|   Rezension

Imarhan

Essam

(CitySlang)

Die Provinzmetropole Tamanrasset im Süden Algeriens am Fuß des Ahaggargebirges, wo Imarhan zu Hause sind, liegt auf den Routen afrikanischer Flüchtlingstracks quer durch die Sahara Richtung Europa. Stilistisch orientiert sich die Band bei "Essam" ähnlich.

Seit Gründung Mitte der Nullerjahre absolvieren Imarhan Festivalauftritte und Tourneen weltweit, kooperieren mit Gruff Rhys von den Super Furry Animals oder Damon Albarns Africa Express und bestreiten das Vorprogramm von Kurt Veil. Zweifellos, das Quintett um Iyad Moussa Ben Abderahmane, genannt Sadam, ist längst ein globales Phänomen und doch fest verwurzelt geblieben in der Kultur des Berbervolks der Tuareg. Mit einer entscheidenden Modifizierung bei "Essam".

Wieder war der in zeitgenössischer afrikanischer Populärmusik bewanderte Produzent Maxime Kosinetz beteiligt. Durch ihn außerdem hinzugezogen Emile Papandreou vom experimentierfreudigen französischen Elektroduo UTO. Beiden wird die glorreiche Idee zugeschrieben, Imarhans Perkussionsinstrumente zu sampeln! Das Ergebnis? Ebenso traditionell wie modern und womöglich von ähnlicher Schrittmacherwirkung wie seinerzeit, als ein gewisser Ibrahim Ag Alhabib, angelehnt an Westernfilme, Country Music und Led Zeppelin, sich seine erste Gitarre aus einem Wasserkanister, einem Besenstil und Angelschnüren selbst baut, um mit Tinariwen die Urformation des Wüstenblues der Tuareg zu etablieren. Oder als Tamikrest eine Variation ersinnen, die Publikum entgegenkommt, das angloamerikanische Rockspielweisen gewohnt ist.

Bei keiner der drei Bands sind Stilmodifizierungen rein marktstrategischen Überlegungen geschuldet. Immer geht es darum, dem wechselvollen Schicksal der Tuareg eine Stimme zu verschaffen, die international Beachtung findet. Imarhans "Essam", vermeldet das Pressinfo des Schallplattenlabels, sei thematisch von "displacement, identity, and belonging" geprägt. In der tiefen Überzeugung, "life is beautiful, even in it's darker moments", wird den düsteren Momenten gelebter Gemeinschaftssinn gegenübergestellt. Imarhans bandeigenes Tonstudio in Tamanrasset dient parallel als Musikschule und Jugendtreff. Die vielstimmigen Chorgesänge auf "Essam" künden davon.
Bernd Gürtler/TM


Imarhan
"Essam"
(CitySlang; 16.01.26)


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Foto: Marie Planeille

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