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Kontrolliertes Sichpreisgeben: Isolation Berlins viertes Studioalbum "Geheimnis" ist ein besonnenes Abwägen zwischen Mitteilsamkeit und eigenem Privatsphärenschutz

Ein Vorabsong aus dem Album hieß "(Ich will so sein wie) Nina Hagen" und war gekoppelt an einen Videoclip, der Sänger und Hauptsongtextschreiber Tobias Bamborschke bei seiner Metamorphose vom Durchschnittsjüngling zum intellektuellen Bücherwurm, avantgardistischen Hobbylehmkneter und schrillen Paradiesvogel begleitet. Der ideale Einstieg in ein kontrolliertes Sichpreisgeben, ein besonnenes Abwägen zwischen Mitteilsamkeit und eigenem Privatsphärenschutz. Immerhin, wie bei den drei Vorgängeralben geht es Isolation Berlin auch bei "Geheimnis" (Staatsakt) nicht um irgendeine Belanglosigkeit, sondern Lebensangelegenheiten von existentieller Bedeutung, sollte sich beim Interviewtermin mit Tobias Bamborschke sehr schnell bestätigen.

Foto: Noel Richter
Foto: Noel Richter
Foto: Noel Richter

Wo wurde das Video zu "(Ich will so sein wie) Nina Hagen" gedreht?
Im Haus meiner verstorbenen Großeltern, meinem ehemaligen Zuhause.

Warum wurde gerade das als Drehort gewählt?
Der Song handelt davon, sich abzunabeln, seinen Weg zu finden. Ich bin in diesem Zuhause groß geworden und wollte Sänger werden. Nina Hagen war eins meiner Vorbilder.

Was hat dich an ihr begeistert?
Ich bin in meiner Punkzeit auf Nina Hagen gestoßen, mit vierzehn, fünfzehn. Ich besitze ihr erstes Album, das mit der späteren Band Spliff. Dort sind Songzeilen drauf wie "Du willst mich so wie alle sind/Nein, nein, du altes Schwein/Du merkst nicht, das ich anders bin/Hau ab". Davon fühlte sich mein jugendliches Ich bestärkt.

Am Ende des Videoclips bist du geschminkt wie Nina Hagen auf dem Frontcover ihres Debütalbums, turnst aber durch den gepflegten Vorgarten einer nach wie vor biederen Wohnidylle. Darin liegt eine Widersprüchlichkeit verborgen, die für das gesamte Album charakteristisch ist, das "Geheimnis" heißt, im Song "Private Probleme" die Zeile "Ich habe private Probleme, für die ich mich schäme" enthält, aber sofort ergänzt "Ich will nicht darüber reden"!
Das ist der Zwiespalt eines jeden Künstlers, dass er eigene Erfahrungen nutzt und darüber ziemlich private Dinge mitteilt. Die ich aber mit einer gewissen künstlerischen Distanz umsetze, indem ich Figuren erfinde und sie das Private mitteilen lasse. Einerseits gebe ich sehr viel von mir preis, andererseits muss ich mich schützen. Ich will nicht zu viel preisgeben, das soll nicht zu sehr ins Private kippen.

Ein schwieriger Spagat, zumal es wenig braucht, dass dein Publikum übergriffig wird. Manche glauben, dass sie dich kennen, weil sie deine Songs kennen. Die folgen dir dann bis auf die Toilette, um dir gute Ratschläge hinterherzutragen oder Drogen aufzuschwatzen, wie in "Enfant Terrible" geschildert.
Genau darum geht es! Ich singe über Depressionen, über Selbstmordgedanken, über Ängste. Anfangs eher nur für mich, keiner dachte, dass wir mit Isolation Berlin erfolgreich sein würden. Plötzlich hatten wir ein Publikum, und viele wollten mehr wissen. Oder bei Presseterminen, wo immer öfter Fragen zu intimsten Privatangelegenheiten kamen. Es schien der Eindruck entstanden, dass ich, wenn ich in meinen Songs so privat bin, immer so offen und freizügig bin und wirklich alles erzähle.

Vorgetragen wird "Private Probleme" und auch "Enfant Terrible" als wolltest du dich lustig machen über diejenigen, die dir zu sehr auf den Leib rücken!?
"Private Probleme" ist ein Gegenentwurf, der sagt, ich muss gar nichts. Ich muss überhaupt nicht immer noch mehr preisgeben. Und "Enfant Terrible", wo es heißt, "Nein danke, ich nehme kein Kokain, den Scheiß könnt ihr alleine ziehn", dreht sich darum, dass immer alle einen trinken wollen mit mir, dass ich mit ihnen rumkoksen soll. Da bin ich auch oft auf bittere Enttäuschung gestoßen. Das ist in dem Song verarbeitet. Aber eigentlich ist "Enfant Terrible" eine Rockstarparodie, wo es mir Spaß macht, unsympathisch zu sein. Mich plagt die Angst, dass Leute mich nicht mögen, mich ablehnen. Ich hatte Lust, einen Song zu schreiben, bei dem ich mich vom ersten Satz unsympathisch mache. Die anderen Themen sind nebenher mit eingeflossen.

Wie gelingt es dir, die richtige Balance zwischen Mitteilsamkeit und Schutz deiner Privatsphäre zu finden? Denn manchen wir uns nichts vor, der geübte Psychotherapeut liest deine Songs trotz alledem wie ein offenes Buch.
Ich habe mich privat vollkommen zurückgezogen. Ich habe keine sozialen Netzwerke mehr, bin nicht mehr erreichbar. Kein Mensch kann mir Nachrichten schicken. Ich muss keine Kommentare mehr lesen, kann auf die Straße gehen und keiner erkennt mich. Im Alltag höre ich bestimmte Stimmen gar nicht mehr, die lasse ich nicht mehr an mich ran. Es war wichtig für mich, dass ich gesagt habe, ich will nicht mehr, dass jemand mich direkt kontaktiert.

Deine Schallplattenfirma schreibt im Pressinfo zum Album etwas ganz Schlaues. Nämlich dass du dich durch deine künstlerische Haltung dem Authentizitätsgedanken des Rock entgegenstellst. Ist das eine Einschätzung, die zutrifft?
Ja, schon. Deshalb die erfundenen Songfiguren, wie in "Klage einer Sünderin" zum Beispiel. Durch sie teile ich private Konflikte mit. Ich würde niemals über etwas schreiben, von dem ich keine Ahnung habe. Gleichzeitig versuche ich Seelenzustände zu beschreiben, ohne zu sehr ins Private zu gehen. Ich betrachte meine Songs als symbolische, traumhafte Wesen.

Deine Songs entspringen tatsächlich Traumwelten? Oder sind am Ende doch harte Arbeit am Schreibtisch?
Beides, ich nutze Träume, auch Tagträume. Ich habe einen Gedanken, ich spüre ein Lied in mir wachsen, dann gehe ich dem gezielt nach, lese Bücher, die in dieselbe Richtung deuten. Das sind geführte Träume, wie ich es nenne, die teilweise aus tatsächlichen Träumen resultieren.

Apropos Bücher, im Titelsong zum Vorgängeralbum "Vergifte Dich" erwähnst du Friedrich Nietzsche. Du hast Nietzsche gelesen?
Habe ich.

Und was aus der Lektüre mitgenommen?
Also ich habe Nietzsche gelesen, aber wenig verstanden. Gott ist tot, das fand ich sympathisch. Ich fühlte mich verstanden in meiner Verzweiflung damals.

Es gibt auffällig viele Folkelemente auf "Geheimnis". Weshalb? Weil es durch Corona unmöglich geworden war, gemeinsam als Band im Studio zu arbeiten?
Wir hatten vor Corona begonnen an dem Album zu arbeiten und mussten wegen Corona vorübergehend unterbrechen. Das ist ein richtiges Bandalbum, entstanden in unserem eigenen Studio. Stilistisch schauen wir, was am besten passt. Die Stilwahl geht meistens von den Songtexten aus. Wir probieren immer verschiedenes aus. 

Es ergibt sich jedenfalls ein schöner Spannungsbogen. Scheint fast, als sei "Geheimnis" ein Konzeptalbum?
Könnte man sagen. Bisher ist es meistens so gewesen, dass ich einen Text geschrieben habe, dann noch einen, dann noch einen. Diesmal wollte ich ein Album, eine Geschichte schreiben, von Anfang bis Ende. "Geheimnis" ist unser bislang rundestes Album. Ähnlich Schuberts "Winterreise", mit Stationen eines Lebens, eines Reifeprozesses. Der erste Song, "Am Ende zählst nur du", wirkt wie ein volksliedhaftes Kinderlied. Das Album endet bei "Enfant Perdu" mit einem gealterten Sänger, den keiner mehr hören will. Ich beschreibe einen Lebenszyklus, gleichzeitig kann man das Album hören, ohne meine Konzeptidee zu kennen.

Nahezu zeitgleich zum neuen Album mit Isolation Berlin, erscheint dein zweiter Gedichtband "Schmetterling im Winter". Was schreibst du häufiger, Gedichte oder Songs?
Prinzipiell schreibe ich alles auf, was ich interessant finde. Dann schaue ich, was daraus werden könnte. Quantitativ gesehen schreibe ich wahrscheinlich mehr Gedichte.

Unterscheidet sich dein Gedichtschreiben vom Songschreiben?
Unbedingt, Gedichte funktionieren anders als Songs. Gedichte können feiner, kleiner sein, können sich Zeit nehmen zu wirken. Songs müssen als Songs funktionieren, müssen am besten sofort zur Sache kommen, haben einen Refrain. Ein Song ist ein Song, ein Gedicht ein Gedicht. Ich habe immer Gedichte gelesen, Gedichte beeinflussen mich beim Songschreiben. Der für mich wichtigste Dichter war Richard Brautigan, ein Amerikaner, erfolgreich in den Siebzigern. Ich habe viel Eichendorf gelesen, Goethe, Rilke, Lasker-Schüler. Das fand ich alles toll und versuchte selbst Bilder nach ihrem Vorbild zu entwerfen; expressionistische, romantische Bilder. In der Musik geht das, nicht unbedingt als reines Gedicht. Würde ich heute versuchen wie Goethe zu schreiben, das würde mir albern vorkommen. Gedichte schreiben ist alltäglicher. Richard Brautigan hat mal gesagt, Gedichte sind wie Telegramme der Seele. Das hat bei mir ein Fenster aufgemacht, wo ich dachte, wow, so möchte ich Gedichte schreiben.

Wenn Gedichte Telegramme der Seele sind, was sind dann Songs?
Weiß nicht, schwer zu sagen. Muss ich mir mal noch eine schaue Antwort überlegen.

Covergestalter ist bei "Geheimnis" wieder Yannick Riemer, ein junger bildender Künstler ebenfalls mit Berlin als aktuellem Lebensmittelpunkt. Ihr mögt seine Arbeiten?
Yannick ist ein Schulfreund unseres Bassisten und Produzenten David Specht, die beiden sind zusammen nach Berlin gezogen. Gegründet hatte ich Isolation Berlin zusammen mit Max Bauer, er und ich kennen David und Yannick seit 2014. Yannick hat sich sogar sieben Jahre lang eine Wohnung mit mir geteilt.

Du selbst wolltest dich nie als Maler ausprobieren?
Ich zeichne, in meinen Gedichtbänden sind Zeichnungen von mir enthalten. Aber als bildender Künstler sehe ich mich nicht.
Bernd Gürtler SAX 11/21

Video/Audio
"(Ich will so sein wie) Nina Hagen"
 

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