|   Beitrag

Songtextschreiber Joachim Krause: Seit Ewigkeiten mit der Gruppe Lift verbunden

Sein bekanntester Songtext ist sein traurigster. "Am Abend mancher Tage" verarbeitet den Unfalltod zweier prominenter Bandmitglieder von Lift. Der eine, der völlig unnötigerweise sein Leben lassen musste nachts auf einer Landstraße unweit der polnischen Kleinstadt Kalisz, war Sänger Henry Pacholski, der andere Joachim Krauses Jugendfreund Gerhard Zachar. Begegnet waren sich die beiden bei einem der legendären Talentwettbewerbe von Showmaster Heinz Quermann in der Stadthalle Meerane.

Gemeinsam gründeten sie unter dem Eindruck der Beatles die Amateurformation Meridas, zogen um dieselbe Zeit nach Dresden, bewarben sich 1967 mit "Herbstlied" beim Schlagerwettbewerb der DDR. Ihr gemeinsamer Song kam in die Endrunde, erschien auf Schallplatte, gesungen von Ernst Heise und fortan wurde Joachim Krause häufiger als Songtextautor angefragt, selbstredend auch, als auf Initiative von Gerhard Zachar aus dem Dresden Septett 1973 Lift hervorgingen.


Im angloamerikanischen Rock kamen die Songs grundsätzlich aus einer Hand. Bands wie die Beatles schrieben auch ihre Songtexte selbst. Im Rock der DDR galt eine strikte Trennung zwischen Bands und Songtextautoren. Ist dir der Unterschied damals bewusst gewesen?
Ich denke, ich hatte relativ früh zur Kenntnis genommen, dass Songtexte von jemandem beigesteuert wurden, der nicht notwendigerweise mit der Band auf der Bühne stand. Das sind Leute gewesen, die sich durch ihre Sprachgewandtheit einen Namen erworben hatten und denen entsprechend einiges zugetraut wurde von den Aufsichtsbehörden. Mir ist in der Rückschau interessant, dass die DDR ein Komitee für Unterhaltungskunst unterhielt. Die Betonung lag auf Kunst, die DDR wollte die Unterhaltung dem Tingeltangel entreißen und im Unterschied zum dekadenten Westen Jugendmusik mit Niveau bieten. Klar von Vorteil war, wenn den Bands ein bekannter Literat die Songtexte schrieb. Auch Journalisten sind willkommen gewesen, Leute, mit denen keine endlosen Auseinandersetzungen geführt werden mussten, was auf welche Weise sagbar ist und was nicht.

Die Abtrennung der Songtexte diente nicht nur der Steigerung des Qualitätsniveaus oder? Sondern auch der politischen Einflussnahme!?
Es ging um beides. Ich erinnere mich an mein "Strandlied", das mit dem Gesangsduo Petra Rechlin & Kurt Demmler für den Rundfunk produziert werden sollte. Jahre zuvor hatte sich Kurt Demmler am Ostseestrand zu uns ans Lagerfeuer gesetzt und vorgeführt, dass sich Songtexte sehr wohl auch in deutscher Sprache verfassen lassen. Ich kaufte mir damals ein Notizbuch und begann selbst auf Deutsch zu texten. Jetzt sollte er einen meiner Texte singen, welch ein Ritterschlag! Aber er ließ mir eine Korrekturfassung zukommen und was soll ich sagen, die war deutlich besser! Mein Eindruck ist, dass das Lektorat beim Komitee für Unterhaltungskunst nicht ausschließlich mit sturen Politniks besetzt war sondern auch mit sicherlich politisch gesteuerten, aber handwerklich profunden Fachkräften, wodurch manche üble Sprachentgleisung verhindert werden konnte. Die politische Einflussnahme gab es trotzdem.

Welche von deinen Songtexten sind betroffen gewesen?
Soweit ich mich erinnere als einziges "Regentag". Ich, damals noch Student und sowieso trüber Stimmung, weil es regnete, schaute aus dem Fenster und schrieb Eindrücke auf, schwülstige Assoziationen voller Pathos. Dann fuhr Gerhard Zacher mit dem aus unserer Sicht fertigen Song nach Berlin, persönliche Präsenz war Pflicht, und eine zweistündige Debatte entbrannte. Mein Text enthielt die Zeilen "Aus Mauern aus Gedanken kommt Licht von irgendwo" beziehungsweise "Weit drüben sind Gesichter, grau unter grauem Glas". Aus Berliner Betrachtungsweise konnte mit "Mauern" nur die Berliner Mauer gemeint sein, mit "weit drüben" nur der Westen; unvorstellbar, dass dort Menschen mit lebendigen Gesichtern leben sollten. Nach Abänderung der beiden von mir nicht ansatzweise politisch gemeinten Zeilen, ging der Text problemlos durchs Lektorat.

Wie war das bei "Über mich"? Schwer zu glauben, dass der Text kein Anlass für heftigste Kontroversen gewesen sein soll!
Ich war auch erstaunt, dass an anderer Stelle nichts passiert ist. Vermutlich hing das von Personen ab. Mancher Bearbeiter im Lektorat war vielleicht sogar dankbar für die Hintergründigkeiten vieler Songtexte, und "Über mich" hatte ich Herbert Dreilich in die Hand gedrückt, der sich auf dem Sprung befand Karat zu gründen. Vielleicht wurde er gerade besonders gefördert und die Instanzen drückten beide Augen zu. Man weiß es nicht. Jedenfalls hat er den Text sehr schön noch für das erste und einzige Album mit Panta Rhei interpretiert.

"Über mich" beschreibt nichts anderes als die Individuumwerdung des Icherzählers durch Selbstbefragung. Ein Verstoß gegen elementare Glaubensgrundsätze des Sozialismus, wo der Einzelne unbedingt dem Kollektiv verpflichtet war!
Richtig, der Text war als Selbstbefragung angelegt, ich spreche über mich und meine Unzulänglichkeiten. Aber Zeilen wie "Kannte viele Worte, die andere gerne hören. Jetzt sage ich, wer ich bin" bedeuten, dass das politische System nötigt, Dinge von sich zu geben, die nicht der eigenen Wahrnehmung der Welt entsprachen. Das war Nachdenklichkeit über mich, hinaus posaunt in der Hoffnung, auch mancher im Publikum riskiert einen zweiten Anlauf, wenn beim ersten Mal der Mut abhandenkam, etwas in Gang zu bringen, das eigentlich wichtig wäre. In der DDR schwang oft Angst mit. Wir mussten erst lernen, die eigenen Möglichkeiten auszutesten.

Welcher konkrete Anlass lieferte die Anregung zu "Über mich"?
Ich hatte im selben Jahr eine Begegnung mit der Staatssicherheit. Ich wurde geladen zur Klärung eines Sachverhalts, wie es hieß. Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete auf dem Volkspolizeikreisamt in Dresden. Ich musste vor einer Tür warten, die lange verschlossen blieb. Dann wurde mir geöffnet und zwei Herren stellten sich mit Dienstausweis vor als Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit. Ich wurde zu Lift befragt und angeblichen kriminellen Machenschaften der Band beziehungsweise zur offenen Jugendarbeit der Weinbergskirchgemeinde im Dresdner Norden, wo ich ziemlich engagiert gewesen sind. Was die beiden Herren eigentlich wollten, erschloss sich erst im Nachhinein beim Durchsehen meiner Stasi-Akten, ich sollte als IM angeworben werden. Von daher war das ein Balanceakt zwischen Drohungen und dass wir doch alle die Welt verbessern wollen. Zum Glück habe ich weder damals noch irgendwann sonst eine Verpflichtungserklärung unterschrieben. Im Nachdenken über das Ereignis war der Songtext entstanden. Ich versuche mit mir selbst klarzukommen und deutlicher zu sagen, was mit mir geht und was nicht. Aber dass ich auch kein vollkommener Mensch bin, der alles weiß.

Eine noch viel klarere Ansage ist "Wenn" gewesen, für Lift geschrieben und eingesungen genau wie "Regentag" von Christiane Ufholz.
Das war der erste Song, den Gerhard Zachers Band unter dem neuen Namen Lift in Umlauf brachte. "Wenn" lief relativ gut in den DDR-Hitparaden, was darauf hindeutet, dass sich die Leute angesprochen fühlten, obwohl Zeilen wie "Wenn du allein stehst, darf deine Meinung nicht sterben" oder "Auch wenn du laut sprichst, wird eine Lüge trotzdem nicht wahr" fast schon Agitprop gewesen sind. Ich staune noch heute, dass das durchs Lektorat ging. Mein Text enthält konkrete Anweisungen, wie sich in der sperrigen DDR mehr Handlungsspielraum erwirken lässt.

Auf den ersten beiden Alben "Lift" und "Meeresfahrt" bist du nicht mehr dabei?
Lift zogen Mitte der siebziger Jahre nach Berlin, die Verbindung ging danach etwas verloren. Dann brachte Keyboarder Wolfgang Scheffler von seinem Wehrdienst bei der NVA für den zu Reform gewechselten Stephan Trepte Henry Pacholski als neuen Sänger mit. Er schrieb sich seine Songtexte selbst und zwar so gute, dass ich neidlos in den Hintergrund getreten bin.

Du bist dann wieder auf "Scherbenglas" vertreten, unter anderem bei der Singleauskopplung "Am Abend mancher Tage". Wie hat dich die Nachricht von dem tödlichen Verkehrsunfall erreicht?
Ein Nachbar rief über die Straße, hast du schon gehört? Ich schaltete das Radio ein und schnell wurde zur Gewissheit, dass Gerhard Zachar und Henry Pacholski ums Leben gekommen waren.
Bernd Gürtler SAX 11/23


Joachim Krause wird 1946 in Ehrenhain geboren, wächst auf in Schönberg, beginnt nach dem Abitur 1965 ein Chemiestudium an der TU Dresden, absolviert ab 1979 ein Fernstudium der Theologie und wird "Beauftragter für Glaube, Naturwissenschaft und Umwelt" in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche in Sachsen. Unter dem Titel "Am Abend mancher Tage" ist ein autobiographisches Erinnerungsbuch erschienen, das ausführlich auf seine Verbindung zur Gruppe Lift eingeht.


Joachim Krause
"Am Abend mancher Tage - Eine Spurensuche in Mitteldeutschland"
(Sax-Verlag; 13.01.23)


Lift
"Am Abend mancher Tage"
(Sechzehnzehn, 25.6.21 5CDs)


Sax-Verlag im Netz
Sax-Verlag


Lift im Netz
Website | Sechzehnzehn
 

Foto: Wiegand Sturm
Autogrammkarte, Archiv Joachim Krause
Autogrammkarte, Archiv Joachim Krause

neue Beiträge