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Sarah Lesch: Die überzeugte Wahlleipzigerin mit "Poesie & Widerstand" näher bei sich

Sogar sehr zufrieden sei sie mit "Poesie & Widerstand", gab Sarah Lesch anlässlich einer Interviewverabredung in Dresden zu Protokoll. Keineswegs aus der Luft gegriffen ihre Einschätzung, der Langspieler vom Frühjahr 2026 lässt die überzeugte Wahlleipzigerin näher bei sich sein.

Die Empfindsamkeit, die sich in den halbakustischen Arrangements auf "Poesie & Widerstand" manifestiert und das Kraftvolle in den Songtexten, das bist du. Mehr als bei jedem deiner Vorgängeralben.
Weiß ich gar nicht, meine Kunst, das bin eigentlich immer ich, in dem Moment, wenn die Kunst entsteht. Aber stimmt, in der Empfindsamkeit liegt eine Kraft. 

Deine Songtexte sind von einer Qualität, dass die Bezeichnung als Poesie unbedingt angemessen erscheint. Gleichzeitig schwingt im Gesang die Gewissheit mit von jemandem, der um die Wirkung seiner Worte weiß, dass keine Notwendigkeit besteht, laut zu werden, um Gehör zu finden. 
Und das ist nicht immer einfach, wenn du im Stress bist, selbst nicht in deiner Kraft bist, dann die richtigen Worte zu finden. Gerade in diesen Zeiten, wo wir uns seit Jahren gegenseitig erzählen, wie es richtig geht, wie es auf jeden Fall zu sein hat. Jeder glaubt, die einzige Wahrheit zu kennen, die es sowieso nicht gibt, aber angeblich die einfachste Lösung bietet. Wir müssen uns dringend eingestehen, dass keiner weiß, wie es geht. Ob wir es aber gemeinsam herausfinden wollen? Alles geschieht rasend schnell im Moment, und die Gefahr besteht, dass wir uns voneinander entfernen. Das sollten wir verhindern. 

Eine Besonderheit deiner Songlyrik ist auch, dass du nicht einfach Befindlichkeiten wiedergibst, sondern die Befindlichkeiten mit tiefsinnigen Gedanken verwoben sind, sodass es die komplexe Gegenwartswirklichkeit widerspiegelt.
Jeder Mensch für sich ist ein komplexes Wesen! Als Künstlerin wollte ich mich nie einem bestimmten Genre zuordnen. Ich selbst bezeichne mich als Liedermacherin, aber eigentlich gibt es keine definitive Kategorie. Dasselbe gilt für Geschlechter. Ich finde den Gedanken sehr schön, dass jeder sein individuelles Geschlecht sein kann. Eine männlich gelesene, mit Muskeln bepackte Person darf weinen, wenn ihr Vater gestorben ist. Oder darf sich wünschen, sie hätte ihre Kinder ausgetragen und nicht die Person, mit der sie lebt. 

Dass Beziehungen komplexe Angelegenheiten sind, wird auf "Poesie & Widerstand" am besten durch "Zwei von Liebe" eingefangen. "Manchmal reden zwei von Liebe/Jeder meint ein andres Wort", heißt es im Songtext.
Genau, jeder hat seine Sichtweise, was Beziehungen ausmacht. 

"Dalai Lama" wiederum stellt Beziehungen in einen sogar andeutungsweise historischen Kontext. "Auch wenn die Apokalypse droht/Kannst du mich jetzt küssen" lautet eine Textstelle, eine andere "Ich erinner mich nich aber irgendwie waren wir mitten im Krieg und da war trotzdem Liebe und Musik". 
Es kann tröstlich sein, sich zu vergegenwärtigen, dass selbst in finstersten Zeiten Musik, Poesie und Kunst geschaffen wurden, dass Menschen zueinander fanden. Ich halte es für wichtig, dorthin zu schauen, wo sich das Gute, das Schöne zeigt. Daraus lässt sich schöpfen für die Herausforderungen der Zukunft. 

Was uns möglicherweise bevorsteht, wird in "Plädoyer" angedeutet, wenn von Wölfen und falschen Propheten die Rede ist. An einer Stelle heißt es "Wir bleiben stabil". Wer ist 'Wir'?
Das würde ich auch gern wissen. Viele von uns sind im Internet unterwegs, und das beeinflusst unsere Wahrnehmung. Nicht jeder weiß um die Macht der Algorithmen, dass wir manipuliert werden, dass die Reichweite derer, die antifaschistische oder feministische Arbeit leisten, eingeschränkt wird. Wenn ich zufällig Kollegen treffe, ist manchmal das Erstaunen groß, ach, du machst noch Musik? Jeder kennt diesen Schreckmoment, wenn man denkt, oh Gott, nur noch Faschos und Sexisten im Netz unterwegs. Überall Hass und Hetze, was ist passiert? Aber wenn du dich ins richtige Leben begibst, merkst du, nee, nee, wir sind überall. Es sind viele Menschen, die ihre Menschlichkeit spüren, die das Gefühl haben, etwas geht in grundsätzlich falsche Richtungen. Die sich aber nicht mehr begegnen. Wenn du zum Beispiel älter bist oder Flüchtling, hast du keinen Zugang zu den sogenannten dritten Orten. Dann entsteht für dich ein anderer Eindruck. Das meine ich mit dem diffusen 'Wir' im Song. Aber wir sind da, wir sind bloß nicht laut. Bloß weil wir nicht laut sind, heißt das nicht, dass wir uns nicht zusammenschließen. Ich bin nicht bereit, aus der Liebe zu gehen, Menschen abzulehnen, weil sie nicht meiner Meinung sind. 

Ein lustiger Song von "Poesie & Widerstand" ist "Anna-Lisa". Welches Milieu beschreibst du?
Ich bin vergangenes Jahr in Hamburg gewesen und konnte bei Freunden wohnen. Unter anderem in einem Sozialbau in Eppendorf, einer sehr vornehmen Gegend. "Anna-Lisa" erzählt von einer Dreierkonstellation in Form einer Soap. Die Hauptprotagonistin verlässt ihr perfektes Leben. Einen Textentwurf zeigte ich meinem Sohn, und er meinte, Mama, das sind die Millennials, die du beschreibst, das ist deine Generation! Ich dachte, eigentlich wollen die drei doch Gutes tun, alles richtig machen. Sie fahren Lastenrad, trinken Haferlatte im Recup, kaufen Fair Trade, machen Yoga, aber entkommen trotzdem nicht der Kapitalismusfalle. Der Song handelt auch von Malte, einem performativen Feministen, der Simone de Beauvoirs "Das andere Geschlecht" auf dem Nachttisch liegen hat. FLINTAs kennen das, beim Dating schaut man erst mal, wo der Knick im Buch ist, und wenn auf Seite zehn, nichts wie weg, geh' nach Hause, lies' ein gutes Buch, mach' Kreuzworträtsel, aber lass' es bleiben heute Nacht, das wird nix. Es ist zum Schießen, wenn ich den Song im Konzert spiele. Manche im Publikum brechen zusammen vor Lachen, andere fühlen sich angegriffen. Die dritte Person im Song ist Zechi, Anna-Lisa trifft sich mit ihr im Stadion von St. Pauli auf ein Stehkurvendate. Zechi ist ihre große Liebe von früher, die weiß, was Anna-Lisa gerne mag, einfach eine Wurst mit Senf. Bei Zechi denkt man zuerst an einen Mann, und es wäre natürlich schön, wenn das so ein bulliger Typ wäre. Aber wir dachten, es könnte auch eine Frau oder weiblich gelesene Person sein. Wir überlegten sogar, was wäre, wenn Zechi gar kein Pronomen hätte. Ohne Pronomen funktioniert das Gehirn aber nicht, man hat plötzlich kein Bild mehr von einer Person vor Augen. Total spannend, zu erkennen, wie wir noch in diesem Sprachkorsett festsitzen, dass Sprache unsere Wahrnehmung prägt. Letztlich entschieden wir uns, dass Zechi kein Typ ist, sondern eine Person mit weiblichen Pronomen. So ist das, wenn man mit einem Song auf die Reise geht. Ich bin gelernte Erzieherin und habe das mit den Kindern im Kindergarten auch immer gemacht, sie auf eine Reise mitgenommen. Komm' ich zeig' dir eine Geschichte. Ach, das hättest du wohl nicht gedacht? Plötzlich passiert etwas und wow, wie schön ist das denn. 

Ist "Das andere Geschlecht" ein feministischer Leitfaden für dich? Hast du das Buch über Seite zehn hinaus gelesen?
Nein, ich habe viele Bücher nicht gelesen, andere angefangen und nicht zu Ende gelesen oder erst hinterher gemerkt, dass ich das schon gelesen hatte. Aber ich lebe tagtäglich mit dem Thema und verfüge über umfangreicheres Wissen als Leute, die superprivilegiert sind. Natürlich bin auch ich privilegiert, auf anderen Ebenen als Leute, die nicht hetero, nicht cis sind. Mein Song spielt darauf an, dass ich mir wünschen würde, dass Männer mehr Bücher lesen. Frauen sind immer gezwungen zu educaten, gerade auch wieder in der aktuellen Debatte um Ulmen und seine Vorgänger, unsere Helden, die jetzt nach und nach sterben, weil wir merken, aha, wir haben doch ein Problem. Ein schwieriges Erbe mit diesen zwei Geschlechtern, die ganz unterschiedlich in ihren Machtverhältnissen aufwachsen. Es wäre schön, als FLINTA, als Frau, nicht ständig dieses Awakening bei Männern betreiben zu müssen. 

Gegen Ende von "Anna-Lisa" wird es explizit. 
Was meinst du? 

Eine Zeile lautet "Nachm Spiel macht ihr es euch schön/Mit Ficken und Netflix".
Naja, Fußball, Netflix und Ficken sind männlich konnotiert. Ich finde es wichtig, ins Bewusstsein zu rufen, dass das genauso gut weiblich gelesene Personen miteinander tun können. Ähnlich wie in "Testament", wo ich sage "jeder, der sich nicht anpasst, und jede, die zu lebhaft ist". In unseren Köpfen sind es Jungs, die ADHS haben. Stimmt aber gar nicht. Ich finde es wichtig, auch politisch, Geschichten zu erzählen, die Normbilder aufbrechen. Das tut sowohl den Menschen gut, die sich nie richtig passend fühlen, als auch denen, die Angst haben, wenn Normen aufgebrochen werden. Es tut uns allen gut, und dann kann man das ruhig so deutlich beim Namen nennen. 
Bernd Gürtler/TM


Sarah Lesch: "Poesie & Widerstand" (Listen Collective; 17.4.26) 


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Foto: Sandra Ludewig
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