Dein Dresdner Jubiläumskonzert fällt auf den Tag der Deutschen Einheit, einen besonderen Tag, hierzulande sogar Feiertag. Ostdeutsche, die dabei gewesen sind, halten gewöhnlich den 9. November für denkwürdiger. Wie siehst du das?
Der Mauerfall an sich war ein einschneidendes Ereignis. An welchen Tagen daran erinnert wird, spielt für mich weniger eine Rolle. Hauptsache, es wird erinnert.
Nach dem Mauerfall im Wendeherbst 1989 erlosch das Interesse an euch Ostrockern schlagartig, weil plötzlich der Westrock uneingeschränkt zur Verfügung stand. Auch für dich müssen das schwierige Zeiten gewesen sein. Du warst eine echte Berühmtheit, als Sänger von Stern Meißen, erst recht solo als IC Falkenberg.
Ich ahnte, was kommen würde. Ich hatte überlegt, ob ich nicht in den Westen abhaue. Dadurch, dass ich aus einem Umfeld komme, wo ständig jemand weggegangen ist oder gegangen wurde, war das Thema immer präsent. Wegen Glasnost und Perestroika ab 1985 blieb ich, weil sich abzeichnete, dass das jetzt die letzten Meter sind. Außerdem gerade Vater geworden, spürte ich eine Verantwortung. In dieses vielzitierte tiefe Loch, das sich nach der Wende auftat, bin ich nicht gefallen. Bereits am Tag nach dem 9. November 1989 traf ich mich in Berlin mit Westschallplattenlabels zu Gesprächen. 1991 erschien mit "IC Falkenberg" mein erstes gesamtdeutsches Album, das recht erfolgreich war, wenn auch nicht so erfolgreich wie Veröffentlichungen aus Vorwendezeiten bei Amiga. Die beiden Alben mit Stern Meißen "Taufrisch" und "Nächte" verkauften jeweils fünfundzwanzigtausend Exemplare, meine beiden Soloalben "Traumarchiv" und "Zigeuner auf Zeit" zusammen eine halbe Million. Trotzdem, für mich ging es sofort weiter. Hätte ich Konzerte gegeben, wovon die Schallplattenfirmen abrieten, wäre mir vermutlich Ähnliches widerfahren, was viele Ostkollegen erleben mussten, nämlich dass das Publikum wegblieb.
Wie würdest du das Umfeld beschreiben, aus dem du ursprünglich kamst?
Ich war vierzehn, als ich ins Visier der Staatssicherheit geriet, geht aus meiner Akte hervor. In der Berufsschule wurde ich aus dem Unterricht heraus verhaftet. Bei der Armee ging das weiter, da waren meine Songtexte das Problem. Eigentlich wollte ich die Waffe verweigern wie viele in meinem Bekanntenkreis, aber meine Mutter wurde damals schwer krank und wie man weiß, wenn einer der Söhne die Waffe verweigerte, zog das Repressionen für die gesamte Familie nach sich. Das wollte ich meiner Mutter ersparen. Ich dachte, irgendwie kriege ich die achtzehn Monate schon rum. Meine Mutter verstarb dann während meiner Zeit bei der Armee. Dieses Umfeld, aus dem ich komme, ist ganz einfach beschrieben. Das sind die typischen Blueser, die Hippies, die Kunden, später die Punks, der ostdeutschen Vorwendesubkulturen gewesen. Eine Riesenszene, die gut vernetzt war! Wir trafen uns oft in besetzten Häusern in Berlin, in Jena, in Weimar oder in Halle. Sichere Rückzugsorte für die Szene waren vor allem die Kirchen.
Sänger von Stern Meißen wurdest du, als die Band den Progressive Rock aufgab und sich unter dem Eindruck der Neuen Deutschen Welle eingängigeren Formen zuwandte. Die älteren Publikumsjahrgänge hassten dich deswegen, und weil ein neues, jüngeres Publikum dich umso mehr vergötterte, gab es Spannungen zwischen dir und anderen Bandmitgliedern. Keine einfache Gemengelage auch das.
Wir sollten festhalten, Stern Meißen sind es gewesen, die entschieden hatten, andere Musik zu machen. Vor allem die damals jungen Kollegen Uwe Hassbecker und Peter Rasym argumentierten, dass, wenn sich nichts ändert, bald keiner mehr vor der Bühne steht. Stern Meißen sahen mich mit meiner Punkband in Berlin und fanden, dass ich für den neuen Musikstil genau der richtige Sänger sei. Wir trafen uns bei ihnen im Studio, gemeinsam wurden neue Songs erarbeitet. Ich schrieb die meisten Songtexte und vieles an Kompositionen. Dann kamen die ersten Konzerte und ich wurde von denselben Leuten, denen ich Jahre zuvor wahrscheinlich beim Trampen begegnet bin, ausgebuht. Völlig irre! Natürlich war es ein Unding, im Herbst 1982 die Saison mit Progressive Rock zu beenden und im Frühjahr 1983 einen neuen Sänger mit Springerstiefeln und bunten Haaren hinzustellen, der Punk und New Wave Songs zum Besten gibt. Sowas geht einfach nicht, man muss vorher Bescheid sagen. Im Nachhinein finde ich es sogar unglaublich arrogant dem Publikum gegenüber. Und ich mit meinen Anfang zwanzig war völlig überfordert. Nie zuvor schlug mir eine solche Abneigung entgegen. Bis heute hält sich die Ansicht, ich sei für den Stilwechsel bei Stern Meißen verantwortlich gewesen. Stimmt nicht, ich war höchstens das Werkzeug. Stern Meißen wurde, vor allem durch meine Soloprojekte, die erfolgreichste Zeit ihrer Bandgeschichte beschert. Natürlich erkannte ich für mich eine Chance. Ich konnte bei Stern Meißen mit den meiner Meinung nach besten Rockmusikern Ostdeutschlands arbeiten. Bandchef Martin Schreier besaß ein eigenes Studio, das erste private Tonstudio Ostdeutschlands. Und Musik eröffnete eine der wenigen Möglichkeiten, sich dem Staat zu entziehen.
Nach der Wende musstest du flexibel sein, damit es sofort weitergehen konnte. Sogar ein Abstecher in den Schlager ist vermerkt.
Es gab eine Produktion, eine Single, die nahe am Schlager war. Dem Schallplattenlabel war das noch viel zu anspruchsvoll. Mein zweites Album "Falkenberg", wieder bei einem Westlabel, ging in Richtung Folkrock, was dem Label auch nicht gefiel, so dass wir den Vertrag in beiderseitigem Einvernehmen auflösten.
Danach bist du zu dem zurückgekehrt, was dir ganz zu Anfang vorschwebte, nämlich Songs. Und du bist dir nicht zu schade, brisante Gesellschaftsthemen anzusprechen. Dass du kein Freund der AfD bist, ist auch kein Geheimnis.
Ich finde mich in dem, was die AfD vertritt, absolut nicht wieder. Das Dumme ist, ich finde mich mittlerweile bei den anderen Parteien auch nicht wieder. Was ich aber nach wie vor verteidige, ist die Idee von Demokratie. Ich kann nicht erkennen, dass die Politik der vergangenen Jahre unsere Gesellschaft vorangebracht hat. Mein Unmut richtet sich eigentlich gegen die Politik der demokratischen Mitte, die es nicht schafft, den Menschen zuzuhören, ihre Probleme zu verstehen und Lösungen anzubieten. Die AfD empfand ich von Anfang an als Bedrohung. Ich war nie der Auffassung, die erledigen sich von selbst. Mir war klar, dass diese Partei wachsen wird, weil die Hoffnung auf tiefgreifende Reformen versiegt. Das, was die Menschen im Moment verbindet, ist Unzufriedenheit. Das ist das Einzige, was uns noch gemeinsam ist. Wir sind auf irgendeine Art unzufrieden. Und sämtliches, was uns aufregt und Angst macht, ist längst nichts Regionales mehr. Wir leben in einer globalisierten Welt. Das hat die Politik auch noch nicht verstanden. Wenn wir nicht begreifen, dass alles mit allem zusammenhängt, führt das in die Katastrophe.
Unmut scheint derzeit tatsächlich der einzige gesellschaftliche Kitt zu sein. Wohin das Ohr sich wendet, es wird gemeckert. Andererseits bist gerade du das beste Beispiel, welche Chancen sich nach der Wende auftaten. Oder denkst du, dass du in Vorwendezeiten dir ein eigenes Tonstudio, ein eigenes Schallplattenlabel, eine vollkommen autarke Künstlerexistenz hättest schaffen können?
Niemals! Bei meinen Konzerten sage ich das auch. Ich verstehe nicht, wie Menschen beispielsweise in Talkshows behaupten können, man dürfe in diesem Land nichts mehr sagen. Sie sitzen dort, äußern Kritik an etwas, und es geschieht ihnen nichts. Ich musste erleben, dass hinter der Bühne schon die DDR-Staatsmacht wartete, um mich mitzunehmen. Das ist der Unterschied. Ich weiß meine Freiheit in jeder Beziehung sehr zu schätzen und bin dankbar, dass meine Kinder das erleben dürfen. Dass sie in Freiheit leben können. Einer meiner Söhne ist auch Musiker, niemand reglementiert ihn, was Songtexte, was das Auftreten angeht. Meine Töchter könnten im Ausland studieren, niemand sperrt sie ein in ein Land. Ich verstehe nicht im Geringsten, wie sich jemand die ostdeutsche Vergangenheit zurückwünschen kann.
Was darf das Publikum beim Jubiläumskonzert erwarten?
Es werden sämtliche Besetzungen von mir auf der Bühne vertreten sein, meine Band und das Streicherensemble. Was schon im Vorfeld auf positive Resonanz stößt, ist, dass wir mein erstes Soloalbum "Traumarchiv" komplett spielen werden. Natürlich war "Mann im Mond" in den letzten Jahren Bestandteil des Konzertprogramms, aber nie das gesamte Album. Das gab es noch nie und wird es wohl auch nicht mehr geben.
Bernd Gürtler/TM
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03.10.25 Dresden, Staatsoperette