Egal ob Balkanmelodien, französisches Chanson oder amerikanischer Folk, bei den 17 Hippies wirken die fernen Kulturen auf gar keinen Fall wie ausgeborgt. Für "Biester" wurde zu jedem Song anderer Percussionbegleiter engagiert, teilweise aus entlegenen Winkeln der Erde. Was sowieso bemerkenswert erscheint, weil Perkussionisten weder zur Stammbesetzung gehören, noch ein Schlagzeuger reguläres Mitglied ist. Den Rhythmus besorgen gewöhnlich Ukulele und Banjo beziehungsweise Gitarre. Die Interviewverabredung im Berliner Bandhauptquartier ergab zudem, dass die sächsische Elbmetropole für Bandgründer Christopher Blenkinsop von besonderer Bedeutung ist.
Wie seid ihr an die verschiedenen Perkussionisten gekommen?
Wir sind allen zuvor irgendwo schon begegnet, außer Aly Keita. Elmar Gutmann, unser Trompeter, hatte einen Auftritt des Balafonspielers von der Elfenbeinküste gesehen und war begeistert. Ein Anruf bei seinem Management in Paris ergab, dass er derzeit in Berlin lebt. Bei den anderen Perkussionisten ging ein gewisser Kennlernprozess voraus. Man trifft sich, trinkt Kaffee und tauscht Anekdoten aus. Aly kam ins Studio gestürmt, und bevor wir guten Tag sagen konnten, baute er sein Instrument auf und legte los. Was wir uns für das Stück mit ihm ausgedacht hatten, konnten wir auf der Stelle vergessen. Wir haben dann versucht, auf das zu improvisieren, was er gerade macht. Nach einer Dreiviertelstunde fällt dir nichts mehr ein bei einem wie ihm, außer dass du ihn heiraten willst. Sensationell, der Mann!
Ein Patchwork der Kulturen, das ist die Grundidee der 17 Hippies?
Eigentlich gar nicht. Auf eine merkwürdige Art sind wir wahnsinnig deutsch, wahnsinnig preußisch sogar, wahnsinnig berlinerisch. Aber das Reizvolle an Berlin ist, dass seit hunderten von Jahren Menschen hierherkommen. Zu Zeiten des Alten Fritzen sprach ein Drittel der Berliner Bevölkerung Französisch, fünfzig Jahre später Polnisch. Bis zum Herbst 1989 sind das zwei Städte gewesen. Ohne den Mauerfall gäbe es die 17 Hippies gar nicht. Von Anfang an sind Ostdeutsche und Westdeutsche dabei. Wir mussten lernen, mit den Befindlichkeiten der anderen umzugehen. Was wir intern üben konnten, nutzen wir, wenn wir uns mit Menschen von sonst wo in Beziehung setzen.
Der Charakter der Band wird sicherlich auch durch dich geprägt. Jemand mit deiner Biographie konnte die 17 Hippies überhaupt nur gründen.
Wahrscheinlich ist da was dran.
Könnten wir uns kurz einen Überblick über die Stationen auf deinem Lebensweg verschaffen? Du bist der Sohn eines deutschen Vaters und wirst 1963 in Manila geboren?!
Richtig, mein Bruder ist in Casablanca, Marokko geboren. Kindergarten in Kairo, Einschulung in Teheran. Danach Umzug nach Indonesien, als ich dreizehn war, ging es nach Deutschland.
Wie kam es, dass dein Vater aus Deutschland wegwollte und mit seiner Familie so lang weggeblieben ist?
Mein Vater ist Jahrgang 1926, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs wurde er noch zur Wehrmacht eingezogen und musste Berlin verteidigen. Er kam in Kriegsgefangenschaft, irgendwo in Osteuropa. Nach seiner Rückkehr stellte sich raus, dass das Gymnasium, das er besucht hatte, zerstört und der gesamte Aktenbestand vernichtet war. Er musste sein Abitur wiederholen. Irgendwann hatte er einfach die Schnauze voll, denke ich.
Würdest du sagen, dass Deutsch deine Muttersprache ist?
Bei uns zu Hause wurde Englisch gesprochen. Ich wusste allerdings, dass mein Vater Deutscher war, manchmal sprach er Deutsch. Meine erste richtige Begegnung mit meiner Muttersprache war meine Großmutter. Sie kam aus Norddeutschland und sprach Plattdeutsch. Viele Worte im Englischen und im Plattdeutschen ähneln sich. Meine Großmutter verstand ich besser als andere Deutsche, von ihr habe ich eine Menge gelernt. Als ich schon lesen konnte, wollte ich was über Indianer wissen. Mein Vater drückte mir Karl May in die Hand. Ich habe mir Deutsch durch Lesen beigebracht und bestimmt dreißig Karl Mays verschlungen. Und es gibt ja auch historische Karl Mays wie "Der Spion von Ortry". Mein Viertelwissen über deutsche Geschichte kommt definitiv von Karl May. Die Helden meiner Jugend sind allesamt Sachsen gewesen, Old Shatterhand, Old Surehand, Tante Droll. Die sprachen sogar einen eigenen Dialekt, nämlich Sächsisch, was ich unglaublich fand. Städtenamen wie Dresden hatten für mich einen magischen Klang. Dann stieß ich auf Erich Kästners "Das fliegende Klassenzimmer". Beides hat mein Deutschlandbild geprägt, zum einen die Wildwesthelden in ihren geilen Fransenjacken, und daneben gab es einen Justus oder den Nichtraucher. Als es hieß, es geht zurück nach Deutschland, dachte ich, wow! Gelandet sind wir in Recklinghausen, mein Gymnasium war ein typischer Siebzigerjahremehrzweckbau.
Im Vorgespräch zu unserem Interview erwähntest du einen Schulfreund aus Jakarta, der nach Dresden gezogen ist?!
Stimmt, Alexander Sojoko. Er war ungefähr derselbe Geburtsjahrgang wie ich und zog zur selben Zeit nach Deutschland. Seine Mutter war mit einem Indonesier verheiratet, kam aber aus Dresden. Ich habe noch ein Foto von ihm. Wir sind uns nie wieder begegnet, Recherchen nach der Wende verliefen ergebnislos.
Bernd Gürtler /TM
Auf der Suche nach Alexander Sojoko
Alexanders Mutter war in Jakarta wie Christopher Blenkinsops Vater beim Arzneimittelhersteller Nattermann beschäftigt; heute gehört die Firma zum internationalen Pharmakonzern Sanofi mit Hauptsitz in Paris. Wer Alexander Sojoko kennt oder Angaben machen kann über seinen Verbleib, möge über die Bandwebsite Kontakt aufnehmen.
Bernd Gürtler/TM
17 Hippies
"Biester"
(17 Hippies; 13.4.15)
17 Hippies im Netz
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