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Interview mit Sängerbarde Jacke Schwarz: Zwei Welten, in beiden gut zu Hause

Ein tief verwurzeltes Traditionsbewusstsein bei gleichzeitiger Weltzugewandtheit, Jacke Schwarz verkörpert eine Herkunftsortschaft Nebenschütz in der sorbischen Oberlausitz als Person. Der wahlberliner Sängerbarde fühlt sich in beiden Welten gut zu Hause, ergab eine Interviewverabredung Mitte Dezember 2024 in Dresden.

Du bist nicht erst seit gestern Musiker, richtig?
Musik mache ich eigentlich schon immer. Klavier lernte ich als kleiner Junge auf der Musikschule, griff später zur Gitarre, war Straßenmusiker; meistens im Sommer bin ich mit einem Schulfreund unterwegs gewesen oder bei Straßenmusikfestivals aufgetreten. Danach entstand wieder eine umfangreichere Bandbesetzung, die in Richtung Ska und Reggae ging. Nach meinem Umzug nach Berlin gründeten wir die ziemlich geniale Punkband Corna Kruswa und spielten wiederum im Anschluss daran Heavy Metal bei Universum, das einzige Album der Band "Heavy Metal Gefahr" lohnt sich. Parallel lief jeweils mein Akustikduo mit Willy Stoyan. Mit dem Älterwerden fühlte ich mich mehr und mehr zu JJ Cale, Neil Young und Bob Dylan hingezogen. Wie sie wollte ich sein, sie hatten immer etwas zu sagen.

Dass deine Songs etwas mitteilen wollen, erschließt sich sofort, du erzählst in einfachen Worten bemerkenswerter poetischer Qualität von den Dingen des Lebens.
Songtexte in deutscher Sprache sind mir anfangs ziemlich schwergefallen. Songtexte, die man singen, die man mit einer Haltung präsentieren kann, das brauchte eine Weile, bis ich so weit war. Aber ich hatte Hilfe. Sandra Rosenkranz aus Dresden gab mir Textpassagen oder Gedichte, die ich verwenden durfte. Über die Jahre fiel es mir zunehmend leichter, inzwischen gelingen mir Songtexte besser. Rio Reiser von Ton Steine Scherben war auch eine Inspiration. Aktuell beschäftige ich mich mit Gerhard Gundermann, der bislang völlig an mir vorbeigegangen war.

"Winde" und "Ich will hier raus" sind zwei Songs deines Debütalbums "Witaj", die hängenbleiben. Was war die Inspiration?
Bei "Winde" war ich ganz frisch verliebt. Eine rosa Wolke im Kopf, lief ich leicht durch die Straßen. Nachdem ich den Song eine Weile nicht gehört und gespielt hatte, fand ich, eigentlich richtig gut gelungen. Die Beziehung ist inzwischen nicht mehr aktuell, aber wir sind nach wie vor Freunde. "Ich will hier raus", das ist einer der Texte von Sandra Rosenkranz, entstanden aus einem betrunkenen Gespräch mit jemandem, der nicht wusste, wohin mit sich. Sandra und ihr Gegenüber verstanden sich an dem Abend gut, und er schüttete ihr sein Herz aus. Sie schrieb den Songtext im Anschluss an das Gespräch.

Ein dritter Song, der aufhorchen lässt, ist "Angst vor Fremden".
Das ist ein Gemeinschaftswerk von Sandra und mir, der Anfang kam von ihr. Es brauchte ein bisschen, bis der Song rund war.

Es geht um das, was die Songüberschrift vorwegnimmt, oder?
Fremdenfeindlichkeit, richtig.

Ein Alltagsphänomen, das dir unter welchen Umständen zuletzt begegnet ist?
Es begegnet mir andauernd, in den Gesichtern, den Aussagen von Leuten auf der Straße, oder im weiteren Kreis der Familie. Es finden sich immer welche, die Schwächeren noch eins draufgeben müssen. Als Teenager bin ich ein paar Mal verprügelt worden, weil ich Sorbe bin. Neulich beim Liedermacherfest 'Heuschrecke" in Hoyerswerda sang ich zwei Songs auf Sorbisch. Auch dort gab es Leute, sogar in der Jury, wurde mir zugetragen, die damit nicht umgehen konnten, dass ich in sorbischer Sprache sang, weil sie nicht verstehen konnten, was ich sang. Es gab ein bisschen Aufregung. Ich sehe es als meine Aufgabe, das Sorbische näherzubringen. Ich will zeigen, uns gibt es auch. Unsere Sprache, unsere Zunge soll gehört werden. Vor Jahrhunderten war die Gegend, aus der ich komme, sorbisch. Der Städtename Dresden kommt aus dem Sorbischen. Dresden, was bedeutet das? Was sagt man in Dresden über die Herkunft des Städtenamens?

Höchstens wer sich intensiv mit Stadtgeschichte beschäftigt, kennt den Ursprung.
Überall in der Lausitz, wo die Tagebaue sind, wurden die Ortsnamen hart eingedeutscht und vollkommen ihrer Identität beraubt. Du musst einen Ortsnamen ins Sorbische übersetzen, erst dann ergibt es einen Sinn. Und Dresden, kommt vom altsorbischen Drez'any, was so viel bedeutet wie Sumpfbewohner oder Auwaldbewohner. Es ist immer krass, wenn ich auf Sorbisch singe, kommen die Leute und wollen wissen, was das für eine Sprache ist. Dann erkläre ich, dass es sich um eine in Deutschland beheimatete Sprache handelt, und in der Gegend, aus der ich komme, schon sehr viel länger existiert als Deutsch. Die Reaktion ist oft, als wüsste kaum jemand, dass es uns Sorben gibt. Es ist noch einiges an Aufklärungsarbeit zu leisten.

Du selbst bist zweisprachig aufgewachsen?
Zuhause beziehungsweise zwischen meinen Eltern und Geschwistern wurde immer Sorbisch gesprochen. Ich sprach dagegen meistens Deutsch, so gewöhnten sich meine Familie und Freunde an, mit mir Deutsch zu sprechen. Ich lag immer schon ein bisschen quer, bin in die deutsche Klasse gegangen, später aufs deutsche Gymnasium in Kamenz, anschließend in Hoyerswerda. Und dann war die Sprache weg. Ich spreche kein sehr gutes Sorbisch, ich kann mich verständigen, muss aber noch hart arbeiten, um mehr in die Tiefe gehen zu können, nicht immer ins Deutsche wechseln zu müssen, wenn mir bestimmte Worte nicht einfallen wollen.

Dein Geburtsort Nebelschütz verweist stolz auf seine uralte Tradition und gibt sich gleichermaßen zukunftsorientiert. Wie kommt das?
Mein Vater war Bürgermeister nach der Wende, zweiunddreißig Jahre lang. Er hat dem Ort seinen Stempel aufgedrückt, für Wohnqualität, Nachhaltigkeit und Ökologie gesorgt. Nebelschütz gewann mehrere Preise, den europäischen Dorferneuerungspreis, einen sächsischen Preis. Es ist ein Ort, wo die Geburtenrate höher liegt als im Durchschnitt. Die Leute ziehen gern nach Nebelschütz. Mein Vater versuchte, die Dinge anders anzugehen als mit den konventionellen Methoden. Er ist ein Kämpfer, war viel auf den Beinen, hat viel geleistet und macht immer noch weiter. Es lohnt, im Ort vorbeizuschauen, es ist schön dort.

Was macht das mit den Menschen, wenn ein Ort zwischen Traditionsbewusstsein und Zukunftszugewandtheit steht?Bestimmte Kräfte im Ort wollen nicht mitgehen, aber das erlebt man in diesen politisch aufgewühlten Zeiten fast überall. Es gibt Kräfte, die kaputtmachen wollen, was gerade aufgebaut wurde. Es ist nur ein kleiner Kreis, der dem Fortschritt zugetan ist, und der hat es schwer, Brücken zu bauen, Ängste abzubauen. Auch die Kirche ist noch sehr stark vor Ort, Pfarrer haben immer noch einiges zu sagen. Trotzdem treffen sich Kirchenmitglieder mit denjenigen, die nicht zur Kirche gehen, bei offiziellen Anlässen wie dem Weihnachtsmarkt. Manche tun sich schwer mit dem Fortschritt, andererseits muss die alte Welt entstaubt werden. Bei den Sorben konzentriert sich zu vieles auf das Gestern, wie ein Morgen, die Zukunft aussehen könnte, die Frage stellen sich die Wenigsten. Osterreiten, Ostereieranmalen, Trachtengewänder, durch die Medien wird auch bloß das kolportiert. Das hat mit der tatsächlichen Kultur wenig zu tun, die wird nicht gezeigt, existiert aber. Es sind jede Menge Leute, die einen coolen Scheiß machen. Leider existiert das für die Medien nicht, aber auch nicht in der übrigen Welt. Der Fokus liegt auf Bautzen, was drumherum passiert, ist den Verantwortlichen egal.

Zwei Sprachen, zwei grundverschiedene Welten, würdest du zustimmen?
Nein, überhaupt nicht, ich fühle mich in beiden Welten zu Hause. Aber auf viele trifft das zu, auf Sorben, die im deutschen Raum Deutsch unterhalten, zum Beispiel. Letztens traf ich meine Cousine im Supermarkt, wir unterhielten uns die gesamte Zeit auf Sorbisch. Ein andermal, als wir uns im Zug von Kamenz nach Dresden begegnet sind, redeten wir komplett Deutsch. Ich selbst bin eins mit mir, ich verhalte mich anderswo nicht anders. Ich denke Deutsch, aber im Herzen bin ich Sorbe. Das will ich verbinden und sorbisch denken lernen, das Sorbische hat eine eigene Bildsprache, das macht etwas mit einem. Ich bin in nichtsorbischsprachigen Gebieten der Sorbe, bin das aber auch gern. Ich sehe es als meine Aufgabe, Werbung für die sorbische Sache zu machen.

Jacke Schwarz, das ist nicht dein bürgerlicher Name, oder?
Ich heiße Jakob Zschornak, und Zschornak ist im Sorbischen Der Schwarze, Jacke mein Spitzname, so lange ich denken kann. Mein Vater meinte immer, wenn ich auf der Suche nach einem Künstlernamen oder Bandnamen war, dass ich doch einen hätte, nenn' dich einfach, wie du bist! Ich überlegte eine Weile und dachte, Jacke Schwarz, warum nicht. Für die Internetsuche ist der Name natürlich komplett ungeeignet. Wer Jacke Schwarz in die Suchmaschinen eingibt, bekommt massenhaft Jacken in schwarzer Farbe angezeigt. Man muss schon wirklich suchen. Aber ich denke, auch das passt, ich will mich niemandem aufdrängen.
Bernd Gürtler/TM


Jacke Schwarz
"Witaj"
(Tomatenplatten; 3.2.23)


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Foto: Robert Eckstein
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