|   Rezension

Billy Bragg

The Million Things That Never Happened

(Cooking Vinyl/Indigo)

Für seine Enkelkinder inzwischen auch schon Grandpa Bill, gestand der Dreiundsechzigjährige neulich gegenüber dem britischen Tageblatt The Guardian. Keiner wird jünger, höchstens klüger und was das angeht, gibt Billy Bragg eine ausgesprochen passable Figur ab. "The Million Things That Never Happened" ist ein grandioses Alterswerk, ohne nostalgische Pirouetten, ohne Bitterkeit, ohne Besserwisserei und vorrangig das letzte Drittel der sechs Jahre seit dem Vorgängeralbum betreffend. Unschwer zu erraten, wo der Themenfokus liegt.

I don't want to change the world/I'm not looking for a new England/I'm just looking for another girl" verkündet Billy Bragg ziemlich zu Beginn seiner Karriere in seinem teils bei Simon & Garfunkels "Leaves That Are Green" sowie Thin Lizzy's "Cowboy Song" stibitzten und später von Kirsty MacColl gecoverten "A New England".

Obwohl mehr als offenkundig, dass der Punkster aus dem südenglischen Essex, Sohn eines Sales Managers und praktizierenden Hutmachers, sehr wohl auf ein neues, ein besseres England hinauswollte. Er sympathisiert mit Rock Against Racism, unterstützt 1984 den britischen Bergarbeiterstreik, ist beteiligt an Red Wedge, einer Musikerinitiative, die 1985 zugunsten der Labour Party in den Wahlkampf zog; der englischsprachige Wikipedia-Eintrag zu seiner Person unter der Kapitelüberschrift "Politics and activism", ist fast vom selben Umfang wie die Abhandlung zur Musikerkarriere! "A New England" etabliert aber eben auch ein Wesensmerkmal seiner Songs. Gesellschaftsthemen verhandelt Billy Bragg niemals ohne emotionale Komponente.

Diese Zweifaltigkeit aus Mitgefühl und Sozialkritik, überträgt "The Things That Never Happend" auf die jüngerer Vergangenheit, bereichert um die Weisheit der aufgelaufenen Lebenslenze, die unter anderem mit sich bringt, sich eigene Unzulänglichkeiten eingestehen zu können. "The kids that pull the statues down/They challenge me to see/The gap between the man I am and the man I want to be", heißt es in "Mid-Century Modern".

Eine "satire on a libertarian utopia" entdeckt The Guardian in "Freedom Doesn’t Come For Free", vom Fluch und Segen des Internets erzählt "Ten Mysterious Photos That Can’t Be Explained". Sowohl der Titelsong zu "The Million Things That Never Happened" als auch "Lonesome Ocean", "I Will Be Your Shield" und "Good Days, Bad Days" widmen sich Einsamkeit und Depressionen, gespeist erwartungsgemäß aus den Risiken und Nebenwirkungen der Coronapandemie, aber auch aus dem Umstand, dass bei Billy Braggs Lebensgefährtin eine Krebserkrankung diagnostiziert wurde.

Nur konsequent, dass die Arrangements zur Illustration der melancholischen Grundfärbung auf Anleihen bei Country und Folk zurückgreifen.
BG/TM

Video/Audio
"Mid-Century Modern"
"Freedom Doesn't Come for Free"
"Ten Mysterious Photos That Can't Be Explained"
"I Will Be Your Shield"

 

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