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Eine Band findet sich: Was die Woods Of Birnam aus ihren "Anniversary Sessions" mitnehmen

Zeit ist relativ, wer wollte es bestreiten. Ein zehntes Gründungsjubiläum mag von außen betrachtet kaum der Rede wert sein. Bei den Woods Of Birnam wollten sie sich mit Neueinspielungen alter Songs Klarheit verschaffen über das gemeinsame Woher und Wohin. Das auch in der Hoffnung, der Erkenntnisgewinn möge zu neuen Songs inspirieren. Die Gelegenheit war günstig, wegen der Coronabeschränkungen ist sowieso an fast gar keine anderen Bandaktivitäten zu denken gewesen. Ihre intensive Selbstbefragung hat geholfen, denkt Christian Friedel, Sänger und Frontmann der Woods Of Birnam.

Foto: Lutz Michen
Foto: Lutz Michen

"Es brauchte seine Zeit in den ersten Jahren unseres Bestehens, bis wir sagen konnten, was die Woods Of Birnam ausmacht. Wenn man auf das vorläufige Gesamtwerk zurückschaut, entdeckt man eine unglaubliche Fülle an Ideen, an Herangehensweisen. An verschiedenen Träumen, denen wir nachgegangen sind, jeder einzelne von uns. Während der Neueinspielungen wurde uns bewusst, wie gut es uns gelungen ist, eine gemeinsame Vision zu entwickeln. Inzwischen wissen wir, dass wir dann am besten sind, wenn wir projektbezogen arbeiten. Wenn wir nicht den Weg gewöhnlicher Rockbands gehen, uns nicht der Routine des nächsten Albums, der nächsten Tour unterwerfen. Das macht auch Spaß, aber das sind nicht wir. Uns ist, ich will nicht sagen ein Hang zum Größenwahn eigen, aber doch der Hang zum Theatralischen. Auch die Verbindung unterschiedlicher Kunstformen entspricht uns sehr."

Das Material, das aus den "Anniversary Sessions" (Royal Oak) hervorging, füllt insgesamt drei EPs mit sechs Songs, jeweils fünf von den vier Vorgängeralben. Dazu immer ein tatsächlich neuer Song. Aber ergeben die alten Songs in Verbindung mit den neuen auch eine neue Geschichte? Ums Geschichtenerzählen ging es nicht, erwidert Christian Friedel. "Unser Ansatz war, dass die Stücke bei Woods Of Birnam immer sehr atmosphärisch, sehr dicht, sehr komplex arrangiert sind. Wir dachten, wir entblättern das und versuchen intimer, nahbarer zu werden. Auch zu schauen, wie die Stücke entstanden sind. Teilweise sind sie am Klavier entstanden, teilweise eher akustisch gedacht gewesen, manche sind reine Solosongs. Uns fiel auf, dass ein guter Song jede Interpretation verträgt und sich dennoch treu bleibt. Die Songs daraufhin zu hinterfragen, das fanden wir spannend. Ich denke, die Songs der 'Anniversary Sessions' können für sich stehen."

Eins der alten Stücke ist "The Wind" aus "How To Hear A Painting", ihrem zweiten Multimediaprojekt für die Theaterbühne nach "Searching For William". Das Original wirkt eher statisch. Durch das dem Reggae abgelauschte Bassintro der Neueinspielung entfaltet sich fast eine karibische Leichtigkeit! "Genau, das erinnert ein bisschen an The Good, The Bad & The Queen, die Band von Damon Albarn. Ursprünglich war das eher ein derber Rocksong, orientiert an Depeche Mode und Nine Inch Nails. Nachdem wir uns auf das Wesentliche konzentrierten und locker gejammt haben, verwandelte sich das wie von selbst in einen Reggae. Plötzlich bekam der Song Luft, etwas, woran es den Originalen oft mangelt. Oder der Gesang, die gesamte Instrumentierung, das ist früher meist in einem großen Ganzen untergegangen."

Angeboten wurde "Volume One" der "Anniversary Sessions" über die bandeigene Website als Deluxe-Boxset, zusammen mit einem Fotobildband und limitiert auf hundertfünfzig Exemplare. Solche Edeleditionen sind inzwischen keine Ausnahme mehr. Was schön ist für die Sammler, die exklusive Veröffentlichungen mögen, aber eben ein gewisses Budget voraussetzt. Andererseits verkaufen sich herkömmliche Tonträger kaum noch. Christian Friedel kann nur zustimmen. "Normale CDs werden so gut wie gar nicht mehr nachgefragt. Wenn du auf Tour gehst und etwas dabei hast, das die Leute nach der Show als schöne Erinnerung mit nach Hause nehmen können, ist das toll. Ansonsten wird, wenn überhaupt, höchstens noch Vinyl gekauft. Viele sagen sich inzwischen, warum sich mit physischen Tonträgern belasten. Die Musik gibt es zum Spottpreis bei den Streamingdiensten. Du kannst dort deine Musik überall mit hinnehmen. Für uns Musiker lohnt sich Streaming noch nicht, die Verteilung der Erlöse finde ich wahnsinnig ungerecht. Aber genau deshalb bieten Bands solche Deluxe-Pakete an, in limitierter Auflage, wo der Liebhaber etwas Haptisches, etwas Besonderes in die Hand bekommt. Wir haben es selbst erlebt. Nach unserer Ankündigung, dass da etwas erscheinen wird, sind hundertfünfzig Pakete rausgegangen, ohne dass die Empfänger wussten, was in 'Volume One' der 'Anniversary Sessions' überhaupt drin ist. Was ein toller Beweis ist, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Unser Publikum vertraut uns!"

Beim Interviewtermin gibt sich Christian Friedel selbst als Vinylliebhaber zu erkennen. Zuletzt angeschafft habe er sich, sagt er, Radioheads "Kid A Mnesia", die Wiederveröffentlichten "Kid A" und "Amnesiac", erweitert um teils unveröffentlichtes Bonusmaterial. Die "30th Anniversary Edition" von Roxettes "Joyride" dreht sich ebenfalls auf seinem Plattenteller. Die Schwedenband begleitete seine Populärmusiksozialisation zu Teenagerzeiten. "Ich bin froh, dass ich Roxette-Fan war. Meine Mitschüler schwärmten für New Kids On The Block. Ich habe mich mit meinem damaligen besten Freund gestritten, welche Band besser ist. Roxette werden heute noch gehört. New Kids On The Block hatten ihre Zeit, sage ich mal." Schon länger stehen gesammelte Werke von Björk, Tori Amos, Goldfrapp, Depeche Mode in seinem Plattenschrank. Wo er seine Vinylscheiben kauft, wenn man fragen darf? "Im Sweetwater am Körnerplatz in Dresden. Wir haben dort mehrmals Record-Release-Partys gefeiert, ich stand immer hinterm Tresen und verkaufte unsere Scheiben. Tino Tuch, der Inhaber, ist ein leidenschaftlicher Musikliebhaber. Ein toller Laden. Ich bin gern dort und stöbere in der Second-Hand-Abteilung."
Bernd Gürtler SAX 1/22

Video/Audio
"My Lovely Boy"
"All We Need"
"Du bist alles"
 

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