|   Rezension

A.R. & Machines

71/17 Another Green Journey - Live At Elbphilharmonie Hamburg

(Tangram/BMG)

Wie eine stolze Viermastbark ragt die Elbphilharmonie von der Spitze des Großen Grasbrooks Richtung Nordsee in den Hamburger Hafen hinein. Der unternehmungslustige Kapitän an Deck war Achim Reichel bereits, als das prestigeträchtige Konzerthaus noch nicht ansatzweise zur Debatte stand, aber jenes Album erschien, das ebendort sechsundvierzig Jahre später eine zeitgenössische Bühnenadaption erleben sollte. Die Rede ist von "Die grüne Reise", dem Debütalbum der Projektformation A.R. & Machines.

Ein Bedienungsfehler beim Einspielen eines Gitarrenmotivs lässt Achim Reichel an seiner soeben angeschafften Spulentonbandmaschine vom Typ Akai X-330D einen seltsamen Vervielfältigungseffekt entdecken. Wie durch Zauberhand werden aus einer Gitarre viele Gitarren!

Nach einem Soloauftritt im Vorprogramm des irischen Bluesrockers Rory Gallagher in der Hamburger Markthalle, erscheint 1971 "Die grüne Reise", dort die Ursprungsidee um den Kollegen Tonbandmaschine herum vertieft und ausgebaut unter Studiobedingungen mit Unterstützung befreundeter Musiker.

Ohne jeden Zweifel bahnbrechend die Scheibe und doch viel zu lange ein Geheimtipp, vorrangig weitergegeben in den gewöhnlich gut informierten Hörerkreisen. Schlussendlich musste Achim Reichel selbst eine angemessene Würdigung besorgen. Das 2017 veröffentlichte CD-Boxset "The Art Of German Psychedelic 1971-1974" vereint "Die grüne Reise" mit den fünf Nachfolgealben von A.R. & Machines sowie Archivfundsachen.

Die CD "Transformation Remixes 96" enthält mit Hilfe einer damals neuartigen, digitalen Musiksoftware weiterverarbeitete Gitarrenmotive im Stil der Elektronikmusiker und DJs, die sich mit ihrer Loop/Sampling-Technik unter anderem auf Achim Reichel berufen. "14 Pieces Of Guitar And Echo Chamber The Pure Stuff" wurde mit unverarbeiteten Gitarrenmotiven bestückt, "Virtual Journey DJ Aspects" mit nochmals aktualisierten Weiterverarbeitungen. Und das Material dieser drei CDs bildet den Grundstock für die zeitgenössische Bühnenadaption in der Hamburger Elbphilharmonie. Laut dem Konzertmitschnitt "71/17 Another Green Journey" kommt "Die grüne Reise" lediglich mit einem markanten, auf dem Originalalbum regelmäßig wiederkehrenden Gitarrenmotiv im Titelstück vor.

Den Konzertkritiken zufolge war die Liveaufführung ein Riesenerfolg. Beim Tonträger wäre manchem wahrscheinlich etwas weniger geloopte/gesampelte Elektrobeats lieber gewesen. Aber wie schreibt Achim Reichel im opulenten Begleitbooklet zu "The Art Of German Psychedelic 1971-1974"? Gerade die Elektronikmusik/DJ-Kultur hätte seiner "alten Leidenschaft neue Ufer auszuloten (…) frischen Wind in die Segel" gepustet. "71/17 Another Green Journey" verbindet die Vergangenheit mit der Zukunft. Ein unternehmungslustiger Kapitän auf dem eigenen Schiff zu bleiben, ist spannender als bei einem Jurorenjob in irgendeiner Castingshow zu versauern. Was wohl als nächstes kommen wird?
BG/TM

Video/Audio
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