|   Rezension

Kim Gordon

Play Me

(Matador)

Wer bringt das aktuelle Zeitgeschehen treffender auf den Punkt als irgendjemand sonst? Eine Zweiundsiebzigjährige und Mutter einer erwachsenen Tochter! Kim Gordon, ehemals Bassistin, Sängerin und Songschreiberin bei Sonic Youth, macht sich mit ihrem dritten Soloalbum "Play Me" regelrecht unentbehrlich.

Sowohl Künstlern als auch Publikum bot Rockmusik seit Elvis Presley und den Beatles gewisse Möglichkeiten zur Behauptung individueller Selbstbestimmung in einer durch überkommene Gesellschaftsnormen gleichgeschalteten Lebenswirklichkeit. Davon konnte sich herzlich wenig in unsere hyperkomplexe Gegenwart hinüberretten. Die Entfremdung schreitet rasant voran, nicht nur in der Erwerbsarbeit, wo der Einzelne höchstens noch ein austauschbares Zahnrädchen im übermächtigen Getriebe sein darf. Das Freizeitvergnügen gestaltet sich ebenfalls zunehmend fremdbestimmt durch Algorithmen und KI, inklusive des Musikhörens und sogar des Musikmachens. "Play Me" riskiert die furchtlose Bestandsaufnahme, bei einer ehemaligen Kunstschulabsolventin freilich weniger in der Protestsongtradition Woody Guthries, sondern eher, um als Ausstellungsexponat im New Yorker Museum Of Modern Art unterzukommen.

Das Titelstück zum Album adressiert die obligatorischen Themenplaylists der Streamingdienste, die Musik als funktionale Klangtapete behandeln. Kim Gordon nennt entsprechende Angebote beim Namen, wenn sie von "Make-Out Jams", "Jazz in the background" oder "Chilling after work" spricht, wohl wissend, dass manche ihrer Musikerkollegen solche Formate bewusst bedienen. Die "Lovers and bosses" in "Dirty Tech" sind jetzt "robots or AI functions, disire's been reduced to programmatic symbology", wie das Webmagazin BPM formuliert.

Das finale "Bye Bye 25", ein Remake des gleichnamigen Songs vom Vorgängeralbum "The Collective", macht deutlich, was geschieht, wenn Dirty Tech, sprich soziale Medien in den Händen skrupelloser Multimilliardäre einen gemeingefährlichen Clown ins Präsidentenamt der Vereinigten Staaten von Amerika hieven. Dann wollen selbsternannte Autokraten den Wortschatz der Bevölkerung maßregeln und die Nutzung bestimmter Wörter glatt verbieten. Wieder nennt der Song Beispiele, als da wären "Mental health/Electric vehicle/Gulf of Mexico/ Energy conversion/Gay" und so weiter und so fort.

Der Clou aber ist, dass Kim Gordon, erneut unterstützt durch Justin Raisen, bekannt als Produzent von Charli XCX und Sky Ferreira, mit Stilmitteln des HipHop fast immer Songs inszeniert. Ziemlich weltbewegend das! Der Buchtitel ihrer Autobiografie "Girl In A Band", angelehnt an eine Textzeile aus Sonic Youths "Sacred Trickster", meinte von Anfang an sowohl, was Außenstehende in ihr sahen, als auch, was sie niemals war.
Bernd Gürtler/TM


Kim Gordon
"Play Me"
(Matador; 13.3.26)


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