|   Rezension

Zoh Amba

Eyes Full

(Matador/Beggars)

Um ihren Platz im Leben musste Zoh Amba kämpfen, Saxophon und Free Jazz eröffnen einen Weg dorthin. Zwecks verbaler Bewältigung ihrer Vorgeschichte greift die mittzwanzigjährige Amerikanerin zur Gitarre und schreibt Songs. "Eyes Full" ist ein Rockalbum, aber was für eins!

Immobilienmakler der Region würden Kingsport im US-Bundesstaat Tennessee empfehlen, falls jemand ein gepflegtes Wohndomizil für sich und seine Familie sucht. Der nordwestliche Eckpunkt des Dreiangels mit Johnson City und Bristol gilt als Modellstadt, weil zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts nach modernsten städtebaulichen Konzepten komplett neu aus dem Boden gestampft. Zoh Amba ist in Kingsport geboren und aufgewachsen, als Tochter einer alleinerziehenden Mutter weiß sie um die Kehrseiten hinter der gutbürgerlichen Fassade. Dank der Mitgliedschaft im Jazzensemble ihrer High School bekommt sie ein Saxophon an die Hand. Später wird sie dem Videokanal von Sound Of Saving verraten, das Erlernen des Instruments sei mit der Hoffnung auf eine passable Fluchtmöglichkeit aus ihrer Lebensrealität einhergegangen. Stattdessen offenbart sich ihr "a door into the great universe of beauty".

Mit siebzehn geht Zoh Amba nach Kalifornien, studiert am San Francisco Conservatory, wechselt von dort ans New England Conservatory in Boston, wo sich David Murray ihrer annimmt, dessen Verehrung für den Jazzgiganten Albert Ayler ein offenes Geheimnis ist. Nicht lange, dass Zoh Amba Anschluss an die Avantgardistenszene New Yorks findet, mit Joey Baron und Scott Hull, Steve Gunn, Shahzad Ismaily und Sonic Youths Lee Ranaldo jammt; ihr reguläres Debütalbum "O, Sun" erscheint auf John Zorns Schallplattenlabel Tzadik. Kritiker attestieren ihrem Saxophonspiel eine spirituelle Qualität, die für jedermann offensichtlich wird, nachdem das nächste Album "Bhakti" schon im Albumtitel ein klares Bekenntnis zum Buddhismus ablegt.

Und jetzt eben "Eyes Full". Der Free Jazz verrät sich höchstens noch durch mancherlei Instrumentaldissonanz des Begleitduos aus Kevin Hyland und Jim White an Gitarre und Schlagzeug. Oder in Zoh Ambas Gesang, der als Versuch gelten kann, Albert Aylers freie Saxophonimprovisation auf die Stimme zu übertragen. Währenddessen die Songtexte eine Auseinandersetzung mit ihrer Kindheit und Jugend im Süden der Vereinigten Staaten von Amerika führen. Das Presseinfo des Schallplattenlabels zitiert Zoh Amba mit den Worten, sie habe jene "people who really need to be seen and heard" in den Fokus gerückt, sprich Menschen wie ihre eigene Familie aus den unteren Bevölkerungsschichten, die den Laden am Laufen halten und trotzdem zusehen müssen, wie sie am Monatsende um die Runden kommen. "OCD" handelt von einem Kind, das medikamentenabhängig wird, "Weed Eating" von einem "weed-eating man who plays hide-and-seek with God".

Der Song, der ihr am meisten am Herzen liegt, ist "Southern Soil". Dort klargestellt, dass Verschweigen, wie ihr als Südstaatenspross beigebracht, keine Option mehr ist; "you don’t have to keep a secret" lautet eine Schlüsselzeile. Free Jazz sei vorrangig als Liveerlebnis geeignet und weniger ein Tonträgerphänomen für die bequeme Couch vor dem Heimstereo, heißt es. Bei "Eyes Full" gilt, dass keine noch so wortreiche Erklärung das Anhören ersetzen kann. Das Album ist eine ziemliche Sensation!
Bernd Gürtler/TM 


Zoh Amba
"Eyes Full"
(Matador/Beggars; 5.6.26)


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Foto: Eleonore Hendricks

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