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Does Comedy Belong To Music? Die Vielflieger We Are Scientists sammeln "Qualifying Miles"

Verträgt sich Musik mit Comedy? Bei We Are Scientists stellt sich die Frage. Eine Interviewverabredung mit den beiden Bandgründern Keith Murray und Chris Cain in Berlin ergab zudem, weshalb der Titel ihres neunten Studioalbums "Qualifying Miles" auf die Vielfliegerprogramme diverser Fluggesellschaften verweist.

Begegnet seid ihr euch am Pomona College im kalifornischen Claremont anlässlich eines von Chris etablierten Fernsehabends immer wenn "Dawson's Creek" lief, eine Teenagedramaserie.
Chris Cain
: Die Serie war ein Riesenerfolg für Filmemacher Kevin Williamson neben "Scream" beziehungsweise "I Know What You Did Last Summer" und veränderte, wie Teenager sprechen. Gerade erst nach Pomona gekommen, suchte ich Anschluss und gab bekannt, dass jeder, der wollte, jede Woche um dieselbe Zeit auf meiner Studentenbude vorbeikommen kann. Damals liefen Serien noch zu festen Zeiten und nur im Fernsehen. Aber "Dawson's Creek" diente höchstens als Hintergrundbeschallung. Hingeschaut hat niemand, Fan war keiner.
Keith Murray: Ich denke, ich sah keine einzige Folge der sechs Staffeln komplett.

Wie realistisch war die Serie oder wie weit weg von der Realität?
Chris Cain: Das war keine Phantasterei, nichts Ausgedachtes, vielmehr eine Zuspitzung der Realität. Ereignisse geschahen in verdichteter Abfolge, aber die Handlung war immer nachvollziehbar, wenn sich jemand trennte, sich den Arm brach oder so.
Keith Murray: Aber ist "Dawson's Creek" eine Dramaserie gewesen?
Chris Cain: Teenager sind immer Drama. Mein Sohn ist neunzehn, sein Leben ist ein einziges Drama!

Sind Songs von euch von "Dawson's Creek" inspiriert?
Chris Cain: Nicht dass ich wüsste.
Keith Murray: Ich muss intervenieren, unser Debütalbum "With Love And Squalor" ist "Dawson's Creek" pur, von Anfang bis Ende.

Bei einem der Fernsehabende von Chris jedenfalls kreuzen sich eure Wege und ihr entdeckt als gemeinsame Schnittmenge eine Begeisterung für Comedy. Wieviel Comedy steckt in We Are Scientists?
Keith Murray: Du meinst privat zwischen uns beiden oder bei unseren Auftritten?

Ich meine sowohl als auch.
Keith Murray: Zwischen uns beiden sind wir zu acht Prozent an Musik interessiert, die restlichen zweiundneunzig Prozent an Comedy.

Und soweit es eure Songs, eure Konzerte betrifft? Immerhin vermerkt das Presseinfo des Schallplattenlabels, eure Bühnenperformance sei eine Mischung aus Musik und spontaner Comedy?!
Keith Murray: Musikmachen geht uns über alles, und aus der Musik versuchen wir die Comedy rauszuhalten. Zur Fußballweltmeisterschaft 2010 schrieben wir der englischen Nationalmannschaft die Mannschaftshymne "Goal! England!". Das ist Comedy gewesen. Uns interessierte weder die Weltmeisterschaft noch sind wir Fans des englischen Teams.
Chris Cain: Die Quintessenz des Songs war, dass wir keine Ahnung von Fußball haben.
Keith Murray: Aber eigentlich mag ich keine Comedymusik.
Chris Cain: Manche in den sozialen Medien glauben, sie könnten auf einen witzigen Song richtige Musik aufbauen. Beides zusammen funktioniert eher selten, Witze reißen und ernsthafte Themen verhandeln.
Keith Murray: Ist Bo Burnham ein Begriff? Er war als Comedian gestartet und wurde in der Coronapandemie mit schrägen Songs über seine prekäre Situation während der Lockdowns berühmt. Heute spricht er höchstens noch über solche Phänomene.
Chris Cain: Ich wüsste keinen, der beides auf sich vereint. Wir wollen auch nicht beides, dafür sind We Are Scientists nicht angetreten. 

Ein Livealbum von Frank Zappa heißt "Does Humor Belong To Music. Was würdet ihr sagen, ist der Unterschied zwischen Humor und Comedy?
Chris Cain: Viele von Keiths Songtexten sind humorvoll. Comedy will auf etwas anderes hinaus, will zum Lachen bringen, indem sie das Publikum in ungemütliche Situationen versetzt, und durch die Art des Umgangs mit den Themen wird es Comedy. Ich denke, man kann humorvoll sein, ohne dass einem das Etikett Comedy aufgedrückt wird. Eine Kunstform, die ohne Humor auskommt, fällt mir nicht ein.
Keith Murray: Bei einem dramatischen Film ohne Humor bin ich weg. Selbst die düstersten Katastrophen brauchen eine gewisse Portion Humor. Das lässt erkennen, dass die Macher wenigstens eine Armlänge Abstand zu ihrem Gegenstand halten. Komplette Humorlosigkeit lässt vermuten, jemand ist geblendet von den eigenen Intentionen.
Chris Cain: Kaum jemand kommt ohne Humor aus, Humor ist eine natürliche Reaktion auf prekäre Umstände. Im Alltag reißt andauernd jemand Witze. Manche sind dumm, manche lustig.

Frank Zappa hat ebenfalls am Pomona College studiert und frühe Auftritte mit seinen Mothers Of Invention dort absolviert. Wusstet ihr davon? War Frank Zappa ein Vorbild für euch?
Chris Cain: Wir wussten von ihm, ein Vorbild war er nicht. Trotzdem gut, dass es ihn gab.

Egal ob Comedy oder Humor, beides lässt sich schwer in andere Sprachen übertragen. Habt ihr den Eindruck, euer Publikum versteht euch, wenn ihr in Deutschland auftretet?

Keith Murray: Was meinst du, bedeutet der Albumtitel "Qualifying Miles"?

Das bezieht sich sicherlich auf das Bonusmeilensammeln beim Fliegen.
Keith Murray: Siehst du, wir werden verstanden. Das Album feiert die Wegstrecke, die Chris und ich seit Gründung von We Are Scientists zurückgelegt haben. Bei uns sind einige Meilen zusammengekommen.
Bernd Gürtler/TM


We Are Scientists
"Qualifying Miles"
(Grönland; 18.7.25)


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