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Fehlfarben: Wie in die falsche Welt gestellt

Erstaunlich lange gehalten für eine Schnapsidee! Sicher, es gab Denkpausen und Besetzungswechsel seit der Spontangründung am Rande eines Punkkonzerts im London der Endsiebzigerjahre. Aber jedes Mal berappelt die Fehlfarben und auch ohne weitere Gassenhauer vom Kaliber "Ein Jahr (Es geht voran)" präsent geblieben. Mit dem kryptisch betitelten "?0??" liegt seit Herbst vergangenen Jahres das inzwischen zwölfte Album vor. Den Interviewtermin bestreiten Sänger Peter Hein sowie Kurt Dahlke, ehemals Der Plan und nach wie vor solo als Pyrolator mit elektronischer Musik unterwegs.

Ein gelungenes Album, sehr schön!
Peter Hein
: Wenn du das sagst, muss es wohl stimmen, dann glauben wir das jetzt. Ich weiß nicht. Aber ist okay geworden, denke ich.
Kurt Dahlke: Eigentlich war schon 2020 ein Album fertig, das verworfen wurde. Wegen Corona schickten wir uns die Songs hin und her und nacheinander hat jeder seinen Beitrag hinzugefügt. Aber das klang viel zu steril.

Ist das nicht gängige Praxis inzwischen? Dass als erstes das Schlagzeug mit Clicktrack im Ohr eingespielt wird, dann Bass, Gitarre, Keyboards und obendrauf der Sänger? Zum Schluss werden die verschiedenen Spuren am Computerbildschirm montiert.
Peter Hein: Ja, aber was interessiert mich die gängige Praxis. Klar, gemacht haben wir das auch schon. Es ist aber etwas anderes, wenn eine Band zusammen spielt. Außerdem schaffen wir, wenn wir uns treffen, in einer Woche mehr als in einem Monat des Hinundherschickens. Vor allem, wenn wir uns nicht treffen, schreibe ich keine Songtexte. Zuhause wird nix geschrieben.

Du schreibst deine Songtexte erst zur fertigen Musik im Studio?
Peter Hein: Manchmal schreibe ich im Studio, meistens aber am Tresen nebenan, ein kleines Befeuerungsbierchen gehört dazu.

Interessant, was du sagst, weil die Songs in sich so stimmig wirken als seien fertige Songtexte rein den Worten gehorchend vertont worden!
Peter Hein: Nein, ich muss die Songs hören, dann schreibe ich Songtexte. Nach jedem Album, wenn die Phase kommt, dass wir denken, wir sollten wieder was Neues machen, fragt die Band, ob ich schon Texte schicken könnte. Jedes Mal sage ich, nee, kann ich nicht. Bislang ist das immer gutgegangen. Wenn es mal nicht gutginge, wird es wahrscheinlich furchtbar. Wenn mir nichts mehr einfällt und ich auf altes Material zurückgreifen müsste, das Gott sei Dank kaum vorhanden ist, wäre es besser, wir würden es bleibenlassen. Ich verlasse mich da inzwischen ganz auf meine langjährige Erfahrung.
Kurt Dahlke: Meistens entstehen die Songs so, dass jemand eine Idee entwickelt, wir spielen das im Studio ein, Peter hört sich das an und sagt, aber an der Stelle habe ich bloß zwei Strophen, keine drei, können wir eine Strophe streichen? Oder zu diesem Brückenteil habe ich gar nichts, das müsste instrumental bleiben oder wir lassen es ganz weg. Dann arrangieren wir die Songs um und darauf singt Peter. Das ist in der Regel der Gang der Dinge bei uns.

Geschrieben sind die Songtexte jedenfalls von einem, der bereits einiges an gelebtem Leben bewältigt hat.
Peter Hein: Sicher, die Pubertät liegt mittlerweile weit hinter mir.

Im Text zu "Stolz" heißt es, "Jetzt bin ich einmal rum im Kreis/Statt Junior- krieg' ich Seniorenpreis/Meine Leistung war, ich habe überlebt". Das schreibt keiner mit zwanzig.
Peter Hein: Mit zwanzig malten wir uns auch schon in Anlehnung an The Clash "Survival" auf die Trainingsjacken. Mit dreiundzwanzig hatte ich das Abitur überlebt, das war auch schon was.

Eine andere Textstelle im selben Song lautet "Stolz, Stolz, auf was bist du Stolz/Stolz, was soll's". Eine ziemlich abgeklärte Haltung.
Peter Hein: Ja, ist es. Geh' scheißen mit deinem Stolz.

"In die Welt gestellt", der erste Song zu "?0??", eröffnet mit den Zeilen "Mach Dich auf den Weg/Den Weg, den keiner sonst geht/Geh ihn nicht allein/Allein kommst Du nicht heim/Heim in jene Zeit/Die Zeit, die Dir noch bleibt/Bleib nicht zu oft stehen/Im Stehen wirst Du bequem/Ich fühle mich in die falsche Welt gestellt".
Peter Hein: Eine nette Botschaft an die Jungspunde von heute. Aber man kann das nicht unbedingt erklären, man muss es auf sich wirken lassen.
Kurt Dahlke: Wenn ich den ersten Song höre, erwischt mich ein Gefühl, das ich tatsächlich empfinde, nämlich dass ich mir wie in die falsche Welt gestellt vorkomme. Aufgrund der Umstände um uns herum, passt der Song perfekt als Eröffnung.

Krisen und Umbrüche gab es zu jeder Zeit und von Anfang an greifen die Fehlfarben das auf. "?0??" enthält mit "Nachhaltigkeit" auch einen Song zum Klimawandel. Was aber hat sich seit eurer berühmten Single "Ein Jahr (Es geht voran)" aus dem Debütalbum "Monarchie & Alltag" geändert? Was ist gesamtgesellschaftlich anders als damals?
Kurt Dahlke: Wir erleben einen zunehmenden Konservatismus, eine Pflicht zum Konsens. Widersprüche werden kaum noch wahrgenommen und diejenigen gnadenlos gedisst, die sich gegen den Konsens auflehnen. Eine bedenkliche Entwicklung.
Peter Hein: Problematisch auch, dass sich gern die falschen Freunde unserer Songs bemächtigen.

Bei welcher Gelegenheit ist euch das passiert?
Peter Hein: Bei "Ein Jahr (Es geht voran)". Es war nie die Intention, dass das in Wackersdorf gespielt werden soll.
Kurt Dahlke: Umgekehrt kamen in jüngerer Vergangenheit Anfragen über die sozialen Medien, ob wir nicht verhindern könnten, dass der Song auf bestimmten Montagsdemos gespielt wird. Was sollen wir unternehmen? Wir können gar nichts unternehmen, wer es darauf anlegt, wird das Stück für seine Zwecke nutzen. Das ist auch ein Grund, weshalb wir es nicht mehr so gern spielen im Konzert. Jeder assoziiert etwas damit, das ursprünglich gar nicht gemeint war.
Peter Hein: Nein, natürlich nicht. Das ist eine Abrechnung mit Satelliten, die auf die Erde stürzen, Vulkanen, die ausbrechen, amerikanischen Schauspielern, die es ins Präsidentenamt schaffen.

Die Fehlfarben sind aus der Düsseldorfer Punkszene hervorgegangen. War Punk ein Kontrastprogramm zur viel zitierten Wohlstandskonzentration in der Stadt? Oder konnte die Stilform fußfassen, weil es den Ratinger Hof als Anlaufstelle gab, neben der Kunsthochschule, wo Joseph Boys in der bildenden Kunst die Philosophie der genialen Dilettanten pflegte wie im Punk?
Kurt Dahlke: Die Situation war einfach die, dass Carmen Knoebel und Ingrid Kohlhöfer den Ratinger Hof übernahmen, Sofas und Palmen rausschmissen, Carmens Ehemann, der Maler und Bildhauer Imi Knoebel die Wände weiß strich, Neonlicht an die Decke schraubte und sich davon sowohl Punks als auch Kunststudenten angezogen fühlten. Der Ratinger Hof war ein Melting Pot, aus dem eine Menge entstehen konnte.
Peter Hein: Düsseldorf beschränkt sich auch nicht bloß auf Kaiserswerth und Oberkassel. Dort, wo wir herkamen, war es genau so normal wie in Dortmund, München oder Frankfurt/Main. Auf die Königsallee, die Kö, geht doch keiner.

Zufälligerweise ist eine der ersten ostdeutschen Punkbands ungefähr zur selben Zeit wie die Fehlfarben ebenfalls im Dunstkreis einer Kunsthochschule entstanden, und zwar in Dresden. Zwitschermaschine hieß die Formation um Malerin, Filmemacherin und Autorin Cornelia Schleime sowie Sascha Anderson, später enttarnt als inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit. Wusstet ihr davon?

Peter Hein: Nicht vor 1989, ich hatte keinerlei Verbindung in den Osten. Das betraf vorrangig Leute mit Verwandtschaft. Meine Familie kam von der Mosel beziehungsweise aus Westfahlen.
Kurt Dahlke: Bei mir ergaben sich erste Kontakte in den achtziger Jahren, als wir mit Der Plan in Budapest aufgetreten sind. Damals traf ich auf Ostberliner, die extra wegen des Konzerts angereist waren. Daraus entstanden verschiedene Brieffreundschaften. Ich betrieb mit Moritz Reichelt von Der Plan ein Schallplattenlabel, Atatak. Wir knüpften Kontakte zu Lutz Schramm vom Radiosender DT64. Uns wurde auch erzählt, dass es in Chemnitz eine Band gäbe ähnlich Der Plan. Das war die AG Geige, dorthin entwickelte sich ebenfalls ein reger Austausch. Über die Fehlfarben existiert sogar eine Stasi-Akte. Es sollte ein Album auf Amiga erscheinen. Aber dann wurden die Songtexte unter die Lupe genommen und als zersetzend eingestuft, so dass sich die Schallplatte erledigt hatte.

Der Sänger von Zwitschermaschine, Michael Rom, kam 1991 bei einem Raubüberfall ums Leben. Wolfgang Grossmann, Schlagzeuger der Band, rief das Erinnerungsprojekt Der Schlagzeuger von Zwitschermaschine ins Leben, gemeinsam mit Jörg Schittkowski von unter anderem Machine de Beauvoir aus Dresden. Auf dem bislang einzigen Album von 2021 bist du, Peter, Gastsänger. Wie das?
Peter Hein: Jörg Schittkowski ist 2003 Tourmanager der ersten Ostdeutschlandtour mit den Fehlfarben gewesen. Wenn jemand wie er anfragt, beteilige ich mich gern.

Was bedeutet der Albumtitel eures "?0??"?
Peter Hein: Die Fragezeichen durch Zweien ersetzen, dann erschließt sich das.
Bernd Gürtler SAX 12/23


Fehlfarben
"?0??"
(Tapete; 14.10.22)


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Foto: Neal McQueen
Foto: Fehlfarben
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