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Magnetic Ghost Orchestra: Mit "Holding On To Wonder" zum Staunen anstiften

Zuletzt wann beim Musikhören echt von den Socken gewesen? Moritz Sembritzki und sein Magnetic Ghost Orchestra wollen genau solche Momente hervorrufen. Anstiftung zum Staunen lautet das programmatische Motto, ergab eine Interviewverabredung in Berlin anlässlich des zweiten Vollelängealbums "Holding On To Wonder" vom Frühherbst 2025.

Schlichtweg grandios euer zweites Album, Glückwunsch!
Freut mich, danke!

Ihr bekommt hoffentlich von anderer Seite Ähnliches zu hören. Wie sind denn die Reaktionen überhaupt?
Durchweg positiv. Wahrscheinlich müssen wir erst noch berühmter werden, dass uns auch negatives Feedback erreicht. Aber gar keine Frage, mich freuen die vielen begeisterten Rückmeldungen natürlich.

Herausragend ist "Holding On To Wonder" wegen der offenkundigen Jazzeinflüsse, die Hand in Hand gehen mit einer Vielzahl weiterer Stilanleihen. Was exakt dem entspricht, wie sich Musik inzwischen darstellt. Entwicklungen vollziehen sich nicht mehr chronologisch, dank des Internets ist prinzipiell der gesamte Musikfundus der Menschheit jederzeit abrufbar. Wie bewahrt ihr euch angesichts der Überfülle an Inspiration eure eigene Originalität?
Zum Glück gibt es noch etwas wie Geschmack, etwas wie unterschiedliche Interessenlagen. Zwar kann ich mir anhören, was es insgesamt gibt, muss aber nicht, gottseidank. Ich kann mich für Unterschiedliches begeistern, was unsere Musik zweifelsfrei widerspiegelt, finde aber eine eigene Handhabung. Für mich funktioniert das gut, dass ich Zugang zu allem habe, aber ich entscheide selbst, was ich damit anstelle.

Welche Einflüsse empfindest du für dich als besonders prägend?
Duke Ellington und Gil Evans im Bereich Big Bands, Igor Stravinsky unter den Orchesterkomponisten. Mich fasziniert die Groovewelt des R&B und HipHop, wenn eine Band einloggt und zwischen den Beteiligten winzige Verschiebungen im Timing entstehen. Daneben lassen sich sicherlich Anlehnungen an die Minimal Music erkennen, wobei ich nicht behaupten würde, Fan von Steve Reich oder Philip Glass zu sein. Wahrscheinlich kommt das eher aus der zeitgenössischen Elektronik oder von Kraftwerk eventuell. Ich selbst bin Gitarrist, was diese Einflüsse angeht, sprechen wir über ein breites Spektrum zwischen Jimi Hendrix und Wes Montgomery. Aktuell höre ich intensiv Blake Mills, der neulich bei den Leipziger Jazztagen aufgetreten ist.

Deine Referenzpunkte erinnern an Frank Zappa, der gestartet ist sowohl inspiriert von Igor Stravinsky und John Cage als auch DooWop, später sich Jazz und Heavy Metal zuwendet, ohne die avantgardistische Klassik aufzugeben.
Frank Zappa hatte seinen eigenen Humor, seine eigene Klangsprache. Sehr viel habe ich sicherlich nicht von ihm übernommen, außer der Freiheit, wie er mit Genres umgeht, wie er Genres zitiert und in einem vollkommen anderen Licht erscheinen lässt. Das finde ich bemerkenswert.

Zusätzlich zur sensationellen Musik erzählt "Holding On To Wonder" eine Geschichte. Worum geht es?
Um zwei Frauen, zwei Künstlerinnen. Die eine ist Schriftstellerin und etwas jünger, die andere Malerin und etwas älter. Das Album erzählt vom Austausch zwischen den beiden. Teils in Briefen, teils in Gesprächen, erörtern sie ihr künstlerisches Schaffen oder die besonders erhabenen Momente, wenn etwas vollbracht und die Freude über das Geschaffene grenzenlos ist. Es geht auch um den Neid, der aufkommt, wenn es bei einem selber gerade nicht gut läuft. Oder um das Miteinander der beiden Künstlerinnen, wenn sie sich gegenseitig Kraft geben, sich aufbauen, sich darin bestärken, dass wichtig ist, was sie tun.

Die Songtexte schrieb Alexia Peniguel. Magst du sie vorstellen?
Mit Alexia arbeite ich seit mehreren Jahren, sie schrieb bereits die Texte zum Vorgängeralbum "Magnetic Ghost Orchestra". Bei "Holding On To Wonder" war es eine tatsächliche Kooperation, keine Auftragsarbeit. Ich hatte bestimmte Vorstellungen, wie der Text beschaffen sein muss, damit ich gut damit arbeiten kann. Ich wollte, dass die beiden Sängerinnen der Band in verschiedene Rollen schlüpfen, dass es um das Verhältnis zwischen den beiden geht, weil die Musik unterschiedliche emotionale Verfasstheiten widerspiegeln sollte, um der Komposition ein Thema geben zu können. Das Thema selbst kam von Alexia, aktuell beschäftigt sie sich intensiv mit dem Austausch zwischen Künstlern verschiedener Kunstgattungen. Manches davon ist eingeflossen.

Die beiden Frauenfiguren heißen Pen und Bee, woher die Namen?
Ich denke, Pen lässt sich vom Schreiben herleiten. Und Bee? Ich weiß es ehrlich gesagt gar nicht. Für mich funktioniert die Assoziation, an einer Stelle ist zum Beispiel von einer 'buzzing bee', einem fleißigen Bienchen, die Rede. Aber da will ich gern das Publikum einladen, sich selbst ein Bild zu machen, welche Idee hinter der Namensgebung steht.

Was wird an Erkenntnissen über Künstlerexistenzen vermittelt?
Dass es manchmal sehr schön und belohnend sein kann, manchmal sehr schwierig bis hoffnungslos. Die gesamte Palette wird ausgeschöpft. Von den Künstlern, die ich persönlich kenne, weiß ich, dass ihnen sämtliche Extreme und manches darüber hinaus, bestens vertraut ist. Ich hoffe, dass sich das über die Musik, über die Texte mitteilt, und sich Anknüpfungspunkte finden für ein Publikum, das sich vielleicht weniger intensiv mit Kunst beschäftigt. Ich wollte kein Album über Kunst rein um der Kunst willen, sondern dass sich das auch ins Gesellschaftliche übertragen lässt.

Was denkst du, ist übertragbar?
Speziell der Song "Envy", der, wie sein Songtitel besagt, vom Neid handelt, einem Thema, das in Deutschland ziemlich präsent ist. Ich will auf die Erkenntnis hinaus, dass die Ursachen des Neids häufig darin liegen, wie es bei einem selbst läuft. Wenn man gerade Pech hat und jemanden erlebt, dem es besser geht, verleitet das, auf den anderen zu schimpfen, was aber eigentlich nicht berechtigt ist. An anderer Stelle, darüber spricht das Album auch, geht es um Chancenungleichheit. Ein ganz anderes Phänomen, das es zu unterscheiden gilt. Dass man manchmal eine Pechsträhne hat, es danach wieder besser läuft und man anderen etwas gönnen kann, ist die eine Sache, Ungerechtigkeit eine andere. Das ist vielleicht das wichtigste Gesellschaftsthema, das verhandelt wird.

Die beiden Protagonistinnen von "Holding On To Wonder" tauschen im Verlauf der Erzählung ihre Rollen. Bee, die Ältere, die dank ihrer Erfahrung Kraft und Zuversicht geben kann, stürzt plötzlich selbst in eine Krise und wird jetzt von Pen aufgefangen.
Genau, Bee verfügt bereits über eine gewisse Weisheit, die sie weitergeben kann. Aber vielleicht ist es interessant, dass gerade sie irgendwann auch verzweifelt. Das zeigt, dass Krisen an jedem Punkt der Karriere, an jedem Punkt des Lebens auftreten können, dass man trotz Lebenserfahrung vielleicht an dem verzweifelt, was einem immer wieder passiert, was einen verstört. Die jüngere Pen, die manches noch gar nicht erleben musste, noch gar nicht solche tiefen Wunden davongetragen hat, kann in dieser Situation mit ihrer jugendlichen Frische vielleicht aushelfen.

Gibt es ein Happyend?
Ein Happyend? Na gut, der letzte Song beginnt mit düsteren Aussichten und heitert sich auf, weil sich der Konflikt in der Freundschaft auflösen lässt. Insofern ist das fast ein Happyend. Aber mir ist vor allem wichtig, dass das Album insgesamt eine positive Energie ausstrahlt, Zuversicht verbreitet und Mut macht.

Der Albumtitel "Holding On To Wonder" will darauf hinaus oder?
Das englische Wort Wonder bedeutet im Deutschen nicht unbedingt wundern, sondern auch staunen. Am Staunenkönnen festhalten, vielleicht lässt sich der Albumtitel am ehesten damit übersetzen.

Vermutlich ist der Albumtitel nicht nur ans Publikum gerichtet sondern auch euch selbst ins Stammbuch geschrieben. Musikschaffen, Kunstschaffen generell, war zu jeder Zeit schwierig und findet nach der Coronapandemie beziehungsweise vor dem Hintergrund von Wladimir Putins Überfall auf die Ukraine eher schleppend in eine zumindest gewisse Normalität zurück.
Der Albumtitel ist ein Mantra, auch für uns selbst, nicht die Kunst, nicht die Dinge, die einem wichtig sind, aufzugeben. Dass man sich nicht unterkriegen lässt.

Das Magnetic Ghost Orchestra besteht aus beachtlichen siebzehn Mitgliedern. Konzertauftritte bestreitet ihr in derselben Personalstärke?
Das wechselt manchmal, wenn jemand nicht kann. Aber die Besetzung mit siebzehn Musikern ist immer die gleiche.

Was bedeutet der Bandname Magnetic Ghost Orchestra?
Ach, das würde ich eigentlich auch gern dem Publikum überlassen. Ich denke, das ist ein Bandname, der Assoziationen weckt, eine bestimmte Stimmung anklingen lässt.
Bernd Gürtler/TM


Magnetic Ghost Orchestra:
"Holding On To Wonder"
(Fun In The Church; 26.9.25)


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Foto: Benjakow
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