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Free Orbit: Udo Lindenberg noch auf der Suche nach sich selbst

Der kleine Junge, der sein Sparschwein knackt, um das Hungern in der Welt zu lindern, absolviert ein ordentliches Stück Wegstrecke, bevor er dem Mädchen aus Ostberlin begegnet und im Sonderzug nach Pankow braust. Free Orbit sind eine von mehreren Stationen gewesen. Das einzige Album der Jazzrocker erlebt seine nächste Wiederveröffentlichung.

"Free Jazz Goes Underground" heißt die Scheibe und enthält weniger freie Jazzspielweisen als vielmehr Jazzrock im Stil amerikanischer Vorreiter wie Chicago oder Blood Sweat & Tears. Der verhuschte Sitareinwurf in "You Got It" und die Songtexte zu "Never Felt So Free", "What Color Has The Soul", "Keep On Dreaming", "All My Love Girl" oder "World Of Illusion" verweisen zielstrebig auf den Entstehungszeitraum. Es sind die späten sechziger Jahre, geprägt vom unbändigen Überschwang der Hippiekultur. "Als hätte jemand die Fenster der Welt weit aufgerissen und den Wind der radikalen Veränderung reingelassen. Eine Revolte, die um den gesamten Erdball ging und Herzen und Träume einer ganzen Generation erobert hat", schwärmt Udo Lindenberg im Booklettext und bedauert zugleich, "viele von den Youngsters von heute wissen gar nichts mehr von dieser unglaublich coolen Flower-Power-Zeit".

Wer die vinyle Erstausgabe von "Free Jazz Goes Underground" aus dem Jahr 1970 auf MPS Records besitzen sollte, darf sich über eine solide Geldanlage freuen. Exemplare im Bestzustand wechseln für einige hundert Euro den Besitzer. Normalsterbliche werden an eine Ära erinnert, die vielleicht wirklich von spürbarer Zuversicht geprägt war. Oder nehmen "Free Jazz Goes Underground" als das, was es vornehmlich ist, nämlich ein beredtes Zeugnis jenes Udo Lindenberg, der sich noch auf der Suche nach sich selbst befindet, zwischen seiner Tingeltangeltour als erst Siebzehnjähriger durch Nordafrika, seiner Stippvisite bei Gunter Hampel in Düsseldorf, seiner Mitgliedschaft bei der Beatcombo Die Mustangs, seinem Intermezzo bei den City Preachers und Nachfolgestationen, als da gewesen wären Kravetz, Emergency, die kurzlebige Afrobeatformation Niagara und Klaus Doldingers Passport.

Mehr und mehr drängt Udo Lindenberg ins Rampenlicht, beschränkt sich nicht mehr bloß auf seine Rolle des Schlagzeugers, sondern singt und verfasst Songtexte. 1971 erscheint sein erstes Soloalbum "Lindenberg", noch in englischer Sprache. Bei "Daumen im Wind" und erst recht "Alles klar auf der Andrea Doria" tritt 1972/73 schließlich der Udo Lindenberg in Erscheinung, der angloamerikanische Rockeinflüsse und deutschen Alltagsslang verbindet wie kaum jemand sonst.
Bernd Gürtler/TM


Free Orbit
"Jazz Goes Underground"
(MPS; 30.5.25)


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Foto: Tine Acke

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