|   Rezension

Margo Price

Strays

(Loma Vista/Concord)

Humor hat sie, ihre Konzertbegleitformation hört auf den hübschen Namen The Pricetags! Vorrangig geschätzt aber wird Margo Price wegen der bemerkenswerten Fähigkeit, die Tragik ihrer bislang knapp vierzig Lebenslenze in grundaufrichtige, wortstarke Songpoesie zu verwandeln. Drei Studioalben sollten genügen, um sie aus der Heerschar von Mitbewerbern herausragen zu lassen. "Strays", Studioalbum Nummer vier, scheint ein Bookend unter die vielfach nicht eben von sonniger Heiterkeit überstrahlte Vergangenheit setzen zu wollen, um neue, kaum weniger brisante Themen anzugehen.

Foto: Alysse Gafkjen
Foto: Alysse Gafkjen

Margo Price ist die älteste von drei Töchtern einer Farmersfamilie aus Aledo, Illinois. Der Landwirtschaftsbetrieb, geführt in dritter Generation, muss wegen geänderter Agrarbestimmungen Konkurs anmelden. Die Eltern wechseln in Lohnarbeitsverhältnisse, sie wird zwecks Erwerb eines höheren Bildungsabschlusses an die Northern Illinois University geschickt.

Das behagt ihr gar nicht, Margo Price erinnert sich des Ballettunterrichts aus Kindertagen, beschließt Tänzerin zu werden, fühlt sich dann doch zur Sängerin und Songschreiberin berufen, zieht nach New York, von dort nach Los Angeles, bis sie in Nashville landet.

Wo sie sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt, heiratet und 2016/17 ihre ersten beiden Alben "Midwest Farmer's Daughter" sowie "All American Made" bei Jack Whites Third Man Records veröffentlicht.

In der Zwischenzeit sind Zwillinge geboren, zwei Jungs, einer der beiden stirbt kurz nach der Entbindung.

Wegen Trunkenheit am Steuer bekommt sie eine einwöchige Gefängnisstrafe aufgebrummt, der traurige Höhepunkt einer jahrelang gepflegten Neigung zu hochprozentigen Spirituosen und anderweitigen Drogenmissbräuchen.

Als sie im Erscheinungsjahr von "Midwest Farmer's Daughter" zu Saturday Light Live eingeladen wird, schlägt ihr erstmals der geballte Hass sozialer Medien entgegen. Sie wird als hässlich beschimpft, wegen ihrer markanten Nase angepöbelt und überhaupt, was hat ein Niemand wie sie in dieser renommierten Fernsehshow verloren?

Parallel dazu der tagtägliche Existenzkampf einer Hochbegabten, die versucht einen Fuß in die Tür des von Männern dominierten Musikbetriebs der Music City Nashville zu bekommen!

Aber das war gestern. "Been To The Mountain", der Eröffnungssong zu "Strays", ein schwer an Patti Smith oder die Doors erinnernder Orgelrocker, wirft dem, was gewesen ist, als erstes die Zeile "I got nothin' to prove/I got nothin' to sell" hinterher. Um später fortzufahren "I know the scent of death like a perfume/No, this ain't the end/I have been to the mountain/I have been to the mountain and back".

Das nachfolgende, von Tom Pettys Stammklampfer Mike Campbell elektrogitarristisch veredelte "Light Me Up" sieht "Rivers quake/Levees break".

Der Elektropopper "Radio", mit Gastsängerin Sharon Van Etten, erinnert an Übergriffigkeiten durch Musikmanager und Publikum, wenn es heißt "People try to push me around/Change my face and change my sound".

Wegen der Textzeile "Anytime you call/I will answer you", könnte "Anytime You Call" zum neuen "Stand By Your Man" avancieren.

An vorletzter Stelle des Albums ein von Cello und Violinen eingefärbtes "Lydia", entstanden im Gedanken an eine Frau, die feststellt, dass sie schwanger ist, aber nicht weiß, wie sie das Kind großziehen soll. Wird als nächstes ein Song zum Frauenrecht auf Abtreibung folgen? Wundern würde es nicht und wäre eine überfällige Ergänzung zu Loretta Lynns "The Pill", das seinerzeit das Thema Verhütung auf die Agenda setzte.
BG/TM


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