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Wayne Graham: Mit leichtem Herzen

Den Vormittag bei den Neuen Meistern der Staatlichen Kunstsammlungen verbracht, zum Lunch anschließend ins schönste Molkereifachgeschäft der Welt, gegen Abend ein Interviewtermin am Rande der Dresdner Neustadt. Kenny und Hayden Miles sitzen um den Esstisch eines geräumigen Wohnzimmers mit gemütlicher Erkernische und schwärmen von ihrem Stadtausflug. Ein ums andere Mal wird deutlich, wie sehr sich das Brüdergespann aus Whitesburg, Kentucky der sächsischen Residenzmetropole verbunden fühlt. Kein Zufall so gesehen, dass mit "Ish" das nunmehr vierte reguläre Studioalbum ihrer Formation Wayne Graham bei K&F Records in Dresden erscheint.

Foto: Case Mahan
Bild: K&F Records
Foto: Case Mahan
Foto: Case Mahan
Foto: Case Mahan

Welche Bilder der Gemäldesammlung Neue Meister fandet ihr am beeindruckendsten?
Hayden Miles
: Wolfgang Mattheuers "Der übermütige Sisyphos und die seinen", wo eine Menschenmenge den Kopf einer Statue einen Hang hinunter rollt.
Kenny Miles: Unglaublich auch "Die Flucht des Sisyphos", ebenfalls von Wolfgang Mattheuer. Oder Werner Tübkes "Sizilianischer Großgrundbesitzer mit Marionetten". Oder Ernst Ferdinand Oehmes "Prozession im Nebel". Wie dort Nebel gemalt ist! Keine leichte Übung!

Ihr malt selbst?
Kenny Miles: Ich fing während der Coronapandemie damit an, nachdem ich auf Willem de Kooning gestoßen war. Mich begeistert, wie er dieselbe Leinwand immer wieder übermalt. Eine heilsame Prozedur, eine Farbschicht nach der nächsten aufzutragen, während wir wegen Corona zu Hause festsaßen. Aber der Künstler von uns beiden ist eigentlich Hayden, er zeichnet Comics.
Hayden Miles: Stimmt, ich vertreibe mir gern die Zeit mit Stift und Papier. Sehr entspannend!

Liefern euch die eigene Malpraxis oder Gemälde berühmter Maler mitunter Anregungen zu euren Songs?
Hayden Miles: Das kommt vor.

An welcher Stelle des neuen Albums?
Kenny Miles: Es lassen sich verschiedene Bezüge herstellen, aber über weite Strecken erinnert mich "Ish" an "Der Garten der Lüste" von Hieronymus Bosch. "The Fall" zum Beispiel, dort entworfen eine Szenerie aus Chaos und Hedonismus, den Vorboten eines schlimmen Endes. Oder Neubeginns, je nachdem.
Hayden Miles: In meiner Vorstellung erinnert das Album an Gemälde der Renaissance, besonders religiöse Bilder von damals.

Ungefähr genauso eröffnet das Album. "How Was Your Night?", der erste Song, schildert einen bösen Albtraum. Einen bestimmten Albtraum?
Hayden Miles: Nein, beim Schreiben hörte ich ausgiebig Warren Zevon, hauptsächlich sein Album "Excitable Boy". Er lässt sich dort über Dinge aus, die bis dahin selten in Songs verarbeitet wurden und nutzt eine ziemlich eindeutige, derbe Sprache. "How Was Your Night?" war der Versuch einen Song hinzubekommen, den Warren Zevon vielleicht hätte singen wollen.

Der Veröffentlichungstermin von "Ish" fällt zufällig in die Zeit der Midterm Elections zu Hause in den USA. Wenn es dumm läuft, gewinnen die Republikaner die Mehrheit in Senat und Repräsentantenhaus, unter den Abgeordneten dann zahlreiche Gefolgsleute von Donald Trump. Auch ein Albtraum oder?
Kenny Miles: Die Demokraten schlagen sich besser als erwartet, was ich begrüße. Deprimierend ist, dass in der Zwischenzeit zu viele von den Falschen in Amt und Würden gekommen sind. Auch dass die Leute mehr der Angst als der Liebe vertrauen. Ein Kandidat in Kentucky, Charles Booker, gehört zu den inspirierendsten Politikerpersönlichkeiten, die mir in meinem Erwachsenenleben begegnet sind. Aber er verlor gegen Rand Paul, teils deshalb, weil seine Partei, die Demokraten, ihn nicht finanziell unterstützten. Man kann kaum die Republikaner für sein Abschneiden verantwortlich machen. Die Demokraten haben einen Kandidaten hängenlassen, der auf Zustimmung sowohl im ländlichen Raum als auch in den Städten stieß. Er war jemand, der Menschen zusammenbringen konnte. Dahinter steht ein Problem, zu groß, als dass ich der Angelegenheit mehr Aufmerksamkeit schenke als notwendig. Ich treffe meine eigene Entscheidung. Ich wähle den Kandidaten, der meiner Meinung nach das Amt verdient.

Im Albumcover von "Ish" abgedruckt ein kurzer Text, den Lars Hiller von K&F Records beigesteuert hat. Auch das die Schilderung eines Traums.
Kenny Miles: Nachdem wir Lars das fertige Album geschickt hatten, schickte er uns diesen Text. Wir dachten, es muss einen Grund geben, weshalb er das geträumt hat. Wenn es keinen Grund gibt, ist es eine hübsche Ergänzung zum Album.

Lars erwähnt in seinem Traumtext, er sei eurem Vater begegnet. Sind sich die beiden tatsächlich irgendwann begegnet?
Kenny Miles: Nein
Hayden Miles: Bisher nicht.

Erinnert ihr euch an eure erste Begegnung mit Lars am Rande eines Auftritts seiner Band The Gentle Lurch in den USA?
Hayden Miles: Das war in einer Bar in Nashville, Tennessee. Wir sind zu dritt dort gewesen, Kenny, seine Frau und ich, drei Besucher von insgesamt acht. The Gentle Lurch standen draußen vor der Tür, rauchten, redeten, lachten. Am nächsten Abend hatten wir einen gemeinsamen Auftritt in Louisville. Wir stellten uns vor. Tags darauf teilten wir uns die Bühne, und das war der Beginn einer wundervollen Zusammenarbeit.

Eure Partnerschaft mit K&F Records beruht auf einer Freundschaft, richtig?
Kenny Miles: Scheint mir auch so. Das heißt, ich kann nicht für sie sprechen, weiß nicht, ob sie uns als Freunde betrachten. Wir betrachten sie auf jeden Fall als Freunde. Vergangenes Wochenende beim The Sound Of Bronkow Music Festival sind wir als Gäste von The Green Apple See aufgetreten. Wir begegneten so vielen Menschen, die wir auf unseren Deutschlandtourneen über die Jahre kennenlernen durften. Während der Coronapandemie gab es Momente, als ich dachte, dass wir uns nie wiedersehen werden. Es war unglaublich schön, sie alle zu treffen und umarmen zu können. Es war unkompliziert wie immer, als läge unsere letzte Begegnung keine Woche zurück.
Hayden Miles: Wir fühlen uns aufgehoben bei ihnen, sind bei ihnen zu Hause zum Essen eingeladen, sie umsorgen uns. Der einzige Grund, weshalb wir jetzt wieder in Europa auf Tour sind, ist, dass sie sich so sehr ins Zeug legen. Wir schulden ihnen eine Menge!

Wenn Lars über euch und eure Band spricht, klingt es immer nach Freundschaft.
Kenny Miles: Das freut uns.

Was nicht oft vorkommt im Musikgeschäft.
Kenny Miles: Stimmt, aber wenn man sie bei der Arbeit erlebt, bekommt man den Eindruck, dass sie bei K&F Records auch untereinander Freunde sind. Lars, Elmer, Ronny, Hanna, Hannes, das fühlt sich jedes Mal wie ein Familientreffen an, wenn wir zusammenkommen. Wir freuen uns, dass wir ein Teil davon sein können.

Das Presseinfo zum neuen Album "Ish" erwähnt, dass anders als bei den Vorgängeralben "Mexico", "Joy!" oder "1% Juice" diesmal stärker euer religiöser Background anklingt; euer Vater ist Pfarrer einer Kirchgemeinde in Whitesburg, Kentucky.
Kenny Miles: Das trifft zu, ich hatte die Glaubenslehren, mit denen ich aufgewachsen bin, lange vernachlässigt und tue es eigentlich immer noch. Aber die Essenz davon ist nach wie vor präsent und diesmal mehr in den Vordergrund gerückt. Ich bin auch offener gegenüber unterschiedlichen Interpretationen unterschiedlicher Religionen. Ich verwendete viel Zeit darauf, mir einen Einblick in die verschiedenen Glaubensrichtungen weltweit zu verschaffen. Die Gemeinsamkeiten sind offensichtlich, das Phänomen des Wunders beispielsweise. Der Song "Fell In Love" handelt davon, wie überwältigend ein Morgenspaziergang sein kann. Wer sich darauf einlässt, erkennt, wie winzig wir Menschenwesen sind, wie viel Gewicht unsere Worte haben können. Raum zu lassen für Dinge, die wahr sein können, die möglich sein können, macht mein Leben reicher, bringt Schönheit in mein Leben.
Hayden Miles: Die Bildersprache ist diesmal sicherlich auch stärker in unserem religiösen Background verwurzelt. Auf eine Weise aber, dass die Inhalte weit hinausgehen über Glaubensfragen. Es geht mehr in Richtung praktische, menschliche Erfahrung allgemein.

Unter anderem auf welchen Song trifft das zu?
Hayden Miles: Am offensichtlichsten ist es bei "Free Lunch". Dort geht es um ein Paar, einen Baum, die Konsequenzen aus dem Abbeißen von einer Frucht und wie insbesondere die weibliche Songfigur damit umgeht. In gewisser Weise ist das aus dem Blickwinkel von Eva geschrieben. Kenny und ich debattierten intensiv die Bibelfigur der Lilly.
Kenny Miles: Sie kommt in der katholischen, nicht in der protestantischen Bibelerzählung vor. Vermutlich war Lilly Adams erste Frau und ebenfalls aus Erde gemacht. Sie sah sich als gleichwertig zu Adam an, weil sie nicht aus einer von seinen Rippen erschaffen war. Sie war ihm nicht gefügig genug, deshalb wurde sie aus dem Paradies verstoßen. Viele glauben, sie wurde von Gott verflucht. Andere sehen in ihr eine Ikone des Feminismus. Beide Bedeutungen zusammengeführt, ergeben eine reichere Geschichte.

Und der Albumtitel? "Ish", woher kommt das, von "Childish", "Boyish" oder etwas in der Art?!
Hayden Miles: Von all den Ishes, die man sich vorstellen kann. Müsste ich mir einen Spitznamen aussuchen, wäre das Ish, weil ich nie vollständig dieser oder jener Denkschule angehören wollte. Wir verwenden Ish als Synonym dafür, dass es nie eindeutig so oder so ist.

Ein ziemlich inhaltsstarkes Album wieder!
Kenny Miles: Das wird so sein, aber es ist kein schwieriges, kein düsteres Album, wie sich aus unserem Gespräch vielleicht schließen lässt. "Ish" ist manchmal sogar regelrecht lustig zwischen den Zeilen. Man möge es nicht allzu ernst nehmen. Es hat Spaß gemacht, das Album zu machen. Wir hoffen, dass es Spaß macht, das Album anzuhören.
Kenny Miles: Wir haben das Album mit leichtem Herzen gemacht. Hoffentlich kann man es mit leichtem Herzen hören.
Bernd Gürtler SAX 12/22

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