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Eine sehr spezielle Ohrwurmqualität: Auch die Songs auf Teenage Fanclubs "Endless Arcade" ergeben mehr als eine charmante Melodienkollektion

Das hört sich weg wie ein lauschiger Frühlingsnachmittag im Stadtpark und dürfte jenem Publikum, das sich mit den Romanfiguren aus Nick Hornbys "High Fidelity" identifizieren, reichlich Gelegenheit zum Fachsimpeln geben. Sind das Referenzen an die Byrds oder Neil Young, an die Beatles oder Kurt Cobains Nirvana? Spätestens seit dem Durchbruchalbum "Bandwagonesque" von 1991 sollten sich die charmanten Ohrwurmrocker der Schottenformation aber noch durch eine ganz andere Eigenart hervortun.

Foto: Donald Milne
Foto: Donald Milne
Foto: Donald Milne

Selten, dass Textzeilen hängenbleiben oder sich gar griffige Gesellschaftskommentare einprägen. Teenage Fanclub lassen ihre Hörerschaft ohne die geringste Frage zurück. Sänger und Hauptsongschreiber Norman Blake hätte sicher auch eine plausible Erklärung für das Phänomen gehabt, leider ist er anlässlich des zum Veröffentlichungstermin von "Endless Arcade" (Pema/Merge) anberaumten Videochats verhindert. Statt seiner übernimmt Bandmitbegründer Raymond McGinley.

Ist es ein Konzept von Teenage Fanclub, eure Hörer ohne jegliches Fragezeichen zurückzulassen?
Das einzige Konzept, das wir als Band haben, ist, dass wir unserer Eingebung folgen. Meistens denken wir über die Schaffensprozesse gar nicht besonders nach. Wir sind in unserer eigenen Kreativblase unterwegs. Das ist etwas, das sich einzig zwischen uns und unseren selbstgesteckten Erwartungen vollzieht.

Oft hinterlassen eure Songs einen ähnlichen Eindruck wie moderne Kunstobjekte in einer Kunstausstellung. Man betrachtet ein Objekt, lässt es auf sich wirken, fragt sich, was der Künstler wohl mitteilen wollte und schlendert ohne unbedingt schlauer geworden zu sein weiter zum nächsten Objekt, wo sich dasselbe wiederholt.
Es schmeichelt uns, dass sich das über uns sagen lässt. Aber es bleibt wirklich vieles dem Zufall überlassen. Gleichzeitig sind wir auf unsere Art sehr ernsthaft bei der Sache. Manchmal wundern wir uns selbst, dass uns das, was wir tun, so wichtig ist. Wir achten sehr auf Details und sind von unserer Arbeit besessen, auf eine positive Art hoffentlich. Gegenüber anderen Kunstformen geben wir der Musik den Vorzug, weil Musik sozusagen in der Luft liegt. Eine geradezu magische Angelegenheit. Musik existiert, du kannst dich in ihr bewegen, in dem Raum bewegen, den sie ausfüllt. Du bist nicht an einen bestimmten Ort gebunden, um Musik zu erleben, abgesehen von Livemusik natürlich. Wir beschäftigen uns intensiv mit unserer Kunst. Manchmal müssen wir uns richtiggehend ins Bewusstsein rufen, dass da überhaupt ein Publikum ist.

Die Idee, eure Songs als moderne Kunstobjekte zu betrachten, rührt nicht unwesentlich daher, dass die Frontcover drei eurer frühen Albumklassiker so was wie Kunstobjekte abbilden. Auf "Bandwagonesque" ist es ein Geldsack, auf "Thirteen" ein Plastikfußball, auf "Grand Prix" ein Rennauto der Formel Eins. Nebeneinandergelegt wirkt das wie eine Aneinanderreihung von Andy Warhols Campbells-Suppendosen, Brillo-Verpackungen und Coca-Cola-Flaschen.
Bei "Bandwagonesque" dachten wir in der Tat an Velvet Underground und deren Debütalbum, das mit der Banane auf dem Cover, entworfen von Andy Warhol. Die rötlich-gelbe Farbgebung war angelehnt an "Never Mind The Bollocks", das Debütalbum der Sex Pistols. "Bandwagonesque" war unser erstes Album für eine Major Company, damals stand uns erstmals ein üppigeres Budget zur Verfügung. Manche dachten, der Geldsack auf dem Cover sei ein Kommentar auf das Musikgeschäft. Uns ging es vielmehr darum, das billigste Albumcover hinzubekommen, das jemals existierte. Wir nutzten generische Clipart von Mikrosoft, wofür wir später verklagt wurden. Der Fußball auf "Thirteen" war einer von der Sorte, wie wir sie aus unserer eigenen Jugend in Glasgow kennen und bezog sich auf die Kunstinstallation "Three Ball Total Equilibrium Tank" von Jeff Koons. Das Rennauto auf "Grand Prix" war ein echter Formel-Eins-Bolide, den wir uns ausliehen. Wir wollten das Unwahrscheinlichste andeuten, das jemals eintreten würde, nämlich dass wir Sponsoren eines Formel-Eins-Rennstalls werden. Was der Gedanke hinter dem Frontcover zu "Endless Arcade" ist, wissen wir leider nicht.

Aber zum Titelsong des Albums könntest du etwas sagen, "Endless Arcade" wurde von dir geschrieben.
Der Song ist völlig offen für Interpretationen und entwickelte sich aus der Refrainzeile "Don't be afraid of this life". Jeder fürchtet sich gelegentlich, das gehört zum Menschsein dazu. Irgendwann ging es dann darum, das, was einem begegnet, zu nehmen wie es ist, ohne Bedauern, ohne Furcht. Der Begriff 'Endless Arcade' fiel mir während des Schreibens ein. Ich habe sonst nichts am Hut mit Arkaden, mit Endlosarkaden schon gar nicht. Ich hatte die beiden Worte nie zuvor in Verbindung gebracht, bis mir die Textzeile "don't be afraid of this endless arcade that is life" einfiel. Selbstredend ist das Leben eine endlose Arkade, obwohl es endlich ist. Aber du kannst dein Leben lieben, ohne tagtäglich daran zu denken, dass du unweigerlich sterben wirst. Lass dich das Leben, seine Zerbrechlichkeit wertschätzen.

Man hört jetzt des Öfteren, dass uns die Coronapandemie verändern wird. Konntest du schon Anzeichen eins Wandels beobachten?
Ich würde sagen, dass wir intensiver über unsere Existenz nachdenken, selbstreflektiver geworden sind. Der Gemeinschaftsgedanke findet wieder mehr Zuspruch.

Eingespielt wurde "Endless Arcade" im Hamburger Clouds Hill Studio. Aus einem bestimmten Grund?
Wir hatten unser Vorgängeralbum "Here" dort abgemischt. Uns gefiel das Studio, uns gefällt Hamburg. Wenn wir außerhalb von Glasgow an einem Album arbeiten, arbeiten wir konzentrierter. Das Studio ist im obersten Stockwerk eines Backsteingebäudes untergebracht, im Stockwerk darunter Künstlerwohnungen. Es ist von dort nicht weit ins Stadtzentrum, um etwas zu essen, zu trinken, sich in Gesellschaft normaler Menschen die Beine zu vertreten. Eine angenehme Umgebung.

Planen Teenage Fanclub, ihren Lebensmittelpunkt nach Hamburg zu verlegen? Verständlich wäre es, durch den Brexit ist es für britische Bands unendlich schwieriger geworden, in Kontinentaleuropa zu touren.
Hamburg wäre eine Option. Aber wir sind um die halbe Welt gereist, Grenzabwicklungen sind uns vertraut. Irgendeine Lösung wird sich finden.

Ist Teenage Fanclub eigentlich noch ein passender Name für eine Band, die sich 1989 gegründet hat?
Ohne 'Teenage' wäre uns wohler. Aber als wir uns den Bandnamen zulegten, ahnte keiner, dass wir dreißig Jahre später noch aktiv sind.
Bernd Gürtler SAX 6/21

Video/Audio
"Endless Arcade"
"Home"
"Everything Is Falling Apart"
 

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