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Aufbau Ost: Rundling Records im Sächsischen Schönfeld

Der Firmensitz befindet sich in einem ehemaligen Bauernhof an der Bundesstraße zwischen Großenhain und Thiendorf, bewacht von einem Labrador, der auf den Namen Rumo hört. Und das Schallplattenlabel eine Initiative aus Zeiten, als der Westen mit Macht in den Osten drängte und Ostdeutsche nach wie vor zuhauf ihr Glück im Westen suchten. Neben Amöbenklang, Halb 7 und Peking Records, war Stephan Rendke unter den ersten, die sich besinnen und dem ostdeutschen Punkrock verschreiben wollten. Mit Schwerpunkt Sachsen, genauer Dresden, verrät der vorläufige Gesamtkatalog von Rundling Records zweifelsfrei.

Foto: Rundling
Foto: Rundling

Warum wolltest du ein Schallplattenlabel gründen?
Ende der achtziger Jahre begeisterte ich mich für Die Toten Hosen, Die Ärzte, fand darüber zum Undergroundpunk, der auch in der DDR und sogar in Dresden Fuß fassen konnte, siehe Kaltfront oder Freunde der italienischen Oper. Ich gründete eine eigene Band, die Bottles. Nach der Wende kamen wir zuerst bei Westlabels unter. Für uns eine Ehre, zum Beispiel bei Höhnie Records erscheinen zu dürfen. Aber wahrscheinlich sind wir nie der große Umsatzbringer gewesen, nach der ersten Single jedenfalls hieß es immer, hat Spaß gemacht mit euch, aber noch eine Platte machen wir nicht. Irgendwann hatten wir wieder eine Single fertig und erhielten eine Ablehnung nach der andern. Lustigerweise meldete sich drei Wochen, nachdem ich unser Material ans Presswerk geschickt hatte, doch ein Label. Aber ich sagte, nein danke, das mache ich jetzt selbst.

Dein Hauptinteresse galt und gilt dem Punk, keiner Stilgattung sonst?
Reggae und Ska kamen dazu, verschiedene andere Undergroundspielweisen. Aber Schwerpunkt war immer Punkrock.

Nach der Wende änderte sich das nicht? Immerhin stand über Nacht eine weitaus umfangreichere Auswahl zu Verfügung!
Eben weil es plötzlich alles gab, konzentrierte ich mich auf Punkrock und vorrangig Ostpunk. Ich erinnere mich an ein Nachwendekonzert der Skeptiker in der Sekte in Radebeul. Im Publikum eine eigenartige, gute Stimmung. Man spürte einen Zusammenhalt. Ich identifizierte mich über ostdeutschen Punk.

Aber du würdest dich nicht als DDR-Nostalgiker bezeichnen?!
Überhaupt nicht!

Die meisten Veröffentlichungen auf Rundling Records betreffen logischerweise die Bottles, aber dann zu einem Großteil Kaltfront und Nebenprojekte der Band. Wie kommt das?
Das Zentralohrgan, der Schallplattenladen in der Dresdner Neustadt, war für mich ein wichtiger Anlaufpunkt. Wegen der Audiokassetten von Dresdner Undergroundbands, die es dort zu kaufen gab. Die "Early Tapes" von Kaltfront zum Beispiel. Das klang zwar noch sehr nach DDR, aber ich fand die Musik ähnlich gut wie von englischen Bands, und die Songtexte waren klasse gemacht. Nichts Aufgesetztes, eher zurückgenommen, etwas mürrisch, wie die Band selbst. Ich bin richtig Fan geworden.

Welche Kaltfront-Songs begeistern dich am meisten?
"This Is A Happy Generation" finde ich herausragend. Nicht sofort greifbar der Songtext, aber von einer gewissen Wortstärke. Oder "Von hier bis zur Ewigkeit", das etwas Cowboyhaftes hat. Sehr gut auch "Totentanz", wo es um Disco geht. Das kann sich wahrscheinlich kaum noch jemand vorstellen, wie es damals in Discotheken zugegangen ist. Den Song habe ich manchmal Freunden im Auto vorgespielt, wenn wir zur Disco gefahren sind.

Die Radio City Rockers, auf Rundling Records mit zwei Alben vertreten, sind ein Gemeinschaftsprojekt von Bottles und Kaltfront gewesen, mit Anleihen bei Ska und Reggae.
Richtig, leider fehlte Kaltfront die Zeit für eine Fortsetzung.

Die Splitsingle der Bottles mit Pöbel & Gesocks ist eine der wenigen Veröffentlichungen auf Rundling Records mit Westpunk.
Stimmt, der Sänger von Pöbel & Gesocks, Willi Wucher, ist aus Duisburg. Vor Pöbel & Gesocks hatte er die Becks Pistols, wegen namensrechtlicher Einwände der Bierfirma mussten sie sich umbenennen. Als es mit den Bottles schon zu Ende ging, schrieben wir einen letzten Song, "Das Kollegium", und fragten, ob er den einsingen will. Er hat sofort zugesagt.

Aus dem Dunstkreis von Freunde der italienischen Oper kommt Rummelsnuff, der ebenfalls eine Single auf Rundling veröffentlicht hat.
Zu ihm gibt es auch die Verbindung, dass er aus Großenhain kommt und er sich in denselben Kreisen bewegte wie ich. Für ein Fanzine hatte ich mit ihm ein Interview über seine Großenhainer Zeit geführt. Es war schwierig mit seinem Label, aber es ging um eine Single, und Singles sind für größere Firmen uninteressant.

2007 erschien ein Album von Paranoia, dem Vorläufer zu Kaltfront.
Das war anlässlich der DDR-Punkausstellung im Dresdner Stadtmuseum. Unsere bestverkaufte Scheibe!

Wie kam es zur Albumveröffentlichung des Michael-Rom-Gedächtnisprojekts Der Schlagzeuger von Zwitschermaschine?
Das lief über Jörg Schittkowski, der ursprünglich auch Großenhainer ist und in seinem Studio in Meißen in der Hafenstraße auch mal meine Band produziert hat. Er schickte mir Demos, noch ohne dem Gesang von Fehlfarbensänger Peter Hein. Sehr interessantes Projekt!

Ein Kommentar zum neuen Kaltfront-Album "Spiegel"?
Richtig gut geworden, kann ich nur empfehlen!

Und du veröffentlichst meistenteils auf Vinyl?
Ja, auf CD nur, wenn die Bands unbedingt wollen. Seit neuestem sind wir mit Rundling auch auf Spotify vertreten.
Bernd Gürtler SAX 10/21

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