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Rausgehen und die eigene Blase verlassen: 17 Hippies auf Tour mit "Clowns & Angels"

Nach wie vor befindet sich das Berliner Bandhauptquartier in der Kulturbrauerei, wo die 17 Hippies ihr eigenes Tonstudio betreiben und neulich "Clowns & Angels" eingespielt wurde. Wieder noch um einiges verschärfter seit dem Vorgängeralbum das gesamte Drumherum.

"Kirschenzeit" hieß das Album, das 2018 vorausgegangen war. Vorn auf dem Albumcover zwei rote Kirchenfrüchte, die sich beim genaueren Hinschauen als Boxhandschuhe erweisen und zum Ausdruck bringen sollten, wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt. Der entscheidende Unterschied ist, entgegnet Bandgründer Christopher Blenkinsop beim Interviewtermin, dass damals ausreichend Anlass bestand für eine milde Form des Zorns. "Es gab reichlich Momente, wo man doch anfangen konnte, sauer zu sein. 'Clowns & Angels' will darauf hinaus, dass es leichter wäre, würden wir etwas mehr Humor wagen. Nicht die Probleme lustig, lustig wegschmunzeln, Humor hat auch eine subversive Kraft. Seit der Coronapandemie macht sich eine merkwürdige Ernsthaftigkeit breit. Zwischen Freunden und Bekannten entbrennen Debatten, bei denen man sich fragt, wirklich, darum streiten wir? Ob's die Chinesen waren oder nicht?! Wir wissen beide nichts Genaues! Plötzlich meint jetzt jeder Partei ergreifen zu müssen. Du bist entweder für Israel oder für die Palästinenser, generell gegen Krieg sein ist nicht mehr drin. Wenn du dich nicht auf eine Seite schlägst, bist du falsch. Die Pandemie hat den Fußballnationaltrainer in uns mobilisiert, wir sind immerzu berufsentrüstet."

Rausgehen und die eigene Blase verlassen, sich ins Getümmel vor der eigenen Haustür stürzen, könnte helfen, findet Christopher Blenkinsop. Dem Gedanken kann sich Bandmitbegründerin Kiki Sauer anschließen. "Kirschenzeit", sagt sie, sei "mehr noch eine Kritik an den Verhältnissen gewesen, wobei wir die Verhältnisse immer selbst mit schaffen. Bei 'Clowns & Angels' legen wir den Fokus mehr auf uns. Der Titelsong ermuntert, die Fenster zu öffnen und zu schauen, was draußen ist. Das ewige Beschweren über die Verhältnisse finde ich redundant und langweilig. Es kommt darauf an, was man selbst tut, und wenn alle in eine Richtung marschieren, ist das auch nicht gut. Die Welt heute ist eine komplett andere als zur Gründung der 17 Hippies vor dreißig Jahren. Lange war unser Leben privilegiert, jetzt bekommen wir Verhältnisse, wie sie für Freunde in New York oder Paris längst normal sind. Die Zeit rast und wir rasen mit."

Ein Instrumental auf "Clowns & Angels", das "Tempelhof Haydays" heißt, klezmerhaft beginnt und im Verlauf mehrere stilistische Verwandlungen durchläuft, erinnert daran, was die 17 Hippies von jeher verkörpern. Nämlich die Erkenntnis, dass jeder Mensch in der Welt und die Welt in jedem Menschen zu Hause ist. "Medde Noi", verfasst von Bandmitglied Dirk Trageser, einem gebürtigen Hessen, wird im hessischen Dialekt gesungen. "Je démissionne" und "Gisèle" sind von Kiki Sauer in französischer Sprache getextet.

Die erste Vorabauskopplung aus "Clowns & Angels" war eine Coverversion. Nicht irgendeine, sondern von Kraftwerks "The Model", ursprünglich gesungen von einem Mann, bei den 17 Hippies von Kiki Sauer. Christopher, erinnert sie sich, "kam mit einer super Instrumentalfassung an und meinte, dass ich das doch singen könnte. Ich zuerst, nein danke, das ist mir zu Retro. Dass ein Typ fantasiert, er würde die Pippi vom Laufsteg mit nach Hause nehmen, das hat etwas Siebzigerjahremäßiges, was ich noch aus meinem Bekanntenkreis kenne, wo manche Männer unbedingt wollten, dass ihre Frauen Minirock tragen. Dann habe ich es doch gesungen, genau mit der Haltung, wie es aufs Album kam. Das ist ein First Take, und alle meinten, dort sei alles drin, auch das, was ich an Kritik vorzubringen habe. Letztlich macht es schon Spaß. 'The Model' ist ein Klassiker und der größte Hit überhaupt, der jemals von uns gecovert wurde."

Christopher Blenkinsop ergänzt, dass die 17 Hippies eine längere Geschichte mit dem Song verbindet. "Wir sind in einer amerikanischen Radioshow aufgetreten und sollten Musik aus Deutschland spielen. Für ein Publikum, das kein Deutsch kann, ist das schwieriger als gedacht. Es gibt jede Menge, was mir persönlich gefällt, aber bedeutungslos bleibt, wenn jemand die Sprache nicht versteht. Das ist dann einfach Musik. Kraftwerk aber sind genau das, was sie sind, die erkennst du. Wenn ich als Musikologe sagen sollte, welches Stück typisch deutsch ist und nichts Amerikanisches hat, auch nicht an die Beatles erinnert, auch nicht groovt, und trotzdem toll ist, dann wäre das 'The Model'."

Die Coronapandemie überbrückt hatten die 17 Hippies mit der Entwicklung einer App, die es ermöglicht, sich Stücke der Band aus dem Backkatalog jeweils nach individueller Befindlichkeit selbst zusammenzustellen, selbst abzumischen. Grandiose Idee! Leider nicht angenomen wie erhofft, aber weiterhin verfügbar über die Bandwebsite.
Bernd Gürtler/TM


17 Hippies
"Clowns & Angels"
(Hipster Records; 7.2.25)


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Foto: Schmidt Schliebener
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