Das Album geht gut los mit "Ärger in der Stadt". Dein Publikum wird sich fragen, ob dir selbst zugestoßen ist, wovon der Song erzählt.
Das ist autobiographisch, Berlin nervt seit einigen Jahren, ich werde wohl wieder mehr Zeit in der Provinz verbringen. Als Vorlage diente JJ Cales "Trouble In The City", ich schrieb meinen Songtext auf seine Melodie. Jedes Detail stimmt. Die Straßen der Hauptstadt sind überfüllt, die Bude zu laut und die Bullen rücken an. Schwarzgefahren, weggelaufen und sich schnappen lassen, das ist mir alles passiert.
Der gleichnamige Song direkt im Anschluss huldigt dem Melodiengeber zu "Ärger in der Großstadt".
Auf JJ Cale bin ich mit vierzehn, fünfzehn gestoßen, er tat mir gut in einer Zeit, als ich auf Punkrock stand. Er brachte mich auf eine ganz andere Wellenlänge, ich wollte ihm eine Hommage widmen. Er ist einer der Künstler, bei denen ich echt traurig war, als er gestorben ist. Ich bin in Polen auf Tour gewesen, als die Nachricht im Radio kam. Ich musste wirklich vor die Tür und erst mal eine rauchen.
Als nächstes wird es tiefsinnig bei "Wer wirst du gewesen sein", wo sich der Songprotagonist fragt, wie sein gelebtes Leben dereinst bewertet werden wird. In welchen Momenten kommen dir solche Ideen?
Das weiß ich noch genau. Ich war auf dem Weg von Berlin in die Lausitz, bin zu spät los, verpasste den Bus und auf dem Heimweg fiel mir der Song ein. Die Melodie war zuerst da, zusammen mit dem Songtitel. Kann sein, dass mir das irgendwo anders schon begegnet ist. Ich war dann froh, den Bus verpasst zu haben, ich konnte mich zwei Tage ins Schreiben vertiefen und ein Demo aufnehmen. Es passiert nicht sehr oft, dass mir die Ideen vom Himmel fallen.
Wie schon bei früheren Tonträgerveröffentlichungen der Fall, enthält auch "Po Puću/Unterwegs" Songs in sorbischer Sprache. Worum geht es?
"Tuta Lubosć" bedeutet so viel wie 'Diese Liebe'. Die Geschichte dahinter ist, dass ich einen Bibelfilm anschaute, "Paulus". Eine Szene, die dort vorkommt, beschreibt, was Liebe ist. "Diese Liebe, sie war, sie ist und wird immer sein, das Licht im Dunkeln, auch wenn es weh tut und sie tut weh, grenzenlos", heißt es bei mir im Song. Der Refrain besagt, dass wahre Liebe eine ist, die festhält, aber auch loslässt, eine, die gibt, die uneigennützig ist, die sich am Guten erfreut. "Źarz me kśuśe" bedeutet 'Halt mich fest, damit ich nicht den Boden unter den Füßen verliere, denn der Teufel tanzt seine Tänze, und schaut mir dabei direkt ins Gesicht und lacht'. "Moja Wutroba" heißt in der Übersetzung 'Mein Herz'; das sind nur zwei kurze Strophen und lauten "Meine Liebe, meine Liebe, mein Herz schmerzt. Meine Liebe, mein Herz schmerzt wegen dir nie mehr." Der vierte sorbische Song ist "Pytaś a Namakaś", zu Deutsch 'Suchen und Finden". Die Idee kam mir beim Anschauen eines Films, der von Freunden gedreht worden war und "Pytaś a Namakaś" heißt. Eine Coming-Of-Age-Geschichte, und im Soundtrack enthalten der Titelsong zu meinem Vorgängeralbum "Witaj". Nachdem ich vergangenes Jahr einen Sorbischkurs belegt hatte, fällt es mir leichter, Songtexte in sorbischer Sprache zu schreiben.
Was bedeuten dir deine sorbischen Wurzeln?
Schwierige Frage. Ich sage jedenfalls, dass ich Sorbe bin, aus verschiedenen Gründen. Einer ist, wir Sorben sind eine unbekannte Minderheit, ich möchte uns eine Stimme geben, ich bin häufiger über die Lausitz hinaus unterwegs. Es ist auch eine Suche nach Identität. Meine Familie ist sorbisch, die Sprache wird bei uns zu Hause gesprochen. Es ist auch eine Art von Widerstand, um den Großen zu zeigen, uns kleine gibt es auch noch. Und es existiert kaum zeitgenössisches Liedgut. Sicher, es gibt den Poprock. Ich aber habe Punkrock, Straßenmusik und Heavy Metal gemacht, verehre Bob Dylan, Neil Young oder eben JJ Cale, mir liegt mehr das Rockige, das Handgemachte. Dort sehe ich mich. Vom Publikum bekomme ich häufig zu hören, dass das Sorbische viel besser gefällt, obwohl die Songtexte schwerer zu verstehen sind. Mir wurde gesagt, ich sollte beim Singen deutschsprachiger Songs auf Sorbisch denken, weil dann mehr Leidenschaft mitschwingt. Das versuche ich gerade.
Sorbische Kultur ist bei dir zu Hause durchgehend präsent gewesen?
Genau. Das heißt, Anfang der neunziger Jahre, als ich aufgewachsen bin, wurde wohl nicht so sehr darauf geachtet. Damals sprachen nur noch zwanzig Prozent der Menschen in Nebelschütz Sorbisch, damals war Deutsch die Alltagssprache. Jetzt ändert sich das gerade, im Ort wird auch untereinander öfters wieder Sorbisch gesprochen. Es wird mehr Mühe darauf verwendet, den Kindern Sorbisch beizubringen, weil die Einsicht gewachsen ist, dass in der Vergangenheit wohl einiges versäumt wurde. Oder weil es Gerede gibt, wenn der Sohn Sorbisch mit deutschem Akzent spricht. Das bekam ich zu hören. Ich hatte immer Schiss, Sorbisch zu sprechen, weil die Leute meinten, ich könnte das nicht. Inzwischen kann ich mich gut unterhalten und muss nicht ständig ins Deutsche wechseln, weil mir die sorbischen Worte nicht einfallen.
Schlägt dir manchmal Ablehnung entgegen, wenn du außerhalb der Lausitz Sorbisch springst?
Das passiert, in Bautzen bekommst du schon den einen oder anderen schiefen Blick. Oder dir wird gesagt, hier wird Deutsch gesprochen. Früher bei sorbischen Discothekenveranstaltungen, kamen die Nazis vorbei und wollten Sorben klatschen. Mich hat es auch mal erwischt. Aber heute sind die meisten neugierig und finden, dass es nicht sein kann, dass sie noch nie von den Sorben gehört hätten. Mir geht es nicht so, aber manche Sorben fühlen sich unter Deutschen wie Außerirdische.
Dieses sich wie außerirdisch fühlen, wird auf "Po Puću/Unterwegs" beschrieben von "Werden wir jemals"?
Nein, dort geht es um die Spaltung der Gesellschaft generell, dass die Leute sich nicht mehr zuhören, ständig meckern, auf die Schwächeren einprügeln. Das ist ein Herzschmerz, wenn ich nachts im Bett liege und mich frage, was eigentlich los ist. Warum geht es nicht anders, es könnte so einfach sein. Ich denke nicht darüber nach, ob ich speziell sorbische Themen aufgreife, das kommt vielleicht später noch. Der erste Schritt war, Gedanken, die ich auf Deutsch denke, ins Sorbische zu übersetzen. Der nächste Schritt wird sein, sorbisch zu denken.
"Die Welt ist grausam" will darauf hinaus, dass gelebtes Leben eine komplexe Angelegenheit ist. Ein Denkansatz, der in der sorbischen Kultur angelegt ist?
Bei mir kommt das eher aus der Musik, die ich höre. Neulich wieder Bob Dylans "Slow Train Coming" auf dem Plattenteller gehabt, das Album ist der Wahnsinn, es zeigt ebenfalls die eine und die andere Seite. Ich habe das für mich so verstanden, dass das eine nicht ohne das andere geht, es besteht immer eine Wechselwirkung. Gleichzeitig weiß ich, was ich möchte. Ich möchte Gutes tun, ich habe keinen Bock, rumzumeckern. Das ist mir zu platt. Ich will Songs singen, die mich bestärken, die hoffentlich andere bestärken. Ich will aber auch nichts beschönigen, zu naiv sehen. Ich bin gern naiv und gutgläubig, aber man sieht an jeder Straßenecke, dass es vielen Leuten nicht so gut geht.
Wie weit reicht deine Familiengeschichte zurück?
Meine Mutter hatte einen Stammbaum angefertigt, als sie mit meiner Schwester schwanger war, das reichte zurück bis zum Dreißigjährigen Krieg. Aus der Zeit davor existieren keine Dokumente mehr, weil die Kirchenarchive abgebrannt sind.
Wirklich beeindruckend!
Gedanken und Erfahrungen können vererbt werden, heißt es, das ist einfach in uns drin. Wenn man weiß, die Familie ist seit hunderten von Jahren dort ansässig, und die alten Geschichten werden auch immer noch erzählt, das ist schon etwas Besonderes. Das kenne ich von Menschen außerhalb der Lausitz nicht so.
Dein Witaj Festiwal findet dieses Jahr zum dritten Mal statt, wer wird auftreten?
Am Freitag spielt Oskar Mir, ein polnischer Singer/Songwriter, der Soul, Rock und Loops verbindet. Danach stehen Walburga Walde und Izabela Kałduńska auf dem Programm, bekannt für ihren Soundtrack zu Grit Lemkes Film "Bei uns heißt sie Hanka". Am Samstag haben wir das Folkpunkduo Berlinska Dróha sowie Janka Hanka, die wohl beliebtestes Poprockband der sorbischen Oberlausitz, und ich, Jacke Schwarz, werde mit meinem neuen Trio Die Nieten auftreten. Neben den Konzerten gibt es Filme und Workshops. Das Programm ist bunt und vielfältig, der Veranstaltungsort hat etwas Magisches.
Bernd Gürtler/TM
Jacke Schwarz: "Po Puću/Unterwegs" (Tomatenplatten; 3/2026)
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