Euer Debütalbum "Nacht" war komplett auf Deutsch gesungen, die nachfolgende EP "Mesafeler" mit Coverversionen von Klassikern des Anadolu Rock durchweg in türkischer Sprache. "Sag mir Almanya" lässt dich von Song zu Song zwischen Deutsch und Türkisch wechseln. Wie kommt's?
Unsere Idee von uns ist, dass wir eine deutschtürkische Indieband sind. Wir verbinden kulturübergreifend Musik und Sprache, wegen der Wurzeln meines Vaters ist das in mir angelegt. Unsere Songs erarbeiten wir bei Jamsessions und merken dann immer schon, hier würde besser ein türkischer Songtext passen, dort ein deutscher. Ähnlich dem stilistischen Material mit Sprache zu arbeiten, das hat was.
Du würdest sagen, welche Sprache, darüber entscheidet die Musik?
Absolut, man muss es nur herausarbeiten!
Hängt die Wahl der Sprache vom Thema ab?
Sagen wir so, das Interessante an türkischen Songtexten ist, dass sich fantastisch starke Emotionen transportieren lassen. Bei unseren Recherchen zum Anadolu Rock ist uns das aufgefallen. Es hat sich gut angefühlt, sich dort hineinzubegeben, in dieses Sehnsuchtsvolle, diesen Schmerz. Dafür ist das Türkische wirklich bestens geeignet.
Eure Songs auf Türkisch sind meistens Liebeslieder, kann das sein?
Genau, die Liebe ist sowieso das dominanteste Thema. Wir sind tief eingetaucht in den Anadolu Rock, das färbt ab.
Der Wechsel zwischen den Sprachen ist auch der Versuch, unterschiedliches Publikum anzusprechen?
Es ist mehr der Versuch, unterschiedliches Publikum zusammenzubringen, dass ein Publikum sich zusammenfindet, sowohl deutsche als auch türkische Musik hört, die Komplexität des Verschiedenseins aushält und vielleicht erkennt, wie viel ihnen gemeinsam ist. Wir wollen praktisch ein Klebstoff sein, wollen verbinden, dass die Leute mit einer bereichernden Erfahrung nach Hause gehen und feststellen, okay, hätte ich vorher gar nicht gehört, diese Mischung, ist aber ziemlich cool. Wenn das kommt, empfinde ich das jedes Mal als schönstes Feedback.
Bist du selbst zweisprachig aufgewachsen?
Eher nicht, die Sprache meiner Kindheit war hauptsächlich Türkisch. Ab dem Kindergarten habe ich den Schalter umgelegt und nur noch Deutsch gesprochen. Erst über die Beschäftigung mit dem Anadolu Rock holte ich mir die Sprache zurück. Die Erkenntnis, das gehört zu mir und ich stehe dazu, war eine Befreiung, selbst wenn ich Türkisch mit einem deutschen Akzent spreche. Auch das hat seine Berechtigung. Dieses Empfinden verschiedener Identitäten kennen viele. Man ist weder in der einen noch in der anderen Kultur wirklich zu Hause. Wir wollen zeigen, jeder ist in Ordnung, wie er ist. Entdeckt, was euch mitgegeben wurde, und verwandelt das ins Positive.
Du musstest Türkisch von Grund auf neu lernen?
Die Grammatik auf jeden Fall und auch das lyrische Vokabular. Eine richtig krasse Herausforderung war, sich zu trauen, nicht nur auf Türkisch zu singen, sondern eigene Songtexte in türkischer Sprache zu schreiben. Das war ein Riesenschritt für mich, der mit der Vorabsingle "Kırlangıçlar" seinen Anfang nahm. Das Feedback war überwältigend und vermittelte mir ein Gefühl von Selbstwirksamkeit, im Sinne von ich kann das. Natürlich entwickelte sich ein eigener Ausdruck, weil ich dann doch aus dem deutschen Duktus heraus die Sachen rüberziehe. Aber vielleicht ist es genau das, was spannend ist. Es entsteht eine eigene Form der Lyrik. Ausgeschöpft ist das noch lange nicht, sich darauf einzulassen, was man ist, und nicht versucht, etwas zu kopieren, was unerreichbar bleibt. Der Mehrwert liegt darin, dass ich in Deutschland aufgewachsen bin und durch meine Brille die Kultur der Vorfahren betrachte.
Wie ist dein Vater nach Deutschland gekommen, als Gastarbeiter oder politischer Flüchtling? Immerhin, auf Phasen der Liberalisierung sind in der Türkei immer wieder Rückfälle in die Autokratie gefolgt. Gründe gab es reichlich.
Mein Vater kam als Sohn eines Gastarbeiters, ins Badische. Er war noch ein Kind und sprach kein Wort Deutsch. Bei meiner Familie sind es wirtschaftliche, besser noch medizinische Überlegungen gewesen. Für meine jüngste Tante wurde eine Klinik gesucht, die sich in Heidelberg fand. Geplant war, sie bleiben für eine Weile, und gehen zurück in die Türkei. Aber wie das vielfach gewesen ist, aus einem Jahr wurden Jahrzehnte. Mein Vater hat sich in Deutschland eine Existenz aufgebaut und wurde ein badisch sprechender Türke. Meine jüngste Tante ist in Deutschland geboren, hat Badisch als Deutsch gelernt und ging in ihren Zwanzigern nach Istanbul. Sie spricht Deutsch noch heute mit badischem Akzent, das ist das einzige Deutsch, das sie gelernt hat.
Wie häufig ist die Familie in der Türkei zu Besuch gewesen?
Eigentlich jede Sommerferien, solange ich Kind war. Als ich älter wurde, hörte das auf, weil ich lieber woanders Urlaub machen wollte. Durch die Musik fand ich zu meinen Wurzeln, ich habe sogar einige Wochen in Istanbul gelebt und mir die Stadt zur zweiten Heimat gemacht.
Es leben noch Verwandte in Istanbul?
Ja, eine Tante und eine Cousine.
Angestoßen durch den internationalen Erfolg der Beatles im Windschatten ihres Durchbruchs 1964 in den USA, entstand der Anadolu Rock im asiatischen Teil Istanbuls, im Stadtteil Kadıköy. Bist du dort gewesen?
Na klar, Kadıköy war das intellektuelle, das kulturelle Zentrum Istanbuls. Nach Barış Manço, einem der wichtigsten Protagonisten des Anadolu Rock, wurde sogar ein Park des Stadtteils benannt, sein Geburtshaus ist heute ein Museum. Er war eine überragende Größe, wahrhaft ein Visionär. Er war auch multilingual unterwegs, sprach fließend Türkisch, Französisch, Englisch und Japanisch. Diese Offenheit, diese künstlerische Radikalität unter dem Motto, ich probiere es einfach, schauen wir, was dabei rauskommt, das macht nicht nur seinen Anadolu Rock besonders. Wir tanken dort immer wieder Inspiration!
Sind Familienbesuche in der Türkei mit dem Automobil abgewickelt worden, und wenn, dann mit einem Mercedes, wie auf dem Frontcover von "Sag mir Almanya" abgebildet?
Bei meinem Bruder, der älter ist, war das noch der Fall. Nicht mit einem Mercedes, mein Vater fuhr Audi. Ich durfte dann fliegen. Mit dem Auto sind wir als Band zu unserem ersten Auftritt nach Istanbul gefahren. Wir wussten, das sind zwei ausverkaufte Shows, am Ende kam eine dritte dazu. Also wollten wir unser gesamtes Equipment mitnehmen, damit das auf jeden Fall richtig gut wird. Und dann sind wir hingefahren, auf der Route, auf der die sogenannten "Gurbetçiler", die türkischen Expats, jeden Sommer auf Heimatbesuch unterwegs gewesen sind. Das war eine Erfahrung! Aber praktikabel ist das inzwischen nicht mehr, müsste man das mehrmals im Jahr absolvieren.
Ein Song auf "Sag mir Almanya" heißt "1000 Kilometer" und bezieht sich auf die Heimatreisen türkischer Menschen?
Das bezieht sich auf eine ähnliche Distanz, aber es geht um Frankreich. Dort ist es auch schön.
Die Songtextzeile "Man riecht schon das Meer" bezieht sich dann nicht auf Istanbul?
Man kann das auf Istanbul beziehen. Der Song handelt aber mehr von dem Gefühl, wenn man unendlich weite Distanzen überwindet, die Sonne untergeht und man weiß, man ist bald da und beschließt, die letzten Kilometer auch noch durchzuziehen. Ich beschreibe diese Mischung aus Müdigkeit und Sehnsucht.
Das Titelstück zu "Sag mir Almanya" nimmt sich Deutschland mit seinen Unzulänglichkeiten zur Brust. Sind dort auch Erfahrungen deiner Vorfahren eingeflossen oder ausschließlich deine Sichtweise?
Das ist meine Sichtweise. Ein Song ist immer nur eine Momentaufnahme. Aber etwas, das ich ständig wahrnehme, ist diese latente Unzufriedenheit in Deutschland, der Eindruck, alles wird immer schlimmer, immer schlechter. Ich denke dann jedes Mal, wie soll aus solch negativer Energie Positives erwachsen? Bei mir erzeugt das Wut, ein hey, uns sind unglaubliche Möglichkeiten gegeben. Du kannst dich konstruktiv einbringen in dieses Land, kannst in gewisser Weise etwas verändern. Tu' dein Bestes, anstatt in einer Tour zu meckern. Natürlich stecken wir in einer Krise, aber Krisen gehören zum Leben, und nur, weil einige Jahre alles super lief, heißt das nicht, dass das immer so weitergehen muss. Es braucht ein gewisses Maß an Resilienz. Lasst uns alle mal ein bisschen am Riemen reißen und füreinander da sein.
Das ist die Botschaft des Songs?
Unbedingt! Im Song sicherlich noch eine Spur wütender, aber letztlich geht es um Zusammenhalt, Fortschritt, um Zuversicht.
Bernd Gürtler/TM
Engin
"Sag mir Almanya"
(Not On Label; 13.3.26)
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