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Plattitüden wollen wir vermeiden: Die dritte, reguläre Studioscheibe der Dresdner Punkpioniere Kaltfront heißt "Spiegel"

Genaugenommen sind Kaltfront nie weggewesen, höchstens zeitweise getrennte Wege gegangen, mit Ray & The Rockets oder C4Space unter anderem. Auch nach der Reunion von 2005 war kein Mangel an Präsenz. Konzerte wurden gegeben, Archivmaterial veröffentlicht und alle Jahre wieder zu Weihnachten für Festivitätenmuffel aufgespielt. Recht lang nur eben die Pausen zwischen den Studioalben, so dass bei "Spiegel" doch der Eindruck einer Rückkehr entsteht. Beim Interviewtermin vertreten die Band durch Sänger Tom Wittig und Willi Löffler, den Gitarristen und Sohn von Bandgründer Jörg Löffler.

Foto: Marios Karapanos
Foto: Marios Karapanos

Rock sei tot und Punkrock sowieso Schnee von gestern, verlautet immer mal wieder aus bestimmten Debattierzirkeln. Wer sich auf euch einlässt, dürfte einen ganz anderen Eindruck gewinnen. Das neue Album wirkt kraftvoll, frisch und inspiriert!
Willi Löffler
: Wir arbeiten schon sehr lange an dem Album. Da hat man sich im Prozess der Produktion und des Reinspielens irgendwann schon ein bisschen totgehört. Aber nachdem jetzt die ersten externen Meinungen eintrudeln, ist das total schön. Kraftvoll, frisch und inspiriert, das ist ein Feedback, das ich annehmen kann.
Tom Wittig: Finde ich auch, wir können das jetzt genießen. Der Produktionsprozess war langwierig, aber wenn ich mir das Album mit einem gewissen Abstand anhöre, finde ich es sehr gelungen.

Das klassische Bandmodell aus drei, vier Freunden, die gemeinsam Musik machen, hat sich demnach für euch noch nicht erledigt?!
Tom Wittig: Drei, vier Freunde, die gemeinsam Musik machen wollen, wird es immer geben. Egal ob im Elektronikbereich, im Pop, im Rock. Ich glaube, wenn man für sich allein Musik macht, fehlt einem die Rückkopplung, das gegenseitige Hochschaukeln, diese Energie.
Willi Löffler: Auf jeden Fall, Energie entsteht durch Reibung. Wenn ich überlege, wie oft wir uns im Probenraum gezofft haben, weil manche mit manchen Songs nicht zufrieden waren. Aber das ist wichtig, wenn eine Band sich weiterentwickeln und nicht bloß alte Kamellen aufwärmen will. Ob sich anderes besser verkauft, ist mir egal.

Die Alternative zum Bandmodell wären Laptops mit Computerprogrammen wie Garage Band, wo es gar nicht mehr erforderlich ist, tatsächlich Gitarre spielen zu können; sämtliche Instrumente lassen sich dort über Touchscreen bewältigen, einschließlich Gitarre. Dabei entstehen manchmal auch gute Sachen, aber das gewisse Etwas fehlt, die Ergebnisse wirken mitunter viel zu perfekt.
Willi Löffler: Perfektion ist nicht das, was wir anstreben. Der amerikanische Schallplattenproduzent und Tontechniker Rick Beato sagt in einem seiner YouTube-Tutorials, dass gerade das Unperfekte das Interessante ist. Wir sind keine gelernten Musiker, an unseren Songs arbeiten wir manchmal Jahre, und im Studio kommt dann immer noch der eine oder andere Geistesblitz, geht der eine oder andere Ton daneben. Das Unperfekte macht es für uns reizvoll.

Ähnlich den Vorgängeralben "Zwischen allen Stühlen" und "Wenn es dunkel wird" von 2011/17, scheint "Spiegel" wieder ein Schritt weg von den ursprünglichen Wurzeln im Punkrock, wie es seit der Reunion erklärtes Ziel von Kaltfront ist.
Tom Wittig: Es ist richtig, wir kommen vom Punk, sind vom Denken her sicherlich noch immer Punks. Aber man wird älter, entwickelt sich weiter, neue Einflüsse kommen dazu. Wir teilen uns einen Probenraum mit einer Shoegaze-Band, der hören wir manchmal zu. Ich habe mit C4Space Elektropop gemacht. Vielleicht wäre Postpunk die bessere Bezeichnung.
Willi Löffler: Dem stimme ich zu, und ich hoffe, keine Band geht ins Studio und sagt, jetzt machen wir eine Punkplatte, als nächstes eine Skaplatte. Wir wollten eine Kaltfrontplatte machen. Das war uns wichtiger als eine korrekte Einordnung. Obwohl wir wissen, dass wir uns einordnen lassen müssen, wenn wir unser Album unter die Leute bringen wollen.

Die Songtexte sind bei Kaltfront anspruchsvoller als bei der Konkurrenz, auch jetzt wieder.
Willi Löffler: Wenn es zwischen den Zeilen spannend wird, haben wir etwas richtig gemacht. Nichts dagegen einzuwenden, wenn jemand politische Botschaften transportiert. Unsere Hörer sollen sich ihren Teil selbständig dazu denken können. Plattitüden wollen wir vermeiden.

Sind die Songtexte jeweils eine kollektive Gemeinschaftsarbeit?
Willi Löffler: Vieles stammt von Jörg, vieles von Tom, zwei Lieder sind komplett von mir geschrieben. Aber es gibt immer eine Arbeitsversion, die ihren Feinschliff bei den gemeinsamen Proben erhält.

Der Titelsong zum Album heißt "Spiegel", weil sich das Album als Spiegelbild der aktuellen, gesellschaftlichen Verhältnisse versteht?
Willi Löffler: "Spiegel" ist einer der beiden Songs, die von mir sind. Und die Idee war, dass jeder in den Spiegel schauen können sollte. Es ist ein wütender Song mit einem sehr persönlichen Hintergrund, den ich nicht preisgeben möchte. Aber das Spiegelmotiv will darauf hinaus, dass das eigene Handeln das einzig ist, das man beeinflussen kann. Es geht um Fragen, die man sich stellen muss.

Um das Albumanliegen zu illustrieren, könntet ihr das Frontcover als Spiegel gestalten, wie seinerzeit bei Uriah Heep und deren "Look At Yourself".
Willi Löffler: Daran hatten wir gedacht, die Platte würde dann aber sechzig Euro kosten. Wer kauft das noch? Wir versuchen, das Thema auf andere Weise umzusetzen. Die Hörer werden uns wissen lassen, ob das gelungen ist.

Die ersten drei Songs, "Ein schlechter Film", "Spiegel" sowie "Treibsand", wirken introspektiv, wie Gedanken, die sich im Kopf des Sängers abspielen. Der Gesang ist dort mehr in die Musik hinein gemischt. "Was glaubst du", Song Nummer vier, der von Querdenkern und Coronaleugnern handelt, wendet sich direkt an die Hörer. Dort ist jedes Wort verständlich, der Gesang springt einen geradezu an.
Willi Löffler: Prinzipiell wollen wir, dass die Hörer bei jedem Song mitkriegen, worum es geht. Immerhin haben wir uns bei unseren Songtexten etwas gedacht. Aber manchmal muss man in sich gehen, manchmal soll es einen anspringen. "Was glaubst du", ist für Kaltfront ziemlich eindeutig.

Zu "Spiegel" und "Zurück in dein Grab" sind Videoclips entstanden.
Willi Löffler: Wir hatten in der Vergangenheit zwei Videos produziert, mit Reiko Fitzke von rficture und Enrico Damme von edammer. Keine Band kann sich noch aufs Musikmachen beschränken, sondern muss ihre Musik visualisieren, um auf YouTube präsent zu sein. Aber es macht auch einen Höllenspaß, Videos zu drehen. Da wir Lockdown hatten, lange nicht proben konnten, an Auftritte nicht zu denken war, überlegten wir, was wir tun könnten, außer am Album zu arbeiten, damit Kaltfront im Gespräch bleiben. Zum Videodreh zum Titelsong "Spiegel" bauten wir bei uns im Probenraum Spiegel auf, um eine Atmosphäre zu schaffen. Wir hatten gar keinen großartigen Plan, ein guter Freund von mir hat gefilmt. Geschnitten wurde das Video von uns selbst. In der Vergangenheit erledigten Experten das Schneiden für uns. Jetzt, da Zeit war, konnten wir alles selber machen. Durch die Videos wird es vielleicht spannender für Leute, die uns noch nicht so gut kennen. Bei "Zurück in dein Grab" verarbeiten wir einen alten amerikanischen Schwarzweißfilm, "Carnival Of Souls" von 1962. Ein sogenannter gemeinfreier Film, auf dem kein Copyright liegt. Wer den amerikanischen Horrorfilmkitsch der Sechziger mag, ist dort genau richtig. Eine irre Ästhetik. Mir schien, dass das zu Kaltfront passt.

Die Kombination aus Song und Horrorfilmschnipseln bedeutet, dass Gedankengut bestimmter übelster Sorte am besten beerdigt bleibt?!
Tom Wittig: Das ist auch wieder ein gesellschaftskritischer Song, richtig.

Kaltfront sind inzwischen zu zwei Vierteln eine Familienband. Wie fühlt es sich an, Willi, zusammen mit seinem Vater auf der Bühne, im Studio zu stehen?
Willi Löffler: Das Verhältnis zu meinen Eltern war immer gut. Ich musste nicht erst Überzeugungsarbeit leisten, dass mir ein Instrument gekauft wird. Bei uns zu Hause standen die Instrumente rum. Ich bin mit auf Konzerten gewesen, hatte mit Tokamak, Follow Through und Tape That eigene Bands. Von daher war es nie ein Problem, dass ich bei Kaltfront eingestiegen bin.
Tom Wittig: Als es darum ging, dass wir einen neuen Gitarristen brauchen, meinte ich auch, dass das mit Willi passt. Durch ihn sind neue Impulse in die Band gekommen.

Du, Tom, bist 1987, ein Jahr nach Bandgründung Kaltfront beigetreten und eigentlich auch schon Familie?!
Tom Wittig: Sowas wie der dritte Sohn, könnte man sagen.

Euren Schlagzeuger sollten wir noch vorstellen, Steffen Thiede.
Willi Löffler: Nachdem Micha Schröter 2015 Kaltfront verlassen hatte, kam für zwei Jahre Olli Kunze, ein wahrer Schlagzeuggott. Leider ging er nach Berlin, aber empfahl uns Steffen Thiede, der ebenfalls supergut ist.
Tom Wittig: Und inzwischen auch Teil der Familie wurde.

Wie wichtig ist euer Schallplattenlabel Rundling Records für euch?
Willi Löffler: Sehr wichtig, gerade wenn es darum geht, ein neues Album nach vorn zu bringen. Stephan Rendke erledigt für uns Dinge, die wir nebenher nur mit einem tierischen Aufwand bewältigen könnten. Er hat die Erfahrung, die Kontakte, die Energie. Er ist eine unglaubliche Unterstützung.
Tom Wittig: Wir können mit ihm Klartext reden, er redet mit uns Klartext. Er ist eher ein Freund, kein Plattenlabelboss, der sich hauptsächlich um Geldvermehrung sorgt.
Bernd Gürtler SAX 10/21

Video/Audio
"Ein schlechter Film"
"Spiegel"
"L.W.E.K."
"Zurück in dein Grab"
 

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