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Gekommen, um Spuren zu hinterlassen: Die Compilation "Songs Of Gastarbeiter Volume One & Two"

Die alte Bundesrepublik nannte sie Gastarbeiter. Ein Euphemismus, geprägt, um die westdeutsche Mehrheitsgesellschaft in der Zuversicht zu wiegen, dass die Arbeitsmigranten in ihre Herkunftsländer zurückkehren, sobald die Drecksarbeit erledigt ist, wegen der sie angeheuert worden waren. Viele entschieden sich zu bleiben, ohne dass ihnen echte Integration vergönnt gewesen wäre. Parallelwelten entstanden, die kulturelle Selbstversorgung betrieben. Wenig davon drang nach außen. Soweit es populärmusikalische Errungenschaften betrifft, gibt es zum Glück aber die beiden Compilationalben "Songs Of Gastarbeiter" (Trikont).

Foto: Eugen Haller
Foto: Eugen Haller

Ihren Anfang nahm die Geschichte mit Yılmaz Asöcal, der 1955 ein Germanistikstudium in Köln antrat und nebenher als Dolmetscher einsprang, nachdem ab 1961 türkische Arbeitsmigranten nach Westdeutschland kamen. Schnell merkt er, woran es seinen Landsleuten fehlt und stellt das Handelsunternehmen Türkisch-Deutsch-Export für Waren des täglichen Bedarfs auf die Beine.

Das bald wieder dichtmachen muss, wegen Unstimmigkeiten zwischen ihm und seinem deutschen Geschäftspartner. Nach geltendem Recht war türkischen Staatsbürgern die Firmengründung damals nur mit einem deutschen Geschäftspartner erlaubt. Dank der Fürsprache des SPD-Politikers Hans-Jürgen Wischnewski wird das Unmögliche doch möglich.

Weil die türkische Community schon länger Bedarf an vertrauter Populärmusik angemeldet hatte, gründet Yılmaz Asöcal jetzt gleich auch das Schallplattenlabel Türküola, das im Handumdrehen zu einer der umsatzstärksten unabhängigen Tonträgerfirmen Westdeutschlands heranwächst. Türküola hat zwei der prominentesten türkischen Künstler unter Vertrag, Metin Türköz und die zur Nachtigall von Köln gekürte Yüksel Özkasap, später Ehefrau des Türküola-Gründers. Beide sind auf "Songs Of Gastarbeiter" berücksichtigt, neben Cem Karaca, einer anatolischen Rockberühmtheit.

Gehörten sowohl Metin Türköz als auch Yüksel Özkasap noch zur ersten Migrantengeneration und erzählen in Songs wie "Guten Morgen Mayistero", "Gurbet" oder "Almanya'ya Mecbur Ettin" vom schwierigen Zurechtkommen im westdeutschen Alltag beziehungsweise dem Heimweh nach dem alten Zuhause, verließ Cem Karaca die Türkei nach dem Militärputsch von 1980 aus politischen Gründen und blieb ein politischer Rockpoet, siehe sein "Es kamen Menschen", das an ein dem Schweizer Schriftsteller Max Frisch zugeschriebenes Zitat anknüpft und ursprünglich auf dem jedoch bei Pläne veröffentlichten Album "Die Kanaken" erschien.

Den türkischen Migranten vorausgegangen waren unter anderem Spanier und Griechen. Protagonisten dieser Bevölkerungsgruppen wurden speziell für "Songs Of Gastarbeiter Volume Two" ausgewählt, darunter die Prosechós, deren "Otomapia" 1984 im Auftrag des DGB als melancholische Hymne zum 1. Mai entstanden war und jetzt in einer Neueinspielung mit dem Mannheimer Musiker, Produzenten und DJ Shantel vorliegt.

"Volume Two" riskiert auch einen Abstecher in die ehemalige DDR, wo die Gastarbeiter als Vertragsarbeiter bezeichnet wurden. Allerdings mussten die Herausgeber der Compilation, Imran Ayata und Bülent Kullukcu, feststellen, dass sich kaum Belege für migrantische Musikkultur im ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaat auftreiben ließen. Mit Ausnahme von Bayon, der Band von Christoph Theusner und Sonny Thet, der kein Vertragsarbeiter war und auch nicht dem Heer der Vertragsarbeiter aus Nordvietnam angehörte. Er kam aus Kambodscha und sollte in der DDR im Auftrag von Prinz Sihanouk klassische Musik studieren.

Rassismus gab es in West wie Ost, mit einem gravierenden Unterschied, den die türkische Discofolkformation Derdiyoklar in ihrem "Liebe Gabi" anklingen lässt, wo es heißt "Helmut Kohl und auch Strauß, liebe Gabi, wollen Ausländer raus". Dass hochrangige Funktionäre der SED oder sogenannter Blockparteien Fremdenfeindlichkeit auf ihre politische Agenda gesetzt hätten, wäre undenkbar gewesen, internationale Völkerfreundschaft gehörte zum erklärten Staatsziel der DDR. Was nicht verhindern konnte, dass sich hinter der wohlfeilen Fassade entsetzliches zusammenbraute, das sich nach dem Wendeherbst von 1989 in Hoyerswerda, Rostock und anderswo Bahn brach, eingebettet in eine populistische, von CDU/CSU und einschlägigen Medien befeuerte Asyldebatte, durch die sich auch die Brandstifter von Mölln legitimiert fühlten.

Schlimme Zeiten damals und leider nix dazugelernt, wenn man sich umschaut. Die dreiunddreißig Stücke auf "Songs Of Gastarbeiter Volume One & Two" jedenfalls berichten von Menschen, die Spuren hinterlassen haben, obwohl vom Mainstream weitgehend ignoriert. Ozan Ata Canani kam 1975 als Zwölfjähriger mit seinen Eltern nach Nordrhein-Westfalen. Bereits als junger Erwachsener verfasst der versierte Baǧlama-Spieler einen Liederzyklus in deutscher Sprache, der sich kritisch mit dem Thema Integration auseinandersetzt. Erscheinen sollte die Songkollektion allerdings erst 2021 unter dem Titel "Warte Mein Land, Warte" bei Staatsakt/Fun In The Church in Berlin. "Songs Of Gastarbeiter" enthält sein "Deutsche Freunde" in mehreren Versionen.
Bernd Gürtler

Video/Audio
Derdiyoklar - Liebe Gabi
 

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