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Messer: Die Schönheit der Schroffheit

Musikgattungsseitig steht der Begriff Post Punk im Raum, eine rauborstige Rockspielweise, die bei Messer seit Bandgründung zu Beginn der Zweitausendzehnerjahre kontinuierlich Verfeinerungen erlebt. Das Quartett lässt Dub-Elemente einfließen und macht neuerdings sogar von Bläsern Gebrauch, weshalb "Kratermusik" vom Frühjahr 2024 ungefähr denselben Entwicklungsstand markiert, wie The Clash seinerzeit mit "Sandinista" erreicht hatten. Die Interviewverabredung in Berlin-Kreuzberg bestreiten Schlagzeuger Philipp Wulf sowie Sänger und Songtextschreiber Hendrik Otremba, der auch als Romanautor erfolgreich ist.

Sowieso besonders sind Messer wegen des Miteinanders von Post Punk und Literatur. Das kommt ansonsten eher selten vor.
Hendrik Otremba
: Dass ich anfing Romane zu schreiben, wäre ohne Messer gar nicht passiert. In meinem Schreiben betrachte ich mich von Melodien und Rhythmen herkommend. Mein Umgang mit Stimmungen und Bildern liegt im Musikalischen begründet und hat sich hinein ins literarische Schaffen entwickelt. Natürlich sind inzwischen Hallräume und Spiegelkabinette entstanden, die sich gegenseitig überlagern. Aber die Musik kam zuerst. Wenn ich mit Messer auftrete, denke ich trotzdem nicht, dass ich ein Schriftsteller bin, der Sänger einer Band ist, sondern dass ich Sänger von Messer bin.

Obwohl euer Post Punk über die Jahre subtiler geworden ist, bildet die schroffe Musik einen scharfen Kontrast zu den literarisch geprägten Songtexten und sorgt in Tateinheit mit dem Bandnamen für ein gewisses Erschrecken. Wollt ihr, dass sich eure Hörerschaft erschrickt? Ist das ein Anliegen?
Philipp Wulf: Durchaus, aber es wäre töricht, würden wir erschrecken wollen, bloß um des Erschreckens willen. Prominente Beispiele der Populärmusikgeschichte zeigen, dass das bloß leere und für meine Begriffe schlechte Provokationen sind. Natürlich soll der Bandname Messer oder ein Albumtitel wie "Kratermusik" keine Provokation im Sinne von Gewaltverherrlichung oder sexueller Übergriffigkeit sein. Bei uns geht es darum, dass etwas Krasses etwas von dir will. Das ist unbedingt ein Anliegen von uns, wir wollen ein Aufschrecken erzeugen, das unser Publikum zwingt, eine Sache ernst zu nehmen und sich mit ihr zu befassen, sich in eine eigene Bilderwelt zu begeben und zu schauen, was die mitteilt. Provokation in dieser Form finden wir lohnend. Es gibt viel zu viele Gutelaunemusik, die schnell verblasst. Die bringt für einen Moment Freude. Sich aber an etwas abarbeiten, immer wieder hinschauen zu müssen, das bleibt dem Rezipienten dauerhaft erhalten. Das lässt sich nicht so schnell abhaken. Darum geht es uns, würde ich sagen.
Hendrik Otremba: Absolut und gleichzeitig bedeutet es nicht, dass wir überlegen, wie wir am besten provozieren. Wir konstruieren nichts, das ergibt sich aus unserer musikalischen Prägung und aus einem gemeinsamen Aushandeln im kollektiven Schaffensprozess. Gefragt nach dem Bandnamen oder dem Albumtitel "Kratermusik", besteht natürlich eine Affinität zu bestimmten Motiven und Sounds, um eine bestimmte Rezeption anzustoßen. Aber wir wollen Vielschichtigkeit und ich denke, dass sich das in der Musik selbst auch wiederfindet, wenn einladende Synthesizer auf schroffe Gitarren, ein hartes Schlagzeug auf warme Bässe treffen. Das ist eine Wechselwirkung, die sich nicht bloß zwischen den Songtexten, dem Bandnamen und der Musik entfaltet.
Philipp Wulf: Was nicht bedeutet, dass wir nicht auf Schönheit aus sind. Wir wollen sehr wohl schöne Musik, das steht in keinem Widerspruch zu den schroffen Elementen.
Hendrik Otremba: Heißt übertragen auf den Albumtitel, gemeint ist eben kein Krater sondern Kratermusik, ein Klang, der sich über etwas Schroffen aufhellt. Das Frontcover zeigt eine Landschaft, der Gewalt widerfahren ist, zugleich liegt eine Schönheit darüber.
Philipp Wulf: Genau, das Cover. Es geht ein Riss durch die Landschaft und doch würde man den Flecken gern besuchen. Das sieht eindrucksvoll aus. Dasselbe sollen unsere Songs bewirken.

Die erste Vorabauskopplung aus "Kratermusik" war "Taucher". Ihr selbst seid schon getaucht?
Hendrik Otremba: Nein, überhaupt nicht. Ich habe höchstens mal geschnorchelt, mehr nicht. Es gibt nicht immer eine klare Motivation beim Songtextschreiben. Manchmal handelt es sich um spontane und dann sehr schnell niedergeschriebene Ideen. Im Fall von "Taucher" war das so. Ich dachte über das Motiv des Tauchens nach, über Abenteuerlust. Beim Schreiben merke ich gewöhnlich, wie ich zu potentiellen Metaphoriken komme. In dem Fall war es ein Text, der nach Einfachheit verlangte, um sich zur schönen Dynamik des Songs zu verhalten.

Taucher lassen die Welt hinter sich und dürfen zumindest vorübergehend das Vergnügen völligen Alleinseins genießen. Eine angenehme Vorstellung oder?
Philipp Wulf: Wahrscheinlich erklärt das die Begeisterung fürs Tauchen, dass es eine sinnliche Transzendenzerfahrung bietet.
Hendrik Otremba: Ja, schweben, sich leicht fühlen, das ist das Reizvolle am Tauchen. Wobei ich aber korrigiert wurde im Hinblick auf das Alleinsein. Es meldeten sich mehrere professionelle Taucher bei mir, die meinten, das sei Quatsch, wenn ich singe "Ein Taucher hat es gut/Ein Taucher taucht allein/Ein Taucher sieht den Grund/Ich will ein Taucher sein". Man taucht niemals allein! Das ist das Erste, was Tauchern beigebracht wird!

Der Schwebezustand beim Tauchen bleibt gewöhnlichen Menschen im Alltag trotzdem vorenthalten.
Hendrik Otremba: Stimmt und vielleicht noch mal nachgefragt bei dir, Philipp, du hattest irgendwann den Wunsch geäußert, in einem Floating Tank zu tauchen?!
Philipp Wulf: Daran wäre ich nach wie vor interessiert, wobei ich eher noch in Richtung Raumfahrt tendieren würde. Ich möchte lieber ins Weltall fliegen als in die Tiefen der Meere tauchen, wo immer die Gefahr besteht, dass ein fieses, zähnefletschendes Monster aus dem Dunkel hervorgeschossen kommt. Im Weltall ist die Chance gering und es lässt sich auch sehr schön schweben.
Hendrik Otremba: Am Ende von "Kratermusik" heißt es "Ich habe die Erde verlassen" und es geht ab ins Weltall. Vielleicht wird unser nächstes Album eine Space Oddity?!

Beim Vorvorgängeralbum "Jalousie", heißt es, habe die Haltung hinter den Songs der eines Detektivs entsprochen. Welche Haltung steht hinter "Kratermusik"?
Hendrik Otremba: Bei "Jalousie" sind wir an einem voyeuristischen Blick interessiert gewesen. Unser Bassist Pogo McCartney und ich dachten über eine Detektivserie nach, die wir schreiben wollten. Das hat im Hintergrund mitgeschwungen, davon ist die Erzählhaltung geprägt. Dort steckt vielleicht sogar noch eine konzeptionelle Idee drin, wie sie bei "Kratermusik" nicht vorkommt. Das Album hat sich einfach entwickelt und scheint mir am Ende eine entfernte, ein Stück weit aus einer entfernten Zukunft zurückblickende Perspektive einzunehmen. Manchmal gehe ich nahe ran, manchmal bleibe ich auf Distanz. Manchmal wird es nachvollziehbar und konkret, manchmal existentialistisch. Aber ich denke, diesmal ist das der Blick einer Drohne, die über allem schwebt.

Eine zweite Vorabauskopplung aus "Kratermusik" war "Schweinelobby (der Defätist)", wo deine Eltern, Philipp, Bläser beisteuern.
Philipp Wulf: Wir hatten bei dem Song schon im Probenraum und auch an anderen Stellen immer den Eindruck, hier könnte noch derjenige oder diejenige dieses oder jenes beisteuern. Bei "Schweinelobby (der Defätist)" war klar, dass der akzentuierte Auftakt Bläser braucht. Dann ist mir sehr schnell eingefallen, dass meine Eltern Saxophon und Klarinette spielen. Meine Mutter war Musiklehrerin, sie ist wirklich sehr gut. Und dann dachte ich, wie schön es doch wäre, etwas zusammen mit meinen Eltern zu machen. Auch sie hatten Bock darauf und so sehr haben sie sich dann auch gefreut. Sie sind interessiert gewesen, haben sich neue Abmischungen angehört. Es ist schön, wenn man das mit den eigenen Eltern machen kann. Ich bin froh, die Gelegenheit genutzt zu haben. Aber es hat keinen konzeptionellen Gedanken gegeben, dass die Familie aufs Album sollte. Das resultierte aus dem Bedarf, den die Songs anmeldeten.
Hendrik Otremba: Es war eine pragmatische, aber sehr schöne Entscheidung!

Post Punk und die Eltern als Gastmitstreiter, auch das etwas, das sich eigentlich gegenseitig ausschließt. Punkrock war ab Mitte der siebziger Jahre lange Zeit Austragungsort des Generationskonflikts.
Philipp Wulf: Ja klar, aber das ist bei mir dann vielleicht auch ein bisschen so was wie eine späte Versöhnung, weil, als ich jung war, da lief immer Geschrei und Mosh bei mir im Zimmer. Das kam natürlich nicht so gut an bei den Eltern. Zugleich muss ich fairerweise sagen, sind meine Eltern sehr nette Menschen, deswegen finde ich es in Ordnung, das mit ihnen zusammen zu machen.
Bernd Gürtler/TM


Messer
"Kratermusik"
(Trocadero; 1.3.24)


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Foto: Moritz Hagedorn
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