Korrekterweise müsste es heißen, Fat Freddy's Drop spielen Dub Reggae, nicht einfach Reggae, also jene von Lee Perry & Co. entwickelte Stilvariation, bei der vorhandene Studioaufnahmen einem Instrumentalremix unterzogen und nachträglich mit Echohalleffekten, Überbetonungen des Rhythmuselements und gerappten Vokalpassagen versehen werden. Wie es dazu kam, erklärt sich aus der Bandgeschichte, verrät Scott Towers alias Chopper Reeds per Bildschirmschalte. Der kürzlich verstorbene Bandgründer Chris Faiumu alias Mu war DJ und wollte Fat Freddy's Drop ursprünglich gar nicht als Band verstanden wissen, sondern als Sound System, als mobile Diskothek nach jamaikanischem Vorbild. DJ Fitchie, wie sich Chris Faiumu als Turntableritter nannte, hatte "ein Ohr für außergewöhnliche Dubscheiben und bestritt seine Auftritte mit Rhythmustracks von Schallplatte. Gitarre und Bass wurden live hinzugefügt. Später ging das Songwriting mehr in eine konventionelle Richtung, seither sind die Rhythmustracks Eigenkreationen von Bass und Schlagzeug."
Wie Reggae überhaupt in Neuseeland Fuß fassen konnte? Ein Schlüsselmoment des einheimischen Populärmusikgeschehens sei gewesen, erinnert Scott Towers, als "Bob Marley 1979 das erste Mal auf Tour kam und bei mehreren bedeutenden Festivals aufgetreten ist. Untergebracht war er an der Westküste von Auckland, wo er Besucher empfing und zum Jammen einlud. Unter denen, die zu seinen Konzerten oder seiner Hotelresidenz pilgern, sind vielfach Nachfahren entweder neuseeländischer Ureinwohner oder Migranten aus dem pazifischen Raum, die den namhaftesten Botschafter des jamaikanischen Reggae wegen seines ausgeprägten Gesellschaftsbewusstseins, seiner Protestsongs verehren."
Ein Urenkel der Maori war der Gründer von Fat Freddy's Drop nicht, aber Sohn von Einwanderern von der Pazifikinselgruppe Samoa und damit prädestiniert, an die Geschichte anzuknüpfen. Später wird er die Modernisierung des Reggae durch artfremde Anleihen bei Techno, HipHop und Electronica vorantreiben. Stabil eklektisch, die Nachrufe Chris Faiumu konnten seinen Beitrag zum Reggae und Neuseelands Populärmusikbilanz generell gar nicht hoch genug bewerten. Dass Fat Freddy's Drop irgendwann Songs konventioneller Machart schreiben und sogar Albumeinspielungen vorlegen würden, war wegen der Ursprungsorientierung auf ein Sound System nicht vorgesehen. Das einzige Schallplattenformat, das sinnvoll erschien, sind 12"-Singles, als Werbeträger, um im Gespräch zu bleiben und Auftrittsmöglichkeiten zu generieren.
Erst fünf Jahre nach Gründung entsteht mit "Based On A True Story" der Debütlangspieler. Basierend auf welcher wahren Geschichte? "Sämtliche Songs des Albums wurden lange in verschiedensten Variationen live gespielt. Als sich die Gelegenheit zu einem Album bot, nahmen wir die Livemitschnitte, erarbeiteten neue Arrangements, fügten neue Instrumentalspuren hinzu und entfernten hinterher die Liveeinspielungen. Zurück blieb Musik, die auf einer wahren Geschichte, einer wahren Einspielung beruht. Deshalb 'Based On A True Story'." Der Videoclip zur Singleauskopplung "Wandering Eye" entstand im von der Band favorisierten Fish & Chips-Imbiss in Wellington? "Richtig! Fish & Chips sind ein signifikanter Bestandteil neuseeländischer Esskultur. Als Inselstaat sind wir umgeben von unglaublichen Meereswassermassen mit unglaublichen Mengen diverser Fischarten. Nahezu jeder hat Zugang zu idyllischen Stränden. Eine Portion Fish & Chips, bevor man sich am Strand niederlässt, das gehört zur DNA der Neuseeländer."
Wovon handeln die Songs sonst noch? Gesellschaftskritischer Protest nach dem Vorbild Bob Marleys sei kein Schwerpunkt, erläutert Scott Towers, die Songtexte sind eher wegen anderer Qualitäten bemerkenswert. Dallas Tamaira alias Joe Dukie, der Sänger von Fat Freddy's Drop und Songtextschreiber, formuliert "Reflexionen seiner Welt, die ebenso unsere Welt ist. Seine Beobachtungen sind universell. Der Songtext zu 'This Room' von 'Based On A True Story' zum Beispiel. Dallas schaut aus dem Fenster, sieht eine Frau am Straßenrand. Ist sie eine Prostituierte? Oder jemand, der sich mitten in der Nacht einsam fühlt? Das bleibt offen, aber es ist eine wunderbar erzählte Geschichte, die Mitgefühl für die Frau weckt. Der Hörer fragt sich, ist sie in Ordnung, geht es ihr gut? Jedem bleibt selbst überlassen, sich seinen Reim zu machen." Einen Posaunisten und Wiedergänger von Rico Rodriguez können Fat Freddy's Dop ebenfalls vorweisen. Joe Lindsay alias Hopepa sein Name, unschwer zu erkennen an den schrillen Bühnenoutfits. Die wesentlichen Nachfolgealben zum Debüt "Based On A True Story" sind "Dr Boondigga And The Big BW", "Blackbird" und zuletzt "Slo Mo".
Bernd Gürtler/TM
Fat Freddy's Drop: "Based On A True Story" (The Drop; 7/2005)
Fat Freddys Drop: "Dr Boondigga And The Big BW" (The Drop; 2009)
Fat Freddy's Drop: "Blackbird" (The Drop; 2013)
Fat Freddy's Drop: "Wairunga" (The Drop; 2021)
Fat Freddy's Drop: "Slo Mo" (The Drop; 2024)
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