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Space Oddity: Woods Of Birnam auf den Spuren von Stanislaw Lems "Solaris"

Woods Of Birnams siebtes Studioalbum "Solaris" wandelt auf den Spuren des gleichnamigen Romans von Stanislaw Lem. Der Stoff, angesiedelt im Bereich Science-Fiction, betrifft intergalaktische Weltraummerkwürdigkeiten irdischer Signifikanz, ergab eine Interviewverabredung mit Sänger, Schauspieler und Theaterregisseur Christian Friedel.

Euer Album korrespondiert mit deiner Theaterinszenierung am Schauspiel Frankfurt unter demselben Titel und bildet den Soundtrack zum Stück? Oder wie hängt beides zusammen?
Begonnen haben wir mit der Musik für das Theaterstück, das stimmt. Aber es kam deutlich mehr zusammen, als sich unterbringen ließ, sodass wir uns zu einem parallelen Album entschlossen, das jenseits der Theaterbühne funktionieren kann. Deshalb würde ich sagen, das Album ist nicht wirklich ein Soundtrack. Im Theaterstück kommt höchstens ein Viertel der Gesamtkomposition vor, das Album ist wesentlich umfangreicher und beinhaltet unsere Interpretation von Stanislaw Lems Roman.

Grundlage war tatsächlich der Roman, nicht der Spielfilm von Andrei Tarkowski, den es auch gibt?
Wir beziehen uns auf jeden Fall auf den Roman und fanden diesmal eine unkonventionelle Arbeitsweise. Jeder sollte die Passagen des Romans nehmen, die ihm wichtig erschienen, und das in Musik verwandeln. Anschließend wurden die Einzelbeiträge gemeinschaftlich ausgearbeitet.

Wie bist du auf Stanislaw Lems Romanvorlage gekommen?
Als das Schauspiel Frankfurt anfragte, stand für mich fest, dass ich unbedingt ein Science-Fiction-Stück machen wollte. Ursprünglich war "The Three Stigmata Of Palmer Eldritch" von Philip K. Dick geplant. Leider bekamen wir die Rechte nicht, Hollywood hatte wohl Ansprüche angemeldet. Den Vorschlag, weshalb dann nicht "Solaris", unterbreitete das Theater. Andrei Tarkowskis Film kenne ich natürlich auch.

Was von der umfangreichen wie komplexen Romanhandlung kommt vor im Theaterstück beziehungsweise wird übertragen auf das Album?
Der Mensch im Angesicht des Unergründlichen steht im Fokus meiner Theaterinszenierung. Man muss sich vorstellen, die Hauptfigur des Romans, der Wissenschaftler Kris Kelvin, kommt auf die Raumstation, die den Planeten erforscht. Durch die Fenster der Station sieht er den Plasmaozean, der Solaris bedeckt. Er erkennt, wie der Ozean gestalthafte Formen hervorbringt, täuschend echte Kopien der Menschen, gegenüber denen er Schuldgefühle empfindet. Um solche philosophischen Aspekte dreht sich das Theaterstück. Die Musik des Albums widmet sich eher dem klanglichen Moment. Wir wollten eine Vorstellung entwickeln, wie der Plasmaozean, wie die Atmosphäre auf dem Planeten oder auf der Raumstation wohl klingt. Der Roman beginnt spannend wie ein Thriller und bleibt dann irgendwie stehen, weil Kris Kelvin sich entschließt, auf der Raumstation zu bleiben. Ab der Stelle zerfließt der Roman, das wollten wir ebenfalls in Musik kleiden.

Welche philosophischen Aspekte sind dir besonders wichtig?
Wir sind bei "Solaris" erstmals eine Kooperation mit meinem Schauspielerkollegen und Musikerfreund Robert Gwisdek als Textschreiber eingegangen. Ich bin begeistert, wie er sich mit den verschiedenen Themenkomplexen von "Solaris" beschäftigt und in lyrische Songtexte verpackt hat. Oft geht es um innere Verfasstheiten, um ein Insichhineinlauschen. Protagonist Kris Kelvin wird im Roman an eine Maschine angeschlossen, wodurch sich Raum und Zeit auflösen. Das berührt die Grundfrage, wer wir eigentlich sind und wie wir das erkennen. Bei Stanislaw Lem wird das exemplarisch verhandelt, ebenso auch das Bedürfnis, eine verstorbene Person, deren Tod noch nicht verarbeitet ist, wiederzutreffen. Ist das gut oder schlecht? Stanislaw Lem bewertet das nicht, seine Erzählung macht deutlich, dass es sich immer um Spiegelungen eigener Defizite, eigener Versäumnisse, eigener Sehnsüchte handelt. Das Phänomen der Kopien verstorbener Menschen, die der Plasmaozean auf Solaris hervorbringt und die früher oder später die Raumstation besuchen, finde ich interessant. Stanislaw Lem sagt, wir erforschen die Weiten des Weltalls, aber wissen wenig über uns selbst. Mit den Songtexten wollten wir das aufgreifen.

Die polnische Originalausgabe von Stanislaw Lems "Solaris" erschien 1961, die deutsche Übersetzung in der DDR erst 1983, nachdem eine Druckgenehmigung durch kulturpolitische Kontrollinstanzen mehrfach verweigert worden war. Die Begründung lautete, der Roman sei zu pessimistisch, zu negativ, die Logik der Handlung stünde auf wackeligen Füßen. Kannst du das nachvollziehen?
Stanislaw Lem sagte von sich, er sei eigentlich gar kein Science-Fiction-Autor, sondern mache sich über die Wissenschaft lustig, weil sämtliche ihrer Erkenntnisse spätestens in einhundert Jahren überholt sind. Das kann man durchaus pessimistisch finden. Ich denke, darin liegt auch die Einsicht verborgen, dass Kris Kelvin zu sehr festhält an einer unverarbeiteten Vergangenheit. Der Selbstmord seiner Ehefrau ist das, was ihn umtreibt. Wenn die Kopie seiner Frau auf der Raumstation auftaucht, versucht er eine Erneuerung der Beziehung. Aber er sieht sich immer wieder mit dem Selbstmord konfrontiert, es gibt kein Entrinnen. Eigentlich müsste er erkennen, lass los, akzeptiere, was nicht zu ändern ist. Aber er schafft es nicht.

Wir sollten versuchen, kenntlich zu machen, welcher Song welche Stelle der Romanhandlung markiert, und beginnen am besten mit "Polytheria", wo es heißt "Oh Kind der Steine, höre mein Rufen/Zwei Sonnen spiegeln sich in meiner Haut".
"Polytheria" beschreibt, wie der Planet Solaris die Menschen mit seinen zwei Sonnen anlockt. Kind der Steine meint den Plasmaozean, der die Menschenkopien hervorbringt. Wir hören hier die Stimme des Ozeans.

"Aus meinen Tiefen still und schwer/Ein Abbild derer, die sie schauen und Spiegel hinter Spiegel bauen" heißt es in "Symmetriaden", und erinnert an den Moment des Romans, als die Kopie von Kris Kelvins verstorbener Ehefrau auf der Raumstation eine Fotografie von sich entdeckt und sich gleichzeitig zusammen mit der Fotografie im Spiegel wiedererkennt.
Richtig, und erkennt, dass sie selbst gar keine Erinnerung hat, sondern ihr nur das gegeben ist, woran sich Kris Kelvin erinnert. Die Symmetriaden stehen für die Wiederkehr. Ein einziges Dahinwabern, das wir versucht haben, in Musik darzustellen.

"100 Schlüssel" ermuntert "Öffne deine Hände, webe den Traum/Öffne die Augen, messe mich aus".
Das steht für die Vielfältigkeit an Entscheidungsmöglichkeiten, die uns gegeben sind. Unsere heutige Welt suggeriert, dass es nur Schwarz und Weiß gibt, nur einen Weg. Das stimmt nicht, es gibt mehrere Wege, mehrere Türen, durch die wir gehen können. Im Roman befinden wir uns an einer späteren Stelle, als Kris Kelvin, angeschlossen an die Maschine, in sein Bewusstsein reist, Raum und Zeit sich auflösen. Seine Sinne öffnen sich und er muss entscheiden, durch welche Tür er gehen will.

"Mirror" zitiert noch mehr Spiegel herbei.
Stanislaw Lem sagt, dass wir immer in einen Spiegel schauen, wenn wir etwas betrachten wie den Plasmaozean auf Solaris. Eine völlig fremde, unergründliche Welt, trotzdem schauen wir wie in einen Spiegel, weil die Interpretation der fremden Welt unserer eigenen Realität entspringt. Was wir sehen, ist immer unsere Interpretation, eine allgemeingültige Realität gibt es nicht.

Mit den Projekten zu William Shakespeare sind Woods Of Birnam weit in die Vergangenheit gereist, mit "Solaris" jetzt weit in die Zukunft. Ziemliche Gegensätze auf der Zeitachse.
Genau, aber ich drehe gerade zwei Filme parallel, die finale Staffel von "Babylon Berlin" und "Athos 2643", ebenfalls ein Science-Fiction-Stoff. Jedes Mal reise ich in die Vergangenheit und sofort wieder in die Zukunft. Ein bisschen ist das wie bei Shakespeare und "Solaris". Das verbindende Element ist, es hat immer mit uns zu tun. Uns selbst zu spiegeln macht, Kunst für mich so schätzenswert.

Die Filmprojekte, an denen du beteiligt bist als Schauspieler, sind häufig Hochkaräter wie "Das weiße Band", "Elser – Er hätte die Welt verändert", "Die Dasslers – Pioniere, Brüder und Rivalen", die erwähnte Spielfilmserie "Babylon Berlin" oder "The Zone Of Interest". Man sollte denken, dass sich das stärker auf dein Musikmachen mit Woods Of Birnam auswirken müsste.
Wenn man das verbinden möchte, dann ist mein Weg als Schauspieler der, wo ich mich treiben lasse durch die Visionen anderer. In der Musik versuche ich, eigene Visionen umzusetzen. Verbinden wird sich das bei einem der nächsten Projekte, einem Film und Theaterstück über Klaus Nomi, den berühmten, viel zu früh verstorbenen Countertenor, der britischen New Wave mit klassischer Musik verband. Dort wird es Überschneidungen zwischen Schauspiel und Musik geben.

Auf das Konzert im Beatpol folgen mehrere Tourtermine, die sicherlich nicht mit einer ähnlich opulenten Bühnenshow bestritten werden wie die Shakespeare-Aufführungen im Staatsschauspiel Dresden?
Nein, aber wir bereiten ein neues Stück für die nächste Spielzeit am Staatsschauspiel Dresden vor. Zuvor hatten wir Lust, mal wieder auf Klubtour zu gehen. Wir veranstalten jedes Jahr unser Open Air am Konzertplatz Weißer Hirsch, das uns sehr viel Freude bereitet. Wir wollten aber auch mal wieder im kleinen Rahmen auftreten, ohne großes Bühnenspektakel.
Bernd Gürtler/TM


Woods Of Birnam
"Solaris"
(Royal Tree; 12.12.25)


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Foto: Carsten Beier
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