|   Rezension

Vanishing Twin

Ookii Gekkou

(Fire)

Ein Album, das der Coronamisere entspringt. Reichliche anderthalb Jahre reines Wunschdenken. Auf entsprechende Nachfrage bei den Künstlern lautete die obligatorische Antwort, ach was, die Songs sind geschrieben gewesen, bevor die meisten von uns wussten, was Corona überhaupt ist. Diesmal liegt der Fall anders, diesmal gibt es ein wahrhaftiges Coronaalbum zu vermelden. "Ookii Gekkou" ging aus einer Lockdownklausur von Cathy Lucas und Phil M.F.U. hervor. Die Sängerin, auch Gründerin der Vanishing Twin und ihr Bandkollege verknüpfen den einen Ausnahmezustand mit einem anderen.

"Ookii Gekkou" kommt aus dem Japanischen und bezeichnet den Vollmond, eine turnusmäßige Planetenkonstellation, die angeblich den Werwolf in uns weckt, die Schlafwandler aus ihren Betten holt und begünstigend bei der Behandlung von Warzen wirken soll. Wegen der pandemiebedingten Kalamitäten, vergleichbar die Situation mit Corona. Home Office, Home Schooling und Social Distancing, auch das hat die Menschen irgendwie seltsam werden lassen, fanden Vanishing Twin. Sie selbst nicht ausgenommen. Mit seinem Glöckchengebimmel und lustigen Elektronikgegurgel könnte der Titelsong zu "Ookii Gekkou" fast als Easy Listening durchgehen, würde laut Presseinfo des Schallplattenlabels nicht eine "chaotic story of rock torn away from earth's outer layer" erzählt. "Phase One Million" bedient sich ungeniert bei Afrofunk und Glitzerdisco, während das krautrockige "Zuum" orientalische Elemente einfließen lässt.

Mit Sun Ras Außerirdischenbonus und Holger Czukays Entdeckerneugier, entfalten Vanishing Twin den musikalischen Kosmos eines Digitallabors, das sich des Nachts selbständig macht und heimlich sinfonische Miniaturen komponiert. Kritikerkollegen fühlten sich auch an den avantgardistischen Surrealismus von Dichtern wie Andre Breton oder Filmemachern wie Luis Bunuel erinnert.
BG/TM

Video/Audio
"Big Moonlight (Ookii Gekkou)"
"Phase One Million"

 

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