|   Rezension

Tortoise

Touch

(International Anthem)

Eine Musik rein instrumental, ohne Gesang, ohne Songtexte. Stattdessen vertrackte Metren und Stilreferenzen in solcher Bandbreite, dass einem schwindlig werden konnte. Als Tortoise die Bildfläche betreten, sind sie dermaßen ungewöhnlich, dass ein eigenes Stiletikett her muss. Von Post Rock ist fortan die Rede.

Gitarrist Jeff Parker erlebt eine Urbesetzung von Tortoise im Empty Bottle, einem Traditionsklub auf der nördlichen Western Avenue von Chicago und kann es kaum fassen. Die musikantische Raffinesse überwältigend und erst das Publikum, das gebannt zuhört, wie selten zuvor beobachtet. Augenblicklich reift sein Wunsch, Bandmitglied werden zu wollen. Der Traum geht in Erfüllung, seit "TNT" von 1998, Album Nummer drei nach "Tortoise" und "Millions Now Living Will Never Die", gehört Jeff Parker fest dazu.

Begonnen hatte es recht unspektakulär. Bassist Doug McCombs und Schlagzeuger John McEntire von Eleventh Dream Day beziehungsweise Bastro wollten sich ursprünglich nach dem Vorbild von Sly & Robbie befreundeten Musikern als mobile Rhythmuseinsatztruppe zur Verfügung stellen. Dummerweise galt als Grundverabredung, dass es keine Stilvorbehalte geben sollte, egal welche Vorgeschichte oder Vorlieben jemand mitbringt, egal ob es sich um Punkrock, Krautrock, Hardcore oder Dub Reggae handelt, um Progressive Rock, Jazz, Westernsoundtracks, Elektronik oder avantgardistische Klassik.

Wie die atemberaubende Vielfalt unter einem gemeinsamen Dach Platz finden kann, ohne, dass es auch nur ansatzweise missraten wirkt? Des Rätsels Lösung erfährt Jeff Parker gleich bei seiner ersten Session mit Tortoise. "The Suspension Bridge At Iguazú Falls" hießt das Stück, später veröffentlicht auf "TNT". Jeff Parker hinterlässt im Studio tragende Elemente auf Vibraphon und Gitarre, schwärmt anschließend aus zum eigenen Konzertauftritt, um bei seiner Rückkehr festzustellen, dass die Bandkollegen seine Skizze nach eigenem Gutdünken weiterentwickelt hatten.

Ähnlich entstanden "Vexations", das Eröffnungsstück zum Album "Touch" vom Herbst 2025. Jeff Parker modelliert ein Bassmotiv, einen "backwards James Brown kind of beat", seine Bandkollegen wenden das Fragment ins Düstere, verleihen ihm Härte, gab er kürzlich dem britischen Mojo Magazine zu Protokoll. Das Demo zu "Axial Seamount" hätten John Herndon und Dan Bitney sowie Jeff Parker und Doug McCombs durch raffinierte Synthesizereinwürfe beziehungsweise Bassmotive verfeinert, die verdächtig nach Agententhriller klingen, verriet John McEntire ebenfalls gegenüber dem Mojo Magazine, und ergänzt, "When people say their work is egoless it's full of ego. But the thing we all agree on is that the collective voice of the five of us makes this band interesting".

So wird es wohl sein, das Kollektiv gewinnt, Egoismus nein danke. Ihre Bandphilosophie diametral entgegengesetzt zum aktuellen Amtsinhaber im Weißen Haus. Friedensmissionen für Gaza, für die Ukraine dienen dem Mann höchsten als Vorwand, aus denselben Beweggründen wie Grönland mit Annexion und Venezuela mit Invasion gedroht wird. Das eigentliche Motiv sind seltene Erden, reiche Erdölvorkommen, Baugrund für lukrative Immobilienprojekte. Sämtliche Aktivitäten drehen sich um nichts anderes als profitable Geschäftsabschlüsse, ausschließlich zum eigenen Vorteil, versteht sich. Selbstbereicherung der übelsten Sorte, und Kriege sind nichts als lästige Hindernisse oder legitimes Mittel zum Zweck, ganz nach Belieben. Selbst Westeuropa ist inzwischen preisgegeben als Verhandlungsmasse gegenüber Wladimir, dem Möchtegernzaren in Moskau.

Es gruselt einen bloß noch. Zum Glück schimmert hier und da noch Hoffnung. Chicago beispielsweise, wo Tortoise zu Beginn der neunziger Jahre entstanden sind. Nicht nur stellt sich die Windy City wacker den ICE-Häschern entgegen, nicht nur widersetzt sich die Bevölkerung dem Einsatz der Nationalgarde und zeigt Flagge bei den landesweiten No-Kings-Protesten, die Stadt am Lake Michigan ist ungebrochen und verblüffenderweise gerade jetzt auch ein Hotspot der Kreativität. Vorrangig dank International Anthem, einem unabhängigen Schallplattenlabel aus dem Dunstkreis der Association For The Advancement Of Creative Musicians mit Künstlern wie Jaimie Branch, Alabaster DePlume, Makaya McCraven, Ben Lamar Gay, Angel Bat Dawid, Anna Butterss, Carlos Niño & Friends, Saul Williams sowie Rob Mazurek und Jeff Parker solo beziehungsweise mit jeweiligen Soloprojekten wie Chicago Underground Duo oder SML.

Die Mitglieder von Tortoise leben inzwischen nur noch teilweise in Chicago, zwei sind heute in Los Angeles ansässig, einer in Portland. Nach Jahren bei Thrill Jockey unter Vertrag, erscheint ihr jüngstes Album "Touch" aber bei International Anthem. Das Stiletikett Post Rock war ihnen ganz nebenbei von vornherein suspekt. Sie fühlen sich davon in eine Kategorie genötigt, obwohl sich ihre Musik jeglicher Kategorisierung entziehen sollte. Außerdem würde Post Rock bedeutet, dass Rockmusik zu Ende gegangen sei so, wie die Geschichte nach dem Zusammenbruch des Ostblocks angeblich ihr Ende gefunden hat. Aber der Rock, den Tortoise im Zweifelsfalle hinter sich lassen, lebt weiter, trotz alledem. Vielleicht deshalb 2016 für "The Catastrophist" zwei traditionellere Stücke ausnahmsweise mit Songtext und Gesang. "Yonder Blue" stammte aus der Feder von Yo La Tengos Georgia Hubley, sie selbst übernahm die Gastvokalistenrolle. "Rock On" war die Coverversion eines Klassikers aus dem Repertoire von David Essex, zu Hitparadenehren gelangt zu Zeiten des britischen Glam Rock.
Bernd Gürtler/TM


Tortoise
"Touch"
(International Anthem; 24.10.25)


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Foto: Heather Cantrell
Foto: Heather Cantrell
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