, gerade als Corona ausbrach. Wie ist es dir ergangen?
So seltsam es sich vielleicht anhört, aber es war eine wunderbare Zeit. Wir, die wir dieses Privileg genießen durften, ein Jahr in der Villa Massimo zu verbringen, mussten dank der Schönheit des Komplexes, dank des großen Parks und der geräumigen Wohnverhältnisse auf nichts verzichten. Abgesehen davon, dass man kein Museum besuchen konnte, einen Monat sich nur wenige hundert Meter von seinem Wohnsitz fortbewegen, nur zum Einkaufen raus durfte. Aber beschweren kann ich mich über gar nichts. Ich war froh, dass ich in Rom sein konnte und nicht mit meinem winzigen Apartment in Berlin vorlieb nehmen musste.

Konnte dir dein Aufenthalt in Rom Anregungen für neue Stücke liefern?
Ich bin im September 2019 in Rom angekommen, habe sechs Monate an "Die andere Frau" gearbeitet. Im Februar war ich fertig, danach brach Corona aus. Es war eine Zeit der Ungewissheit. Heute wissen wir auch noch nicht alles über Corona, aber wir wissen, was Lockdown bedeutet, was FFP2-Masken sind. Damals war das alles Neuland, statt Maske banden sich die Leute einfach einen Schal vors Gesicht. Eigentlich brauche ich keine Inspiration von außen. Tatsächlich habe ich dann in den letzten zwei Monaten eine Chorkomposition für Bergamo verfasst. Das Stück soll noch dieses Jahr zur Uraufführung kommen.

Seit deiner Mitgliedschaft als Keyboarder Ende der achtziger Jahre bei der Dresdner Jazzpunkformation Dekadance, ist ein beachtlicher Backkatalog zusammengekommen. Aber abgesehen von deinem Beitrag zum Soundtrack "Battleship Potemkin" der Pet Shop Boys oder "Mein Herz brennt" mit Orchesterversionen von Rammstein-Songs, erschien das wenigste auf Tonträger. Bedauerst du das?
Manchmal schon, dann wieder nicht. Ich bin kein Freund von Livemitschnitten, außer es handelt sich um Rockmusik. Bei Opern oder Violinkonzerten hätte ich das schon ganz gern so perfekt wie möglich. Ist mit einem großen Orchester aber eine teure Angelegenheit. Dass die Stücke mit Sussan Deyhim auf Tonträger erscheinen, das wäre mir wichtig. Ich denke, dass das eine einzigartige Kombination verschiedener kultureller Einflüsse ist, die man so noch nicht gehört hat. Einige Soundtracks aus meiner Zeit in Japan, sind auch noch auf CD verfügbar.
Bernd Gürtler SAX 3/22

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