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Charmantes Außen, innen ein dunkler Kern: Mit ihrem siebten Studioalbum "Scatterbrain" überzeugen die neuseeländischen The Chills einmal mehr in ihrer Königsdisziplin

Neuseeländischer Rock fand Mitte der achtziger Jahre in nennenswerten Kontingenten nach Westeuropa, beflügelt durch die Compilation "Tuatara" des in Christchurch beheimateten Schallplattenlabels Flying Nun. The Chills sind mit "Pink Frost" an herausragender Stelle vertreten und als einzige von damals überregional präsent geblieben. Im Veröffentlichungsvorfeld von "Scatterbrain" (Fire) ergab sich eine Videoschalte mit Sänger und Chefsongschreiber Martin Phillipps, nicht nur, um über das siebte Studioalbum seiner Band zu sprechen.

Foto: Alex Lovell-Smith
Foto: Alex Lovell Smith

Charmantes Außen, innen ein dunkler Kern, würdest du sagen, dass sich das seit "Kaleidoscope World" von 1982, eurer überhaupt ersten Songeinspielung als The Chills, konstant durch den gesamten Songkatalog zieht?
Musikalisch bin ich von Sixtiespsychedelia beeinflusst, als Songtextschreiber von der Literatur eines H.G. Wells oder Ray Bradbury. Eine düstere Bilderwelt, wie sie die beiden entwerfen. Die Chills hatten immer einen dunklen Kern. Etwas anderes könnte ich mir gar nicht vorstellen, wobei das unsere kommerziellen Erfolgsaussichten nicht gerade befördert.

"Kaleidoscope World" ist zweifellos ein hervorragender Song. Unverwechselbar werden die Chills aber erst 1984 mit "Pink Frost". Verwoben die Sechzigerjahremelodien mit einer verstörenden Erzählung.
Zuerst hatten wir die Musik, die für sich genommen schon eine gespenstische Atmosphäre entfaltet. Der Songtext handelt von einem, der seine Lebensgefährtin im Schlaf tötet. Was mir inzwischen kindisch vorkommt, aber es funktioniert nach wie vor. Ich bin stolz auf den Song. Höchstens ein, zwei Chills-Konzerte über die Jahre, wo der Song nicht gespielt wurde.

"Pink Frost" eröffnet die zweite Seite der "Tuatara"-Compilation. Wie wichtig war das Album für die Verbreitung neuseeländischer Rockmusik in Westeuropa?
Davor gab es ähnliche Compilations, aber "Tuatara" ist für die meisten wirklich die erste Begegnung mit Rockmusik neuseeländischer Spielart gewesen. Zumal da das Album durch Normal Records in Bonn lizensiert worden war. John Peel legte plötzlich Flying-Nun-Scheiben auf. Ein wichtiges Antriebsmoment seinerzeit.

Fälschlicherweise gilt "Pink Frost" als Memorialsong für Martyn Bull, den an Leukämie verstorbenen Schlagzeuger der Chills aus Gründertagen. Dabei ist "I Love My Leather Jacket" deine tatsächliche Referenz an den toten Bandmitstreiter.
Mir auch ein Rätsel, weshalb die Leute denken, "Pink Frost" beziehe sich auf den Tod von Martyn Bull. Er ist der Schlagzeuger bei dem Song gewesen und war mächtig stolz auf seine Leistung. Eine seltsame Fußnote ist, dass er bei der Einspielung erstmals Anzeichen zeigte, dass es ihm nicht gut geht. Er schwitzte und war erschöpfter als sonst. Wir stellten die Single zurück, in der Hoffnung, dass er sich erholt. Wir dachten auch erst, dass es nicht richtig sei, ohne ihm weiterzumachen. Aber er hätte nicht gewollt, dass wir aufhören. Und "I Love My Leather Jacket", stimmt, handelt von einer Lederjacke, die er mir vermachte. Ich spürte eine Verantwortung für das Kleidungsstück. Gebaut ist der Song um ein kraftvolles Glamrockriff, wie man es bei Sweet oder Slade findet.

Songs der Chills enthalten immer auch Sozialkommentare, siehe "Male Monster From The Id", "Strange Case" und "Sactuary" von "Soft Bomb" oder "America Says Hello" und "Tom Boy" von "Silver Bullets". Album Nummer sieben, "Scatterbrain", scheint eher um Privates zu kreisen?
Richtig, und das war eine bewusste Entscheidung. Menschen meiner Umgebung ermutigten mich, mehr über persönliche Erfahrungen zu sprechen. Wir hatten drei weitere Songs fertig für das Album, einer davon über Konsumwahn. Aber mir schien, ich predige zu den Bekehrten. Die Sozialkommentare beginnen genau genommen 1982 bei "(Frantic) Drift" von derselben Doppel-EP, die auch "Kaleidoscope World" enthält; es geht um Religion. "Male Monster From The Id" handelt von einer Männlichkeit, die ihre primitiven Impulse im Zaum zu halten versucht, "Strange Case" von einem, der seine Impulse nicht bändigen kann und zum Serienkiller wird, "Sanctuary" von häuslicher Gewalt, "America Says Hello" sowie "Tom Boy" von den Vereinigten Staaten aus Amtszeiten Donald Trumps beziehungsweise Mädchen, die sich gesellschaftlich vorgegebenen Geschlechterrollen widersetzen. Heute befrage ich mich, ob ich mich zu solchen Themen überhaupt äußern sollte. Wenn ich es dennoch tue, tue ich es allgemeiner, offen für den Hörer, sich selbst wiederzufinden.

Natur und Umwelt sind auch Themenschwerpunkte bei den Chills, angezeigt durch die Qualle auf dem Frontcover zu "Submarine Bells", die grelle Sonne vorn auf "Sunburnt", die Fische auf "Silver Bullets", die Schneelandschaft von "Snow Bound", den Taucherhelm auf "Scatterbrain". Wovon fühlst du dich inspiriert? Von der landschaftlich malerischen Otago-Peninsula-Region vor den Toren deiner Heimatstadt Dunedin?
Es ist unmöglich, in Neuseeland Künstler zu sein und nicht unter dem Eindruck der Naturgewalten zu stehen. Ich lebe am Stadtrand von Dunedin, von dort aus sind es keine fünf Minuten mit dem Auto und ich kann am Strand sein, keine Menschenseele weit und breit und Ozean bis zum Horizont. Unmöglich, das zu ignorieren. Bewusst geworden ist mir das, als wir das erste Mal in Europa auf Tour gewesen sind. Die nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebauten Großstadtmetropolen besonders in Deutschland, sehr starr, sehr öde. Ich verstand augenblicklich die Musik, die von dort kommt. Das ist Musik ohne Bezug zur Natur, ein komplettes Gegenteil zu dem, was ich kenne. Für mich gibt es kein Entrinnen von den Kräften der Natur. Das auf "Scatterbrain" enthaltene "Monolith" ist ein Song über die uralte Verbindung zwischen Mensch und Natur.

"We have gathered up wisdom/Whatever’s at hand/We have weathered the ages and still we stand/ Give me the power of ancient stones/Honour the monolith", heißt es in "Monolith". Von welchen Steinmonumenten sprichst du?
Von den Steinkreisen in Europa. Meine Vorfahren väterlicherseits stammen aus dem englischen Cornwall, mütterlicherseits aus Schottland. Mein Vater hat die Familiengeschichte bis zurück ins 15. Jahrhundert erforscht. Als ich ihre Herkunftsorte besuchte, brachte das etwas zum Schwingen.

Der Titelsong zu "Scatterbrain" enthält die Textzeile "A kind of illusion is fuelling frustration/Deliberate confusion and misinformation". Bezieht sich das auf Corona? Auf die Corona-Leugner und Verschwörungstheoretiker?
Nein, die Songs waren geschrieben lange bevor wir auch nur ahnen konnten, was uns erwartet. Wir können von Glück reden in Neuseeland, dass unsere Regierung verantwortungsvoll gehandelt hat. Aber die ewig Unverbesserlichen gab es auch bei uns.
Bernd Gürtler SAX 7/21

Video/Audio
"Pink Frost"
"Monolith"
 

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