Anfang der achtziger Jahre reist Kiev Stingl nach Madagaskar, wird von der örtlichen Geheimpolizei wegen angeblicher Komplizenschaft bei einem vom CIA angezettelten Putschversuch verhaftet und nach elf Tagen Internierung im Geheimdienstzentrum Ambohiboa nach Frankreich ausgewiesen. Zurück in Deutschland, organisiert Hamburgs Rockurgestein Achim Reichel Studiotermine, ein Nachfolger für die von ihm produzierten Vorgängeralben "Teuflisch", "Hart wie Mozart" beziehungsweise "Ich wünsch den Deutschen alles Gute" soll entstehen. Das Vorhaben scheitert, das Material bleibt unter Verschluss. Vier Stücke dieser Sessions verarbeitet Niklas David vom Progressiverockduo Audiac, unterstützt durch Hans Joachim Irmler von der westdeutschen Krautrockformation Faust, 2022 zur EP "XRI Nuit". Der rudimentären Instrumentierung fügt er nachträglich Instrumente hinzu und, noch viel wichtiger, legt den Fokus auf Kiev Stingls halb gesprochenen Gesang beziehungsweise halb gesungenes Sprechen.
Ähnlich die Verfahrensweise bei "Meine Sterne fallen". Nicht der Dichter, der zu gern auch Sängerbarde wäre, wird ins Korsett üblicher Songformen gepresst, sondern die Songform orientiert sich in jeder Facette am Dichter, sodass seine Dichtkunst gebührend zur Geltung kommen kann. Ein subtiler Balanceakt, wie ähnlich formvollendet gelungen bei Allan Ginsbergs "The Lion For Real", längst aber nicht bei Jim Morrisons "An American Prayer" oder "Dead City Radio" von William Burroughs. Erfolgreich konnte das Unterfangen wohl auch deshalb sein, weil Kiev Stingl nicht mehr derselbe war.
"Meine Sterne fallen" bringt einen Mann zu Gehör, der in die Jahre kommt und, obwohl sich seiner Einzigartigkeit als Maestro der teutonischen Undergroundpoesie bewusst, langsam, aber sicher zur Kenntnis nehmen muss, dass selbst seine Lebenszeit begrenzt ist. Aus "Rosenblatt" spricht nicht bloß das Herzeleid angesichts eines gebrochenen Liebesschwurs, sondern jemand, der sich in der Rückschau sowohl an ihm widerfahrene als auch von ihm selbst gebrochene Liebesschwüre erinnert.
Sollte "Gypsy Queen" tatsächlich auf ein Selbstporträt hinauslaufen, wie Produzent und Arrangeur Niklas David im Presseinfo des Schallplattenlabels vermutet, dürften Knappheit und Selbstironie ebenfalls dem Alter geschuldet sein. Und "Tränen in Kissen", womöglich Kiev Stingls Hommage an seinen ersten Hauptlebensmittelpunkt Hamburg, dann doch unbedingt auch ein Hinweis auf das Lebensalter und krankheitsbedingtes Eingesperrtsein in seiner Wohnung, nach und nach immer stärker angewiesen auf fremde Hilfe. Ende Februar 2024 stirbt Kiev Stingl an den Folgen einer Lungenerkrankung.
"Meine Sterne fallen" ist ein fulminanter Schlusspunkt unter sein Songschaffen. Wirklich ein Jammer, dass er die Veröffentlichung nicht mehr miterleben kann. Die Vinyledition des Albums wird bei Hans Joachim Irmlers Schallplattenlabel Klangbad verlegt, die CD bei Ralf Friels Moloko Plus.
Bernd Gürtler/TM
Kiev Stingl: "Meine Sterne Fallen" (Klangbad; 20.02.26/LP)
Kiev Stingl: "Meine Sterne Fallen" (Moloko Plus; 20.02.26/CD)
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