|   Rezension

James McMurtry

The Horses And The Hounds

(New West/PIAS)

Ein Song des Albums heißt "Vaquero" und ist gewidmet dem Filmdrehbuchschreiber Bill Wittliff, der überraschend 2019 einem Herzinfarkt erlag. Die Lokalpresse würdigte den Verstorbenen wegen seiner Überzeugung, dass es möglich sei, auch von seinem Heimatstandort Texas aus im Filmgeschäft mitzumischen. Er selbst erbrachte den Beweis, unter anderem stammt das Skript zu "The Perfect Storm" von ihm. James McMurtry sind vergleichbare Blockbustererfolge noch nicht vergönnt gewesen, leider. Hochverdient wäre es, sein Rootsrock, gepriesen als der literarisch anspruchsvollste weit und breit.

Geboren wird James McMurtry 1962 in Fort Worth, Texas. Mutter Josephine ist Englischlehrerin, der Vater Schriftsteller. Nicht irgendeiner, Larry McMurtry genießt den Ruf eines Literaturschwergewichts, gern auf eine Stufe gestellt mit Thomas Wolfe oder J.D. Salinger. Mehrere seiner bedeutendsten Romane dienten als Vorlage für ebenso herausragende Leinwandklassiker. Darunter "The Last Picture Show", angesiedelt im texanischen Kleinstadtmilieu der fünfziger Jahre um eine Jugendclique an der Schwelle zum Erwachsenwerden.

Was die hochgelobte Lebendigkeit der Charaktere, die bestechende Authentizität der szenischen Schilderungen seines alten Herrn angeht, kann Sohnemann mühelos mithalten. Die Detailfülle seines berühmten "Choctaw Bingo" benötigt einen eigenen Wikipediaeintrag, dass das Geschehen nachvollziehbar bleibt. "Nobody can manage to fit a novel into a five- or six-minute song like McMurtry", schwärmt das Onlinemagazin Paste 2015 nach dem Abhören von "Complicated Game", James McMurtrys politischster Albumveröffentlichung bislang. Thematisiert seinerzeit die Präsidentschaft von George W. Bush, als die USA das zweite Mal einen Krieg im Irak vom Zaum brachen.

Bis hinein in "The Horses And The Hounds" reicht der lange Schatten von damals. "Operation Never Mind" richtet den Fokus auf die Abgehängten, die Chancenlosen, die nur zu gern jeder Kriegspropaganda Glauben schenken, in der Hoffnung auf sozialen Aufstieg, wenn sie sich verheißen lassen. Dieselbe Bevölkerungsschicht, die im zivilen Leben die Scheißjobs verrichtet, um wenigstens halbwegs über die Runden zu kommen. Bloß kümmert es keinen, "'cause no one sees it on TV". Die Rahmenhandlung des Albums setzen Beziehungssongs, wobei sich der rettende Engel aus dem eröffnenden "Canola Fields" spätestens im hiphophaften "Ft. Walton Wake-Up Call" in eine ungnädige Gefährtin verwandelt hat, die ihre Partnerwahl von einst längst bereut. Der Erzähler versucht, ihrem Missmut mit Humor zu begegnen. Vergebens, im finalen "Blackberry Winter" ist das Ende der Beziehung besiegelt. Zwischendrin die Hommage an Bill Wittliff, dessen bürgerlicher Doppelvorname William Dale lautet. Songs mit Sogwirkung jedenfalls. Der Hörer wird nicht als unbeteiligter Beobachter zurückgelassen, sondern von der Sprachmagie hineingezogen ins Geschehen.
BG/TM

Video/Audio
"Canola Fields"
"If It Don’t Bleed"
 

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